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Die Menschheit kennenlernen; ein dringender Buchtipp

Wieder einmal sitze ich am Ende einer Reise in einer schicken Lounge, und wieder einmal ist es ein beeindruckendes Buch, das mich begleitet hat. Wieder einmal will ich davon bloggen.

Die kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari ist ein Geschichtsbuch wie kein anderes:

Harari zieht dabei Querverbindungen zwischen den großen Reichen Asiens, dem arabischen Raum, den Kulturen Mittelamerikas und unserer europäischen Sichtweise. Er erkennt Gesetzmäßigkeiten und beschreibt Muster dort, wo für unsereins Geschichte bislang lediglich eine Aneinanderreihung zufälliger Ereignisse war. Er widerlegt klar die Annahme, Geschichte folge einem höheren Sinn oder gar dem Willen eines Gottes. Religionen werden ebenso als irrationale, rein inter-subjektiv existierende Fantasieprodukte entlarvt, wie unser Glaube an Nationen, Geld oder allgemein gültiges Recht.

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Buchtipp, BUCHTIPP!!!

Er erschüttert romantische Vorstellungen, etwa dass Naturvölker jemals naturverbunden waren, oder dass wir überhaupt so etwas wie eine natürliche Lebensweise besäßen. Der Homo Sapiens ist eben jenes Tier, das seine gesamte Lebensweise abseits einer instinktgetriebenen Biologie zu vollführen vermag. Diese Erkenntnis ist erschreckend und befreiend zugleich, denn sie besagt, dass all unser (Zusammen-)leben rein ausschließlich auf Konvention beruht.

Harari vereint Biologie, Ökonomie, Sprach- und Religionswissenschaften zu einem Sinn-machenden Ganzen und erschafft damit einen so unglaublich umfassenden Bild menschlicher Geschichte. Eine Geschichte, die nicht am Ende ist.

Oder war dem Leser dieser Zeilen bislang klar, dass in der Steinzeit hauptsächlich Holz und Leder verarbeitet wurden, Indianer keine Pferde besaßen, das Halten landwirtschaftlicher Nutztiere am meisten den Menschen selbst domestizierte, politischer Einfluss heutiger Konzerne gegen jenen der holländischen oder britischen Ostindien Kompanien alt aussieht?

meta

Ich bin wieder da

Ich habe an dieser Stelle meine Väterkarenz angekündigt, nun will ich sie mit meinen lessons learned auch offiziell abkündigen.

Fünf Monate war ich nun mit meinem Kleinen zu Hause und habe mir im Zuge dessen eine nette Rückerstattung meiner Sozialversicherungsbeiträge gegönnt. Das Projekt einer fünfmonatigen Auszeit verlief allerdings doch ziemlich anders, als zunächst erwartet.

Zeit also für einen Rückblick:

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Philips erster Staatsfeiertag: Air Force One besucht Black Hawk

Fünf Monate Urlaub – cool!

Die Sozialversicherung zahlt – zwar in eigenartigen Intervallen aber dennoch – fürstliche 2000 Euro monatlich fürs Nixtun. Mit diesen 66 Euro pro Tag sollte man problemlos über die Runden kommen, vor allem, wenn man einen weiten Bogen um Bio-Babynahrung oder antiallergene Kinderkosmetik macht.

Mit der Einstellung, dass ich als Kleinkind Anfang der 80er die damalige “gute alte Zeit” überlebt habe, kann man dies auch getrost tun.

Mit Ignoranz lässt sich’s sehr entspannt ein Kind groß ziehen.

Schließlich bin auch ich groß geworden, in einer Welt mit Passivrauchen, deutlich höherer elektromagnetischer Strahlung und einer tatsächlichen Reaktorkatastrophe nebenan.

Philip lebt in einer tollen Welt, sogar ohne Lactose- und glutenfreier Kinderspeisen, Baby-Mineralwasser, feministischer Kinderliteratur oder Kleidung aus bio und fairtrade Produktion. All das habe ich in diesen fünf Monaten mit Staunen erlebt und erfolgreich ignoriert.

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Immer ein Tipp: Tiergarten Schönbrunn unter der Woche vormittags

Das Unvergessliche

Ich war dabei, als du deine ersten Wörter sprachst
Ich war dabei, als du laufen lerntest

Ich habe deine Mutter in dir erkannt
Und ich habe mich selbst in dir gesehen

Aus einem hilflosen Neugeborenen
ist ein kleiner Mann geworden

Ich habe dir meine Zeit gegeben
Du gibst ihr einen Sinn

Die Schattenseiten

Aus meiner geringfügigen Nebenbei-Tätigkeit wurde oft wieder ein Ganztagesjob. Karenziert zu sein – und das bedeutet volle Aufmerksamkeit für ein Kind und dessen Tagsablauf – und dennoch beruflich am Ball bleiben zu wollen, geht sich einfach nicht aus.

Funktioniert hat’s teilweise. Aber immer mit gehörig viel Stress.

An “echten” beruflichen Themen zu arbeiten ist tausendfach spannender, als sich um die scheinbar irrelevanten Probleme eines Kleinkindes zu kümmern.

Man hat letztlich also die Wahl zwischen Langeweile (nur Kind) und stressiger Langeweile (Kind und der Glaube, nebenbei produktiv sein zu können).

plan b
… und Plan B bei Schlechtwetter: das Haus des Meeres

Die Erkenntnisse

In der Zeit bin ich mit dem Kinderwagen rund 500 km durch Wien gefahren, davon rund 250 km allein die Mahü entlang.

Barrierefreiheit ist ein Thema, das ich nun in anderem Licht sehe. Mit Kinderwagen und Taschen – das Kind schlimmstenfalls am Arm statt in der beabsichtigten Sitzposition – macht’s einfach keinen Spaß, Treppen oder aber auch nur kleinere Hindernisse überwinden zu müssen. Und ja, liebe Leute mit gesunden Beinen, die ihr euch in meinen Lift in der U-Bahn drängt: Ich hasse euch, ehrlich!

immer gut aufepüasst
Während meiner Karenz hab’ ich immer gut auf ihn aufgepasst

Die Enttäuschung

Als große Enttäuschung des Projekts muss ich (Solo-)Mütter mit Kindern verbuchen.

Hier gingen meine freudigen Erwartungen kilometerweit an der trüben Realität vorbei. Ob im Kaffee, Museum, Park, in Geschäften oder sonstwo: Gesprächsthema war ausschließlich der Tagsablauf des jeweiligen Nachwuchs’. Während ich mich auf Parkbänken umzingelt von einsamen, an meiner Lebensgeschichte interessierten Frauen sah, so lief das in echt bis zum Verlust der Persönlichkeit: Aus Mathias wurde “Papa vom Philip”, aus gemeinsamen Cappuccino wurde “kurz das Flascherl halten”.

