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IT explained

sclable: Das “rapid everything” ERP

Vergangene Woche hatte ich das Vergnügen, an einer sneak peek für ein überraschend neuartiges ERP-System teilzunehmen. Das Wiener Startup sclable tritt an, um das SAP oder Oracle von morgen zu werden. Die Ansage ist natürlich zu stark, um zu halten, aber dennoch ist das Produktkonzept mehr als nur einen Blick wert.

Ich würde sclable als Scaffolding Framework mit Workflows und hübschem UI beschreiben. Sagt vorerst wenig: Man kann damit jedenfalls sehr schnell individuelle Workflows in Software gießen und bleibt überdies flexibel. Es klingt ein wenig nach Heiligem Gral der Softwareentwicklung: Vorteile von Standard- und Individualsoftware vereint in einer Lösung, das Ganze durch geschulte Mitarbeiter in Eigenregie durchführbar.

sclable besetzt mit dieser Idee eine – zumindest für mich – komplett neuartige Nische im Unternehmen irgendwo zwischen zur Unhandhabbarkeit gewachsenen Excels, dem von Haus aus unhandhabbaren Sharepoint, der schwerfälligen Business Class mit SAP Workbench oder Oracle Forms sowie der Plugin-Architektur von WordPress.

Bereits nach der kurzen Einführung würde ich mir zutrauen, beispielsweise einen Bestellworkflow für ein mittleres Unternehmen mit sclable innerhalb weniger Stunden umzusetzen. So schnell, wie ich in sclable editiere, kann ich beim besten Willen nicht programmieren.

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sclable at its best: Im Handumdrehen erstellte Entitäten werden mit beliebig komplexen Workflows verknüpft. Die graphische Darstellung ist bereits der halbe Weg zur Dokumentation.

Damit kommen wir zum wirklichen Vorteil: Durch die enorme Geschwindigkeit wachsen Spezifikation, Umsetzung, Test und Dokumentation zusammen. Es ist also vorstellbar alle Präsentationen, Powerpoints, e-Mails und Telefonate zu skippen und gleich gemeinsam mit dem Kunden loszulegen. Solange also die Aufgabenstellung zum Kern von sclable passt (“Mehrbenutzer-Workflow rund um ER-Modell”), ist’s ein Wahnsinns-Tool.

“Don’t ever fight a framework!”

Den Punkt, wo Customizing zur Vergewaltigung wird, darf man allerdings – wie bei jedem anderen Framework auch – nicht übersehen. Dann endet man schließlich wiederum in der Individualentwicklung, und hier würde ich dann generell zu Python/Django greifen. (Nun ja, da greife ich fast immer hin.)

Was paranoide oder Policy-geplagte CIOs beruhigen dürfte, ist außerdem die Info, dass das Produkt nicht nur als SaaS sondern auch on-premise laufen soll. Dank API sind Daten außerdem exportierbar, was langfristige Abhängigkeiten ohne Ausweg unterbindet.

Nachteil ist womöglich PHP als Runtime. Technisch ist es einfach pfui wegen fehlender Namespaces einer besch*** Standard Library, Patch-Wahnsinn, usw. Entwickler gibt’s jedoch genug. (Und mit Wikipedia oder Facebook gibt’s zugegebenermaßen ziemlich große PHP-Projekte, wo auch niemand über die Programmiersprache schimpft…)

Ich bin gespannt auf den Launch und weitere News von sclable.at!

Edit: Markus Nenning hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ERP eine nicht ganz korrekte Schublade für das Produktkonzept ist. Ich hab’s dennoch beim Titel belassen, da man sich mit bekannten Kategorien einfach leichter tut. Aber klar, mit der Flexibilität von sclable könnte man auch ganz andere Schubladen füllen – von Projektmanagement über CMS bis hin zu einem Universitätsverwaltungssystem.

hacks

Redesign SAP Finanzbericht

Zur Thematik, dass erfolgreiche ERP-Systeme nicht zwangsweise durch einfach bedienbare User Interfaces glänzen, habe ich bereits gebloggt. Spätestens, seitdem ich meine eigene Kostenstelle verantworte, war’s nun aber höchste Zeit, den Bericht, der mir Überblick über meine Finanzen geben sollte, zu überarbeiten.

Zu allererst ein Blick auf den Status Quo

Nach einigem Herumgeklicke und der Erkenntnis, dass SAP-Jahre aus 16 Monaten bestehen, erreiche ich Woche für Woche den Überblick über meine Kostenstelle im Look & Feel von Teletext, aka SAP GUI.

