Als Kind war eine meiner liebsten Beschäftigungen zusammen mit meiner Oma Geld zu zählen. Jeden Abend musste im Kaffeehaus der Tagesabschluss gemacht werden, und da konnte ich ganze Türme aus Münzen bauen. Später dann galt meine Faszination mehr den handlicheren Scheinen, inzwischen tut’s auch das Online-Banking. Hochgerechnet muss ich in meinen dreißig Jahren in Summe etwa 2.5 Millionen Euro in Händen gehalten und von hier nach dort verschoben haben. Seltsamerweise habe mich die längste Zeit nicht gefragt, was ich da zu Türmen schlichte, aus Automaten hole oder dem GIS überweise.
Geld. Es gibt vermutlich kein zweites Thema, dem ebenso so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, während man gleichzeitig so wenig darüber weiß.
Seit Immobilienblase, Finanz- und Schuldenkrise interessiert mich das Thema brennend. Als Softwareentwickler mit Naheverhältnis zu den Wirtschaftswissenschaften schreibe ich hier allerdings keinen Wikipedia-Artikel über Geld.
Vielleicht ist es die logische Konsequenz des technischen Voranschreitens, vielleicht ist es aber auch die herrschende Unzufriedenheit mit dem Finanzsystem: Im Internet finden sich jedenfalls zahlreiche Experimente rund um neue Formen von Geld.
Ich glaube, das Internet wird in naher Zukunft Alternativen zum uns bekannten Geld bieten.
Neue Formen des Bezahlens
Dwolla etwa ist ein Technologie-Unternehmen, das Bargeld online überweisen lässt. Die Disagio-Sätze liegen deutlich unter jenen arrivierter Kreditkartenunternehmen, was das Selling Argument des Produkts ist. Man benötigt dafür ein mit dem Dwolla-Netzwerk verbundenes, konventionelles Bankkonto.
Damit passt Dwolla in die Reihe von Angeboten, die unsere alltägliche Welt des Bezahlens nach und nach verändern, aber wahrscheinlich nicht grundlegend revolutionieren werden. Ebenso interessant ist Jumio (eigentlich nur weil aus Österreich), oder das, was rund um NFC im Kommen ist.
Bitcoin: Nerds drucken ihr eigenes Geld
Disruptiver ist da schon Bitcoin, eine digitale Währung, die dezentral auf den Rechnern der Teilnehmer geschöpft wird. Diese müssen dazu ihre Stromrechnung in die Höhe treiben, wenn ihre Rechner an einer kryptographischen Aufgabe heiß laufen (Bitcoin number crunching auf Wikipedia). Als Ergebnis erhält man einen digital signierten, fälschungssicheren Bitcoin, der – analog zu Edelmetallen – nicht beliebig vervielfältigbar ist. Die Währung ist daher inflationssicher, was politisch motivierte Anwender als Gegenentwurf zum vorherrschenden Geldsystem anpreisen.
Man stelle sich nur vor, wir hätten alle unsere eigenen Notenpressen zuhause stehen, die mit jedem gedruckten Schein jeweils ein wenig länger zum Produzieren benötigen, um schließlich im Jahr 2033 endgültig stehen zu bleiben. Unglaublich? Bitcoin ist real und wird gegen ebenso (ir)reale Währungen gehandelt.
Was will man eigentlich vom Geld?
Ein Bezahlsystem ist meines Erachtens nach elegant, wenn es
- anonym und
- günstig
ist. In Österreich gibt es zwei Systeme, die diesen Ansprüchen genügen: Bargeld und Quick. In der Online-Welt gibt es keine Bezahlart, die diese Anforderungen auch nur annäherungsweise erfüllt. E-Cash wäre anonym gewesen, hätte aber ein Referenzkonto bei einer Bank benötigt. Das System ist außerdem gescheitert.
Gehen wir also zur Frage zurück, was Geld wirklich ist. Das uns heute bekannte (wertlose) Fiatgeld entstand in Europa, als der Handel am Transport zu großer Summen in Münzen scheiterte. Vertrauenswürdige Gebietskörperschaften oder Banken begannen, Geld auf Papier zu drucken, was auch für die Emittenten den Vorteil hatte, Geld aus Nichts erfinden zu können. (Das führte wiederum zu Episoden gallopierender Inflation.) Der Wert des Gelds war ab diesem Zeitpunkt die Schuld eines anderen. Anders formuliert: Geld ist Vertrauen in die Bonität des Emittenten.
Heute entsteht Geld, entgegen dem Wissen vieler Menschen, nicht ausschließlich bei den Notenbanken; ein Großteil des Geldes wird bei normalen Geschäftsbanken im Rahmen der Kreditvergabe geschöpft. Somit ist die Aufgabe der Banken folgende: Überführung einer speziellen Schuld eines Einzelnen (Wohnbaukredit von Mathias Frey) in ein global gültiges, handelbares Versprechen der Zentralbank an alle (100.000 Euro).
Dies ist die – wenn auch äußerst verkürzt wieder gegebene – Funktionsweise unseres Geldsystems seit ein paar hundert Jahren.
Zeit für ein Gedankenexperiment
In einer Welt zunehmend voller Software sind uns keine Grenzen gesetzt. Was pathetisch klingen mag, stimmt nirgendwo so sehr, wie beim Geld, da es eine ebenso modellhafte Erfindung der Menschen wie Software ist.
Und nun kommt die moderne Welt ins Spiel: Was wäre, wenn wir die Rechenleistung sowie die Datenbasis hätten, die Bonität der Schuldner online zu überprüfen? Wir müssten bei Transaktionen keine abstrakten Euros oder Dollars der Banken handeln. Wir könnten diesen Zwischenschritt auslassen und unsere eigenen Schulden handeln.
Mit Systemen wie dem Web of Trust ist die Infrastruktur dafür vorhanden.
Wenn also Raiffeisen Rudolf Taschner von den Vorzügen kleiner Einheiten sprechen lässt, dann denken wir diesen Gedanken konsequent zu Ende: Die kleinste Einheit sind wirtschaftliche Individuen wie Privatpersonen oder Unternehmen. Könnten diese ihre eigenen Schulden handeln, wäre es zumindest eine interessante Idee.
Ich muss mir dann eben ein paar Münzen aufheben, damit ich auch im Alter noch Türme stapeln kann. Alles geht eben nicht digital.






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