Dem Vernehmen nach soll die Situation am Land entschieden besser aussehen. Wenn Philip nur lieber Auto gefahren wäre, hätte ich meine Karenz wohl besser in Hainburg oder gar St. Pölten verbracht. In Wien 6 & 7 ist die Männerkarenz leider nix Besonderes. (Die hier endemische Frauenwelt hätte ich wohl besser mit dem Lactose-Gluten-Weltrettungs-Zeug beeindruckt; vielleicht ist ja das der Grund, warum Männer da mitmachen.)

woh erzogen
… und ihn wohl erzogen

Der Ausblick

Was nun kommt, ist womöglich zeit- und arbeitsintensiver, als das, was ich nun mit Freizeit und staatlicher Unterstützung erlebt habe. Ab März besucht Philip den Kindergarten, gleichzeitig arbeiten Isabella und ich wieder Vollzeit. Wie sich das alles ausgehen soll, bleibt mir ein Rätsel, das wir wohl oder übel auflösen werden müssen.

tldr;

Ich habe einen wunderschönen Film gesehen, den man nie mehr wiederholen kann. Ich glaube, ein guter Elterteil zu sein, bedeutet einen Marathon über Jahre zu laufen. Der Start ist gut absolviert und jetzt heißt’s Kilometer für Kilometer konsequent zu sein und nie die Kraft zu verlieren. Meine Karenz gab’s auch auf Instagram

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Von Kaffee und den großen Zusammenhängen

In unserer Maschinenfabrik – wie in allen anderen Fabriken ebenso – wird viel Kaffee getrunken. Besonders dann, wenn lang gearbeitet werden muss, weswegen das Kaffeetrinken auch im Interesse des Managements steht.

Uneinigkeit herrscht jedoch bis heute, ob allein der Kaffeekonsum bereits zu größeren Arbeitsleistungen führt, oder aber ob das Kaffetrinken eher die Folge erhöhter Arbeitsbelastung ist.

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Droge für die Wirtschaft: Kaffee

Die Kantinen

Wie auch immer, in den Fabriken gibt es jedenfalls mehrere Kantine in denen Kaffee verkauft wird. Die Kantinen werden von ihrer Rösterei beliefert.

Kantinen verkaufen in zwei Richtungen: Einerseits Kaffee an die Mitarbeiter, andererseits Kaffeemarken an das Management, damit dieses die Mitarbeiter bei Laune halten kann. Ist das Management wie so oft nicht bei Kasse, werden die Kaffeemarken gegen extrem lukrative Abnahmeverpflichtungen für noch mehr Kaffee in Zukunft getauscht.

Apropos Kaffee, wer gedacht hätte, in jeden Becher Kaffee kommen nur die feinsten Bohnen, der irrt gewaltig: Die Kantinen verdienen gutes Geld damit, frische Bohnen mit Kaffeesud zu vermengen – aber das ist lediglich ein unappetitliches Detail, das nichts weiter zur Geschichte beiträgt.

Die Chefetage

Das häufig wechselnde Management ist daran interessiert, möglichst viel zu produzieren. Andernfalls stehen die Mitarbeiter nämlich ziemlich sinnlos und bald ebenso ziemlich sauer herum. Aufgrund der langfristig eingegangenen Abnahmeverträge und den horrenden Schulden in Kaffeemarken gegenüber den Kantinen bleibt den Fabriken ohnehin immer weniger Spielraum. Bösartig könnte man behaupten, manche Klumpertfabrik existiere nur noch, um die Werkskantine am Laufen zu halten.

Es muss also auf Teufel komm raus produziert werden, um nicht gegen die Wand zu fahren:

Die einfachste Methode, den Output zu erhöhen war bislang, den Kaffeekonsum anzukurbeln. Dann muss man sich nämlich nicht mit der Verbesserung von Arbeitsabläufen, dem Schulen von Mitarbeitern oder dem Modernisieren von Maschinen herumschlagen.

Das Management bezahlt die Mitarbeiter mit Geld. Ist das Unternehmen mal nicht liquide, wird auch in Kaffeemarken bezahlt, was den Nebeneffekt haben soll, dass mit dem künftigen Konsum von Kaffee umso mehr produziert wird.

Das Gewerbeamt

In der Softwarefabrik passierte ein unangenehmer Zwischenfall: Einzelne Kaffemarken unterschiedlicher Kantinen wurden zu Gutscheinheften gebündelt und an Mitarbeiter oder andere Kantinen verkauft. Als sich herausstellte, dass die darin enthaltenen Marken wertlos waren, weil einige der ausstellenden Farbiken inzwischen geschlossen hatten, mussten auch die Kantinen schließen, die nun auf sinnlosen Marken saßen. Damit trocknete aber auch der Kaffeenachschub aus, und folglich wurden die Nachtschichten immer kürzer und die Produktivität der Fabriken immer geringer.

Seither ist das Gewerbeamt besonders aufmerksam und erlässt unaufhörlich neue Regelungen, um den Kaffeekonsum und das Ausstellen von Marken sicherer zu machen. Kantinen müssen genau Buch führen, wem sie Kaffee verkaufen, wer welche Marken führt und wem sie wiederum Kaffee schulden.

Die Rösterei

Die Rösterei beliefert die Maschinen-, aber auch Auto-, Sonnenbrillen-, Champagner- und die Schafkäsefabrik mit Bohnen. Nur die Kuckucksuhren- und Softwarefabrik haben ihre jeweils eigenen Röstereien anderdswo.

Das Geheimnis jeder Rösterei ist, dass sie auf einem unbegrenzten Vorrat an Bohnen sitzen. Wäre das nicht schon eigenartig genug, beschäftigen sie sich vor allem mit den Preisen von Kaffeemarken in den Betrieben. In den vergangenen Jahren wurde in den Fabriken nur noch immer gleich viel produziert, weswegen auch (oder eben weil?) die Nachfrage nach Kaffee stagnierte.

Die Mitarbeiter

Mitarbeiter sind dumme, in den Fabriken beschäftigte Kaffetrinker, die ab und zu befragt werden, wer von ihnen Teil des Managements werden soll. Eigenartigerweise dürfen sie nicht über die viel mächtigeren Röster abstimmen.

Mitarbeiter kaufen das, was in den Fabriken produziert wird. Manchmal scheitert es allerdings am Geld, was einen verhängnisvollen Teufelskreis auslösen kann: Kein Geld, kein Konsum, keine Jobs. Diesen Teufelskreis hat man vor hundert Jahren durchschaut und Parteien zu dessen Bekämpfung gegründet.