Der Bericht listet alle von mir unterschriebenen Rechnungen mit Betrag, Datum, Belegtext sowie Kostenart. Um den Leser nicht mit Details zu verwirren (so interessant sind meine Zahlen nun auch wieder nicht), habe ich die Berichtsstruktur hervorgehoben:

Der Bericht zeigt auf Kontierungselemente (Kostenstellen) gebuchte Kosten aufgeschlüsselt nach Kostenarten (Konten). Die Logik des Berichts orientiert sich mMn zu stark am System.

Im Großen und Ganzen befinden sich auf der Seite zwei interessante Blöcke: eine Übersicht oben links, sowie eine Tabelle mit den Buchungen darunter.

Wenn ich mir nun überlege, welche Aufgaben ich mit dem Bericht abwickeln muss, dann sind das nach absteigender Wichtigkeit:

  1. Überblick über Planungs- sowie Ist-Stand meiner Finanzen
  2. Details zu einzelnen Rechnungen (z.B.: im Falle von Reklamationen)
  3. Analyse meiner Kostenstruktur nach Zeit und Kostenart

Traurig, aber wahr: bereits der erste Task ist mit dem Bericht nicht ohne Weiteres möglich. Die Transaktion, also der SAP-Name für eine Bildschirm-Maske, listet entweder Plan- oder Ist-Daten. Die jeweils andere Ansicht erreicht man durch Beenden und Neustart des Berichts nach anderen Auswahlkriterien. (…)

Finanzbericht Marke Eigenbau

Eine kleiner Entwurf auf einer McDonalds-Rechnung (ein so genannter Low-Fidelity Mockup) und ein paar Stunden Datenexport, HTML, SQL, Javascript und Python später ist die Alternative fertig: Eine Webseite, die die drei oben genannten Tasks auf einen Blick ermöglicht.

Der Kasten oben links bietet mir die Gesamtsummen von Ist und Plan als Zahlen, zusätzlich verdeutlicht ein Prozentwert das Verhältnis (Wieviel ist schon weg?).  Darüber ein einziges Auswahlfeld für das Berichtsjahr, kein Formular-Moloch. Rechts daneben befindet sich Säulendiagramm, das mir dieses Plan/Ist-Verhältnis nochmal grafisch verdeutlicht. Bei mehreren Jahren – bei mir nicht der Fall – sieht man so automatisch den Budgetverlauf.

Die Details zu einzelnen Rechnungen finden sich darunter. Die Tabelle verwendet das jQuery-Plugin DataTables, welches Such-, Sortierfunktion und Pagination bietet. So sind ein Sortieren nach Datum, oder das Suchen einer bestimmten Rechnung keine große Hexerei. Die rein Client-seitige Umsetzung sorgt dafür, dass das Ding responsive bleibt.

Alternativvorschlag: Ein Überblick über Plan und Ist (gleichzeitig!) oben links, eine Tabelle aller Buchungen mit Sortier- und Suchfunktion darunter. Oben rechts ein paar grafische Darstellungen eben jener Daten.

Den Zuckerguss stellen die drei Diagramme im TabbedView oben rechts dar. Neben dem bereits besprochenen Jahresüberblick, gibt es noch ein Liniendiagramm, welches den Planungsstand mit dem Iststand unterjährig vergleicht. Dadurch dass auf Jahresebene geplant wird, ist eine kumulative Auswertung sinnvoll.

Die wichtigste Frage auf einen Blick beantwortet: Bin ich drüber oder drunter?

Abschließend noch eine Auswertung nach Kostenarten, die eine hierarchische Datenstruktur mit variabler Tiefe darstellen. In diesem Fall habe ich mich für eine Treemap entschieden. Diese codiert zwei Variable (Größe des Rechtecks entspricht der Summe; Farbe ist die Abweichung) in eine klickbare Fläche. Das “Entdecken” der Kostenzusammensetzung macht so richtig Spaß.

Sehr schöne Visualisierung einer hierarchischen Datenstruktur: die Größe entspricht der Summe, die Farbe der Plan/Ist-Abweichung

Die hier dargestellte Kritik an aktuellen Berichten ist positiv gemeint und soll keineswegs als SAP-Bashing missverstanden werden. Dass die Software derart erfolgreich war, ist und vermutlich bleiben wird, hat schon seine guten Gründe. Ich bin selbst überrascht, wie sich mein Blick auf eben jenen Bericht verändert hat, seitdem ich auch wirklich ein Anwender bin. (…)