Die damals erstellten Rezepte greifen aber nicht mehr so gut. Nur eine Erklärung sind etwa die Postkoffeinisten, die gar nicht mehr an Kaffee interessiert zu sein scheinen. Auch ist die zunehmende Vernetzung mit anderen Fabriken ein Problem, weil Mitarbeiter zwar gern faul im eigenen Betrieb herumstehen, aber blöderweise der effizienten Smartphonefabrik aus Fernost ihre Produkte abkaufen.

Nach den oben geschilderten Vorfällen mit den wertlosen Gutscheinheften in der Softwarefabrik sind den Mitarbeitern die Kantinen ein Feindbild. Daher lieben sie es auch, wenn sich das Management um strenge Kontrollore beim Gewerbeamt kümmert, weil diese ja den Kantinen dann besonders auf die Finger schauen.

Blöd ist nur, dass das Managment die Kantinen wie einen Bissen Brot braucht. Denn mit Hilfe der Kantinen kann das Management Kaffee verschenken.

Die größte Kunst des Managements ist es letztlich, die von ihnen bitter benötigten Kantinen als Feindbild zu etablieren.

Die Kaffeeschwemme

 

Wie auch immer, der Becher Kaffee wurde in den vergangenen Jahren nicht mehr teurer, was Mitarbeiter freute, aber Alarmglocken beim Röster läuten ließ.

Die Rösterei hat sich folglich dazu entschlossen, Kantinen gratis mit Bohnen zu beliefern. Der Gedanke: Viel Bohnen führen zu viel Kaffee und das zu viel Output im Betrieb – und letztlich zu einem leichten Anziehen der Kaffeepreise.

Eigenartigerweise führte die Gratislieferung aber nicht dazu, dass mehr Kaffee getrunken wurde, und schon gar nicht zum eigentlichen Ziel erhöhter Produktivität. Die Kantinen sitzen nun haufenweise auf Bohnen und lagern diese aus Platznot beim Röster – und bezahlen dafür sogar noch.

Die Kantinen beklagen nämlich, dass sie trotz dieser einzigartig günstigen Belieferung durch den Röster vom Gewerbeamt malträtiert werden. Zu viele Vorschriften würden den Weg der Bohne zum Konsumenten behindern.

Die ganze Malaise zwingt den Chefröster, ehemals ein Mitarbeiter der Sonnenbrillenfabrik, zu einem höchst eigenartigen Schritt: Man schiebt noch mehr Bohnen in die Werkskantinen. Da man aber ohnehin bereits gratis beliefert, muss man sich mit einem Trick behelfen.

Man zwingt die Kantinen dazu, einen Teil der vom Management ausgestellten Abnahmeverträge und Kaffeemarken in den kommenden Monaten einzulösen. Das sollte den Kaffeekonsum um über 10% ansteigen lassen.

Bislang hat aber auch schon niemand den Kaffee getrunken, weil

  • im Betrieb immer weniger anstrengenden Nachtschichten stattfinden
  • viele Kantinen noch immer viel zu sehr mit dem Gutscheindebakel beschäftigt sind, das Management den Mietvertrag mit diesen Kantinen aber nicht beendet weil vordergründig Mitarbeiter sauer sein würden und langfristige Abnahmeverträge laufen aus denen das Management nicht herauskommt
  • Kantinen aufgrund strenger Regelungen an manche Mitarbeiter gar nicht erst verkaufen dürfen

Fraglich bleibt:

  1. Was ist diesmal anders? Warum soll das Werkel mit dem neuen Trick in Gang kommen wenn schon die Gratislieferung nichts bringt?
  2. Warum erkennt niemand den eigenartigen Widerspruch zwischen den Auflagen des Gewerbeamts und den Zielen des Rösters?
  3. Wie kann die Schafkäsefabrik durch mehr Kaffee gerettet werden, wenn ohnehin niemand mehr den Schafkäse isst?
  4. Wie kann das Management von Kantinen unabhängig bleiben, wenn es doch nur gewählt wird, wenn es Kaffee gegen Abnahmeverträge an die Mitarbeiter verschenkt?

tldr;

Das Kaffeeuniversum hat ein gehöriges Problem. Zum Glück wohnen wir nicht dort, sondern im schönen Europa.

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Google zerschlagen?

Seit vergangener Woche wird auf europäischer Ebene heiß über die Zerschlagung von Google diskutiert – und diese politische Initiative ist bereits ziemlich erfolgreich: Die Welt, 28.11.2014

Als Fanboy von Google habe ich damit ein großes Problem.

Was nämlich zunächst nirgendwo in den Anträgen und Berichten auftaucht ist, dass die – vorwiegend deutsche – Initiative großteils von Medienhäusern getragen wird, die ihre traditionellen Geschäftsmodelle gefährdet sehen. Und da kann man schon mal den Datenschutz oder freien Markt missbrauchen, um einen innovativen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Mir tut Google nicht leid, und ich fände es für den Werbemarkt auch besser, wenn wir konkurrierende Suchmaschinen hätten. Aber eine Lex Google aus den falschen Motiven hat nunmal nichts mit Demokratie zu tun.

Google, der Weltkonzern

Trotz aller medialer Präsenz – gemessen am Umsatz hat Google die Größe der OMV. So sehr der Technologiekonzern auch Treiber von Innovation und Wachstum sein mag, ein global unbedeutender Energiekonzern aus Österreich macht mit wenig Millionen Kunden dasselbe Geld.

Google, die Datenkrake

Was Googles Suchmaschine über mich zu wissen glaubt, lässt sich in den Anzeigeeinstellungen nachsehen. Laut Google bin ich zwischen 45 und 54 Jahren alt. Meine angeblichen Interessen reichen von Bankwesen, Online-Video (ok, das stimmt), über Essen und Trinken sowie Bücher und Literatur (bei wem wohl nicht?) zu Rap, Hip-Hop und Ego-Shootern (äh, nein!). Solange mein Werbeprofil derart “treffsicher” ist, fürchte ich mich nicht vor der kalifornischen Datenkrake.

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Meine Interessen laut Google. Vor dieser “Allmacht” habe ich keine Angst.

Interessanter als mein Werbe- bzw. Interessensprofil sind die privaten Inhalte in Gmail oder Drive. Unangefochten an der Spitze der Bedenklichkeit steht wohl die Location History, die ich aber auch freiwillig verwende.

Wo war ich punktgenau am 28.11.2014?
Wo war ich punktgenau am 28.11.2014?

Und genau diese Freiwilligkeit ist es, die Google mir stets zulässt (und die ich anderswo sehr wohl vermisse). Niemand zwingt mich, Google Produkte zu verwenden. Selbst deren Betriebssystem Android ist derart offen, dass ich innerhalb des Ökosystems genügend Alternativen zum Suchen, Browsen und Mailen vorfinde.

Google, der Monopolist

Ich kann problemlos Chrome gegen Firefox und die Suche gegen Bing oder DuckDuckGo tauschen. Ich wurde seitens Google noch nie in eine Ecke gedrängt. Ganz anders ist da beim mir verhassten Microsoft Office oder iOS – entweder man ist dabei oder eben nicht. Apple geht ja sogar so weit, die Hardware auch noch vorzuschreiben.

Aber damit haben letzlich deutsche Verlage kein Problem, sondern die würden sich ja sogar wünschen, das Apple der Welt das Kopieren digitaler Inhalte gegen eine Gebühr von 30% verunmöglicht.

Google, die Erfolgsmaschine

Google setzt den Großteil der hauseigenen Projekte ziemlich in den Sand – eine Nebenwirkung der für mich unvorstellbaren Innovationskraft des Konzerns. Oder erinnert sich noch jemand an knowl, answers, wave, usw? Das Asset von Google ist letztlich eine unerreichbar gute Suche. So unrreichbar gut, dass Microsoft noch so viel Geld in Bing stecken konnte, ohne dass es auch nur annähernd an die Qualität herankommt. Eigenartig, geht es letztlich doch “nur” um Mathematik, was ansich zu kopieren sein sollte.

Abfallprodukt der gescheiterten Projekte sind unzählige OpenSource-Projekte, -Libraries/-Frameworks, die im Google-Umfeld wachsen und finanziell unterstützt werden.

Als Unternehmer verdiene ich damit über Umwege gutes Geld und zahle meine Steuern. So funktionieren Innovation und Wachstum.

Mein Deal mit Google

Der Deal mit Google ist mir letztlich klar: Auf Basis eines Werbeprofils verdient Google gutes Geld, ich nutze dafür frei von Kosten oder Verpflichtungen Services, für die traditionelle Unternehmen tausende Euro pro Mitarbeiter und Jahr hinlegen. Und zusätzlich fällt aus der Google-Maschinerie das ein oder andere Projekt heraus, das ich ohne Lizenzzahlung zu Geld mache.

IT und Europa

Als Europäisches Parlament würde ich mir vielmehr die Frage stellen, warum es in Europa de facto keine IT-Konzerne (mehr) gibt. Vielleicht liegt es ja an der Rechtslage zum Thema Datenschutz (in Österreich krankhaft in Kombination zum Amtsgeheimnis), an Bürokratie und Steuern?

tldr;

Das Europäische Parlament will auf Druck von Verlagshäusern Google zerschlagen. Ich “freue” mich schon jetzt auf den damit verbundenen Wegfall der Gratisangebote wie Mail oder Drive. Andere IT-Konzerne sollten der EU vielmehr Dorn im Auge sein, aber die kooperieren letztlich mit den Inhabern geistigen Eigentums.

business

100 Tage selbständig

In den vergangenen Wochen höre ich immer wieder ein und dieselbe Frage: “Wie geht’s dir in der Selbständigkeit?” Die Frage klingt immer entweder etwas neidisch oder ziemlich besorgt. Es kommt ganz darauf an, ob jene fragen, die sich in ihrer Arbeitswelt gefangen fühlen, oder jene, die deren Sicherheit schätzen.

Kurzum: Mir geht’s sehr gut, ich bin weder verhungert noch blicke ich reumütig auf meine Entscheidung, zu gehen, zurück.

Meine Gesellschaft, die c99 Business Services GmbH, hatte inzwischen ihren ersten Geburtstag und kann sich über Bilanzgewinn und daher einen ordentlichen Zahlschein vom Finanzamt freuen. Mit sieben Kunden konnte ich sehr unterschiedlich gelagerte Projekte durchführen bzw. laufen einige davon ja noch. Und nein, mein ehemaliger Arbeitgeber ist keiner dieser sieben Kunden, womit ein oft vorgetragener “Vorwurf” entkräftet wäre.

Mit Exportanteil von knapp unter 30% wurde im ersten Jahr sogar etwas für die Exportwirtschaft getan, und ich kann behaupten, dass ich einen Arbeitsplatz geschaffen habe – vorerst nämlich meinen eigenen.

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Office – vor der Eröffnung. Inzwischen gibt es hier Boden, Leuchten und Arbeitstische.

Nach kurzer, aber schlimmer Zeit im home office wurde Anfang Juli in der Paulanergasse 8 das Büro bezogen. Zwischenzeitlich war ich auf einer Konferenz in Kanada, bei einem Workshop in Berlin, beratend in Hamburg und bald arbeite ich in Prag und Bratislava. Es ist also spannend!

Weniger Stress

Ich kann nicht behaupten, die Selbständigkeit wäre eine große Umstellung gewesen. Bereits an der WU durfte ich eigenverantwortlich handeln. Ich bin nun allerdings weniger interrupt driven, muss also weniger auf e-Mails und Telefonanrufe reagieren, als dass ich die Impulse selbst setze. Das führt dazu, dass auch mal einen Tag gar nichts passiert.

Und das führt zu merklich weniger Stress, auch wenn (oder eben weil?) die Arbeitszeiten nun noch unregelmäßiger als bisher sind. In Summe arbeite ich etwas weniger Stunden, aber in dieser Zeit deutlich intensiver. Mir unliebe Dinge musste ich bislang kaum machen.

Weniger Geld

Im früheren Arbeitsleben habe ich gut verdient. Insofern war das Thema Einkommen ein äußerst wichtiges Kriterium bei den Überlegungen zur Selbständigkeit.

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Die Rocket Giotto Evoluzione v2 – das teuerste Anlagevermögen im Unternehmen.

Vorsichtig kalkuliert muss ich nun 2000 EUR in der Woche Deckungsbeitrag erwirtschaften, um mein bisheriges Einkommen langfristig zu halten. Das bedeutet nicht, dass ich früher so gut verdient hätte. Ich muss nun aber für Büro, Hard- und Software, Infrastruktur, Sozialversicherung, Steuern und Abgaben, die Steuerberatung oder meinen Kaffeekonsum selbst aufkommen – und das auch wenn ich urlaube, in Schulungen sitze, krank bin oder bei Kunden Leerkilometer laufe.

Der Unterschied zwischen Umsatz und Netteinkommen ist somit frappierend – eine Tatsache, die Unselbständigen mit dem unsäglichen Dientsgeberbeitrag sehr gut versteckt wird.

Mehr Geld?

Eines ist schon jetzt klar: Mit dem bisherigen Geschäftsmodell – Individualberatung rund um das Thema Softwareentwicklungsprojekte – werde ich nicht reich. Irgendwo ist der erzielbare Stundensatz ausgereizt und den kann man nunmal nur mit einer gewissen Stundenanzahl multiplizieren ohne sich selbst zu zerstören. Skalieren würde das Vehikel mit dem Hinzufügen von Mitarbeitern, was angesichts der aktuellen Auftragslage in greifbarer Nähe ist. Schau’ ich mir allerdings das Thema Lohnnebenkosten und vor allem sonstige Anforderungen an einen Dienstgeber an – ich sitze derzeit etwa auf einer Baustelle, die ein Arbeitsinspektorat für meine Mitarbeiter nicht akzeptieren würde – dann ist das Risiko zu hoch.

Weniger Risiko (=Innovation)

Auch wenn junge Unternehmen oder – das leidige Thema! – Startups in aller Munde sind: Nicht alles ist Gold, was glänzt. In meiner alten Arbeitswelt saß ich mit hervorragenden Ressourcen ausgestattet in einer Position, die mir viel Raum zur Innovation ließ. (Die letzten drei Jahre dieses Blogs handeln letztlich davon.) Das bedeutete neben allen bürokratischen Mühen einen enormen Hebel, der nun fehlt. Mit dem Druck Umsatz zu machen, sind “Spielereien” derzeit ein Nischenthema. Das ist für den langfristigen Erfolg des Unternehmens wohl genau so schlecht, wie für den Spaß an der tagtäglichen Arbeit.

tldr;

Nach 100 Tagen Selbständigkeit sage ich: Der langfristige Spaß ist wichtiger, als ob man letzlich an die Sozialversicherung der Gewerblichen Wirtschaft sein Geld überweist, oder dies dem Dienstgeber überlässt. Für mich passt’s.

travel

Krakau

Die Zutaten zur inzwischen dritten Ost-Tour (Montenegro, Sofia) sind denkbar einfach: Der am entsprechenden Wochenende (halbwegs) günstigste Flug mit Austrian führt in eine bis dahin unbekannte Metropole im Osten. Ohne touristische Vorbereitung quartiert man sich im besten Hotel der Stadt ein und geht auch dementsprechend luxuriös essen.

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Im Studio des Bracka 6 wird feudal gehaust.
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In Wien hätte ich so ein Foto wohl nie im Leben gemacht…
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Gutes Essen, gute Stimmung, Sehenswürdigkeiten.
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Der Wawel, die Residenz der ehemaligen Könige Polens – wie passend!
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Der Hauptmarkt ist Treffpunkt der Touristen und zahlreichen Studenten.
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Wir essen im hervorragenden Pod Aniolami. Das Wildschwein ist zwar zu Tode gebraten, doch die Kellnerin macht alles wieder gut.
hacks

Die DIY-Ökonomie

Bislang war im Blog entweder von IT-Hacks oder von politisch-ökonomischen Themen zu lesen. Diesmal wage ich während einer Reise durch Japan die Synthese meiner beiden Interessen mit der – katastrophal erfolglosen – Simulation eines künstlichen Wirtschaftssystems…

Doch alles der Reihe nach: Simulationen sind ein enorm spannender Bereich der Informatik. Im Grunde geht es dabei darum, Ergebnisse weniger anhand bekannter Algorithmen zu errechnen, sondern das Verhalten von Lösungsteilen zu modellieren, um sich später das Gesamtergebnis einfach anzusehen.

Mit solchen Simulationen lässt sich etwa die Kreiszahl Pi berechnen, man kann voraussagen, ob die Wasserqualität eines Badesees hält, oder aber man simuliert einen Verkehrsstau oder einen Gebäudebrand.

Bestückt mit Wirtschaftsstudium und – wichtiger – langjähriger Erfahrung als Bürgermeister von SimCity und zahlreichen Siedler-Inseln, oder einfach mangels naturwissenschaftlicher Expertise, lag die Aufgabenstellung in meinem Fall jedenfalls am Tisch: Die Simulation einer künstlichen Marktwirtschaft bestehend aus Produzenten, Konsumenten, Einwohnern, Arbeitgebern, Produkten, Preisen und Steuern.

Die Wirtschaftsmodelle der Wuselspiele haben mit freien Märkten nichts zu tun. Im Screenshot: Widelands, ein Open Source Siedler-Klon.

Software-Agenten statt homo oeconomicus

Den Wirtschaftswissenschaften wird oft vorgeworfen, an den homo oeconomicus, also das rein rationale Verhalten der Akteure zu glauben. Dass es diesen homo oeconomicus nicht gibt, erkennt man beispielsweise daran, dass Kinos trotz Breitbandanschlüssen noch nicht komplett leer stehen, oder dass mein Fitnesscenter einen gut frequentierten Aufzug besitzt.

Auch im Reisegepäck dabei: Kahnemann, Langsames Denken, schnelles Denken, 2011. Lesenswertes Buch über die Irrationalität der Menschen, Buch bei Amazon.

Wie auch immer, Wirtschaftsprognosen sind gerade auch deshalb so schwierig, weil das Verhalten vieler Akteure komplett unterschiedlich abläuft und die Interaktionen unüberschaubar komplex sind. Ohne das Problem verstehen zu wollen, kann man jedenfalls versuchen, das Problem mit Rechenleistung zu erschlagen.

Meine Annahme: Warum nicht eine Vielzahl künstlicher, unterschiedlich agierender Agenten erschaffen und sie anschließend Wirtschaft spielen lassen. Dabei könnten etwa Konsumenten vorkommen, die sich bis auf ein Maximum verschulden, andere würden eisern sparen. Manche Produzenten wären schneller mit Investitionen, andere vorsichtiger.

Meine auf der Flugzeugserviette entworfene Ökonomie sieht jedenfalls so aus:

              -------------
              Markt
              -------------
              - Jobangebote
              - Löhne
              -------------
                  |
  -----------     |   -----------
  Arbeitgeber  ---+->  Einwohner
  -----------         -----------
      |                    ^
      |                    |
      v                    |
  -----------         -----------
   Produzent   <--+--  Konsument
  -----------     |   -----------
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               ------------
               Markt
               ------------
               - Produkte
               - Preise 
               - Steuern
               ------------

Nach einer schlaflosen Nacht zwischen Minsk und Vladivostok und einem weiteren High-Speed Hack im Shinkansen von Tokio nach Kyoto ist sie also fertig – meine künstliche Wirtschaft mit hundert Einwohnern und sieben produzierenden Firmen, gegossen in ein paar Python-Module und einen Volkswirtschaftssimulator, der über zehn Jahre hinweg Bevölkerungszahlen, BIP, Privat- und Firmenvermögen sowie Jobs und Arbeitslosenrate misst. Einwohner suchen sich Jobs, verdienen Geld und geben es nach Lust und Laune wieder aus.

Meine Volkswirtschaft in Python gegossen. Links die Vermögens- und Arbeitsmarktstatistiken meiner Modellwelt.

Klingt vielleicht beeindruckend, ist es aber nicht: Statt Antworten eröffnen sich volkswirtschaftliche Lücken.

Woher kommt eigentlich das Wachstum?

Meine modellhafte Volkswirtschaft kann zwar nicht alle hundert Einwohner ernähren, aber nach ein paar Monaten hat der Großteil der Leute einen Job gefunden. Die Arbeitslosenrate sinkt – auch dank der Verhungerten – auf Null und dann passiert… nichts. Die Firmen verdienen genau das Geld, das sie wiederum den Arbeitenden auszahlen. Das BIP stagniert, woher käme denn auch das Wachstum?

Zahlreiche ökonomische Theorien beruhen auf der Ansicht, Wachstum entstünde zwangsweise durch Ausbeutung von Ressourcen. Ganz egal, ob nun damit etwa die Natur (Physiokratie), Arbeiter (Marxismus), deren Kombination in Übersee (Globalisierungskritik) oder das Sparvermögen des Mittelstands (“Draghismus“) gemeint sind. Das Gegenstück zu den diversen Ausbeutungstheorien bildet Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Diese besagt, dass Wachstum aus neuen Ideen entsteht, aus der Zerstörung des Alten und Erschaffung des Neuen.

Nun ja, im angesprochenen Programm sind alle Optionen für Wachstum absent: Die Bevölkerung arbeitet bereits unter Vollauslastung, es gibt keine unentdeckten Bodenschätze und disruptive Innovation ist irgendwie schwer zu simulieren…

Weitere Stunden später, in denen ich meine Liliput-Ökonomie weiter parametrisiert und einen etwas intelligenteren Marktmechanismus (Preise und Löhne) implementiert habe, gebe ich schließlich entnervt auf. Wirtschaft ist wohl nicht zu simulieren, denn die Komplexität ist nicht abbildbar. Während bei technischen Aufgabenstellung oft das Prinzip Divide and Conquer zum Erfolg führt, ist das hier nicht machbar: Entweder es ist alles berücksichtigt (Lohnverhandlungen, Preisbildung, Investitionen der Unternehmen, Kundenpräferenzen für deren Produkte, Steuern, Subventionen, Arbeitslosenunterstützung, Unternehmensgründung durch einstige Konsumenten, Währungen, Zinsen, Staaten, Banken, usw.) oder die Simulation bleibt ein netter Zeitvertreib – was es allerdings wirklich gewesen ist.

Was ich dennoch gelernt habe

  1. Am Schlimmsten sind die Sparer unter meinen Einwohnern: Denn deren Konsumverzicht häuft unproduktives Kapital an.
  2. Mein in der Folge chronischer Hungersnöte eingeführtes Grundeinkommen hat die Modellwirtschaft nachhaltig stabilisiert. Zum Teil finanziert sich mein Staat über die Umsatzsteuer, ebenso findet aber eine massive Umverteilung vom Staat in Richtung Unternehmen statt. Der Staat mach also in jeder Modellvariante Schulden, damit Arbeitslose von Produzenten kaufen können. Folglich werde ich Arbeitslosenunterstützung künftig auch als Subvention für die Wirtschaft begreifen.
  3. Ein Käufermarkt, wo sämtliche Grundbedürfnisse der Menschen vielfach befriedigt sind, und Geld über massives Marketing nicht-lebensnotwendiger Produkte gemacht wird, wäre wohl gar nicht mehr zu simulieren.
  4. Im Urlaub sollte man keinen Notebook dabei haben.
politisches

Der Schwiegertiger am Puls der Zeit

Mein nächster Blogpost sollte eigentlich der Welt erklären, dass wir gleichzeitig Inflation und Deflation erleben, warum Rohstoffspekulanten deutlich besser als ihr Ruf sind und weshalb Öl der Sorte Brent trotz Konjuktureinbruch weiterhin teuer bleibt.

Angesichts dieser makroökonomischen Zeitverschwendung Recherchen hätte ich beinahe die wirtschaftlich-soziale Revolution im eigenen Mikrokosmos übersehen: Meine Schwiegermutter ist nach Wien übersiedelt!

Während die ersten meiner Freunde beginnen, ihre Lebensträume unter suburbanem Fertigteilbeton zu begraben, startet meine Schwiegermama das Gegenprojekt am Puls der Zeit: Sie verkauft Haus und Auto, findet eine traumhafte Wohnung nahe dem neuen Westbahnhof, richtet modern ein und genießt seitdem Leben und Möglichkeiten der großen Stadt.

Vergangenes Jahr noch waren die Betankung des Heizkessels, der steigende Spritpreis, wucherndes Unkraut oder drohende Frostschäden Themen, die Sorgen bereiteten. Jetzt sind die optimale Wochenplanung unter Berücksichtigung sämtlicher (Gratis-)Angebote Wiens oder eine womöglich anstehende Fernreise nach Südafrika die dominanten Themen.

Sozialkontakte, Unterhaltungsangebote, Reduktion der Fixkosten; was in der Sphäre des Einzelnen als Aufwertung der Lebensqualität bilanziert, ist auch im gesellschaftlichen (und somit gesamtwirtschaftlichen) Kontext wünschenswert. Leider gilt hierzulande nach wie vor die Idylle vom Haus im Grünen als erstrebenswertes Idealbild – ganz egal ob man sich selbst als Kleingärtner, Landadeligen, Naturbursch’ oder Biobauern sieht.

Doch das Leben am Land hat mit Natur reichlich wenig zu tun: Man sitzt am Ende in einer überdimensionierten Fertigteilschachtel, die von allen Seiten dem Wetter ausgeliefert ist und daher mit großen Kosten beheizt werden muss. Selbst kleine Einkäufe lassen sich nur per Auto erledigen, der Arbeitsplatz ist ohnehin kilometerweit entfernt. Mit etwas Glück grenzt das Gründstück an eine landwirtschaftliche Fläche, sodass man sich dank der Spritzmittel den Weg zur Apotheke oder einen allzu langen Lebensabend erspart.

Wer die Natur wirklich liebt, wohnt nicht in ihr!

Städte sind besser als ihr Ruf!

Armut, Elend, Kriminalität und Krankheit: Seit der industriellen Revolution wird die Stadt in der Literatur meist negativ wiedergegeben. Dabei – so meint Edward Glaeser, dessen Buch ich nur wärmstens empfehlen kann – unterlagen Charles Dickens und alle Autor_inn_en nach ihm einem Wahrnehmungsproblem: Die Stadt machte die Not der Menschen lediglich deutlich sichtbar. Der Tod am Land hingegen war schon damals ein einsamer.

Edward Glaeser, Triumph of the City: Amazon.de

Nun gibt es in Wien weder DharaviKhayelisha oder Rocinha, die Meinungen über das Leben in Wien erreichen aber durchaus schreckliche Ausmaße: Giftige Abgase, kein bisschen Grün, Lärm, kriminelle Ausländerhorden, Jugendbanden, überfüllte U-Bahnen, Parkplatzmangel, gelb-brauner Schneematsch im Winter, unerträgliche Hitze im Sommer. Auch ich konnte mir, als ich 2000 zum Studieren nach Wien kam, nicht vorstellen, dauerhaft hier zu bleiben.

Die Zukunft liegt wieder in der Stadt

Ich meine, Österreich verschwendet zu viele seiner (meist teuer importierten) Ressourcen mit der Fragmentierung des Raums. Unnötige Wege und ineffiziente Logistik tun nicht nur der Umwelt weh, sondern auch jeder einzelnen Brieftasche. Unsere Volkswirtschaft ist angesichts anhaltender “Landliebe” trotz fünfthöchstem Motorisierungsgrad Europas schlicht nicht mehr lange konkurrenzfähig: So ist etwa jede Postamtschließung im hintersten Waldviertel trotz mobiler Bevölkerung ein Skandal. Der Wahnsinn, dank Pendlerpauschale und Wohnbauförderung wird diese Fehlentwicklung auch noch staatlich unterstützt.

Ein Hoch also auf meine Schwiegermutter! Sie ist der Anfang einer neuen, unaufhaltsamen Lebenseinstellung!

Die Rechtschreibkorrektur meines Android-Smartphones tut sie zwar weiterhin als Schwierigmutter ab, aber das wird das nächste Update schon beheben. Willkommen in Wien!

finance

Mathias’ Krisenportfolio

Die Finanz-, Staatsschulden-, Wirtschafts- oder Eurokrise bleibt ein Schrecken ohne Ende. Indes macht sich nicht nur bei mir Angst vor Inflation breit; kein Wunder, ist der Effekt der Geldentwertung bereits bei Immobilien oder Gütern des täglichen Lebens sichtbar (Lesetipp: Wie teuer ist teuer?). 

Was tun gegen Inflation?

Inflation bedeutet, dass Geld im Gegensatz zu anderen Vermögensklassen an Wert verliert. Die simple Strategie gegen Inflation lautet daher, Vermögen in Werte abseits von Geld zu investieren.

An steigenden Immobilienpreisen – insbesondere bei Wohnungen im städtischen Raum – ist der Trend hin zum “Betongold” ohnehin bereits gut abzulesen. Doch was tun, wenn eine Immobilie nicht in Frage kommt – sei es aufgrund zu kleiner Ersparnisse oder der doch recht beträchtlichen Risiken wie etwa Bauschäden oder Mietausfall?

Krisensichere Geldanlage

Folge der Kursentwicklung auf Twitter! (Technische Details dazu im folgenden Blog-Post.)

Wohin mit 100.000 Euro?

Egal ob unsere Sorgen der Inflation oder gar dem Horrorszenario “Eurocrash” gelten, es gibt für diese Fälle Alternativen zur Sichteinlage bei der Hausbank.

Ich lege hier meine aktuellen Investmententscheidungen offen und werde versuchen, ab und zu Updates zur Kursentwicklung zu liefern. Der Einfachheit wegen rechne ich mit fiktiven 100.000 Euro Investitionssumme – bei meiner tatsächlichen Anlage ist es leider deutlich weniger – der dargestellte Mix mit Ausnahme der Uhr und den Goldmünzen entspricht meiner tatsächlichen Anlage.

Rohstoffe

Die beste Absicherung gegen steigende Warenpreise ist an der Wertentwicklung von Waren teilzuhaben. Wer Metalle, Öl, Baustoffe und Nahrungsmittel – so genannte commodities – allerdings nur in begrenzten Ausmaßen einlagern kann, hat die Chance über exchange traded funds an Warentermingeschäften teilzunehmen.

Commodity ETF Kurs Stück Summe
Summe 23850
Jim Rogers Int’l Commodity Index LU0249326488 26.50  900  23850

Aktien

Unternehmensanteile gelten wie Warentermingeschäfte als risikoreich. In Zeiten hoher Inflation sind sie dennoch eine wichtige Alternative zu Sichteinlagen. Ich habe mich in meiner Auswahl auf Aktien von marktführenden Unternehmen in krisensicheren (defensiven) Branchen konzentriert. Zusätzlich zur Chance auf Kursentwicklung bieten insbesondere die Aktien unten teilweise hohe Dividenden (in der vierten Spalte ist die Dividendenrendite eingetragen).

Getankt wird immer. Mathias, Massinga (Mocambique) 2011,
Google Maps
Aktien Kurs Dividende Stück Summe
Summe 59312
Novo Nordisk DK0060102614 118.32 2.1%  65  7690
Altria US02209S1033 28.51  5.33%  300  7653
Umicore BE0003884047  35.32  3.24%  200  7064
Fuchs Petrolub DE0005790406  40.80  3.25%  180  7344
Nestle CH0038863350 48.64  3.61%  150  7296
Pfizer US7170811035 18.21  3.7%  400  7284
BP GB0007980591  5.40  8.4%  1400  7560
Shoprite ZAE000012084  15.64  –  480  7420

Sachwerte

Während die bisher knapp 85% meines Portfolios das Szenario “Inflation” abdecken kommen nun 12% “Eurocrash”. Gold wird auch weiterhin einen Wert besitzen, und die Uhr trägt man am Besten (vorsichtig) mit Freude an der Sache. (Geschmäcker sind verschieden, es gibt glücklicherweise genügend wertstabile Uhrenmarken.)

Sachwerte
Summe 12225
Rolex Milgauss GV Referenz 116400GV 5500
5 Philharmoniker 1oz 1345/Unze 6725

Barvermögen

Die restlichen 5% bleiben als Sichteinlage bei der Bank.

Bargeld
Summe 4613
Sichteinlage ING DiBa, aktuell 1.5% 4613

Performance

Da das Portfolio zur Absicherung gegen Inflation oder Währungscrash dienen soll, ist es mitunter nicht schlau, die Performance ausschließlich in nominellen Euros auszudrücken. (Insbesondere weil ich – wie auch im eingangs verlinkten Artikel dargestellt – an deutlich höhere Inflationsraten glaube…)

Messen wir daher die Performance meiner Investition von 100.000 Euro in Kaufkraft. Hier ein kleiner Überblick, was man heute – 9.7.2012 – um 100.000 Euro bei mir im Grätzel kaufen kann. (Die von mir gewählten Produkte sind alle hoch standardisiert, unterliegen keinem technologischem Wandel und sind österreichweit gut vergleichbar.)

Kaufkraft
Royal TS Menü mit Salat 5.79 17271.16 Menüs
Benzin ROZ 95 (e-control Spritpreisrechner für 1070 Wien) 1.399 71479.63 Liter
ORF/GIS Gebühren 49.76/2 Monate 334.94 Jahre Fernsehen
Jahresstromverbrauch 3000kWh (e-control Tarifrechner für 1070 Wien) 540.04 (stromdiskont.at) 185.17 Jahre
Immobilie 51-80m², 1070 Wien (immopreise.at) 4486 Euro/m² 22.29m²
IT project management

IT-Outsourcing – heilige Kuh des Managements

Auf meinem Flug nach Mumbai sehe ich eine Dokumentation über den Bau des Londoner Aquatics Centre, dem Landmark der Olympischen Spiele 2012. Selbe Architektin, noch größere Dimensionen spielen sich bekanntlich derzeit am Campus WU ab. Angesichts dieser ehrfurchtgebietenden Superlativa drängt sich eine Frage auf, die ich in den vergangenen Monaten immer wieder gehört habe: “Warum wird die Campus-Software von der WU selbst und nicht von professionellen Anbietern entwickelt?”

Eigentlich sind es zwei Fragen, die hier gestellt werden:

  1. Warum greifen wir nicht auf Standard-Software zurück?
  2. Warum wird Individualsoftware nicht durch Externe entwickelt?

Eins vorweg: Natürlich verwenden (und vor allem integrieren) wir Standardsoftware. Softwareentwicklung wird bei uns in den unterschiedlichsten Konstellationen und natürlich auch von Externen durchgeführt. Aber wir entwickeln etwa mit der Raumbuchung, dem automatisiertem Schließsystem oder den digitalen Hörsaalanzeigen viele Kernthemen der IT am Campus aus gutem Grund selbst.

Kabeltassen im Gebäude W1E - hier fließt schon bald unsere Software durch die Leitung.

Um bei einer Metapher des Bauprojekts zu bleiben wirkt es so, als ob wir unsere eigenen Maschinen, unseren eigenen Stahl und unseren eigenen Beton herstellten. Was bei klassisch-produzierenden Unternehmen sich wohl kaum rechnen würde, ist in der Softwareentwicklung allerdings Normalität. Durch den Wegfall von Fixkosten (keine Stahlwerke notwendig) und die de-facto nicht gegebene Standardisierung habe ich bei jedem Teilprojekt die Möglichkeit, eine individuelle make-or-buy Entscheidung zu treffen.

Make or buy?

Für eine Eigenerstellung sprechen jedenfalls die Kosten: Um Urlaubs- und Fehlzeiten bereinigte Stundensätze interner Entwickler betragen rund ein Drittel jener von Externen. Dass bei Dienstleistern und Softwarehäusern ständig die richtigen Experten abrufbereit säßen, ist ein leider allzu weit verbreiteter Irrglaube. Hüben wie drüben muss man Einarbeitungszeiten, Schulungen und Irrwege letztlich bezahlen.

Kommunikation unter Kollegen ist jedenfalls einfacher, als Projektmanagement zwischen Unternehmen. Mit Pflichten- und Lastenheften, die Sales oder Legal jedoch nicht den Entwicklern dienen, mit juristischen Prozessen rund um Beschaffung oder service level agreements, mit Excel-bewaffneten Consultants, die eine zusätzliche Abstraktionsschicht zwischen Anforderung und Umsetzung einziehen, entwickeln sich IT-Projekte sehr schnell zu bürokratischen Meeting-Marathons. Auf diesem Weg entstandene Software tut am Ende oft ganz anderes, als es die Prozessdokumentation sagt, und die Kosten stehen schließlich in zweifelhaftem Verhältnis zum Ergebnis. Ich habe mehrfach die paradoxe Situation erlebt, dass ein schneller, interner Hack bereits fertig war, bevor noch ein Kick-Off stattfand. (…)

Gleichzeitig gibt es allerdings eine Reihe an IT-nahen Dienstleistungen, die sehr gut ausgelagert werden können: Betrieb von Hardware, Grafik-Design oder Dateneingabe sind Beispiele, wo ich kaum überlegen würde.

Immer wenn die technischen Anforderungen entweder niedrig oder extrem hoch sind, jedenfalls  aber wirklich nur wenn die Anforderungen der Benutzer klar sind, dann zahlt sich Outsourcing aus.

Denn dann sind Leistungen überschaubar und somit Preise verhandelbar, und man profitiert vom Spezialwissen der Experten. (Das Stacey Diagramm lässt sich also womöglich auch für make-or-buy Entscheidungen vergewaltigen.)

Die Standarsoft-Mär

Wäre die Diskussion über die Vorteile interner und externer Individualentwicklung nicht ohnehin hinfällig, würde man von vornherein auf Standardsoftware setzen? Nun, vieles, was bei Individualentwicklung zum Einsatz kommt, ist ohnehin standardisierte Software in Form von Betriebssystemen, Datenbanken, Frameworks und Libraries. Software zu entwickeln bedeutet zu einem großen Teil, derartig generell-anwendbare Bausteine zu einem individuell-leistungsfähigen System zu kombinieren.

Gleichzeitig ist vieles, was Standardsoftware heißt, fernab von Standardisierung, wie man sich das etwa bei einem Auto vom Fließband vorstellt. Auch wenn Banken, Airlines oder eben Universitäten Software der Big Player einsetzen, so passiert bei der Integration ins Unternehmen zwangsweise immer wieder dasselbe: Früher oder später enden die Möglichkeiten des Customizing, und Berater, Sub-Firmen oder interne Entwickler schreiben spezialisierte Programme, um das Ding zum Laufen zu bringen. Das bedeutet aber auch, dass die Abhängigkeit von einzelnen Personen auch bei Standardsoftware nicht geringer ist.

Business-IT ohne Abhängigkeit von einzelnen Schlüsselpersonen ist eine Mär!

Mit steigender Komplexität der Anforderungen wird es also zunehmend unwahrscheinlich, dass ein Anbieter genau das erfüllt, was ein ein Unternehmen benötigt. Das Resultat heißt bei Standardsoftware dann erst wieder Individualentwicklung.

Indien - Land der IT-Hotlines und heiligen Kühe. Mathias, Mumbai 2012.

Und hier schließt sich der Kreis, zu den oben gestellten Fragen. Ich genieße jetzt mal meine Tage in Indien – übrigens ein Land, wo mein Job aus genannten Gründen doch nicht so schnell hinwandern wird…