Tag Archives: ökonomie

hacks

Die DIY-Ökonomie

Bislang war im Blog entweder von IT-Hacks oder von politisch-ökonomischen Themen zu lesen. Diesmal wage ich während einer Reise durch Japan die Synthese meiner beiden Interessen mit der – katastrophal erfolglosen – Simulation eines künstlichen Wirtschaftssystems…

Doch alles der Reihe nach: Simulationen sind ein enorm spannender Bereich der Informatik. Im Grunde geht es dabei darum, Ergebnisse weniger anhand bekannter Algorithmen zu errechnen, sondern das Verhalten von Lösungsteilen zu modellieren, um sich später das Gesamtergebnis einfach anzusehen.

Mit solchen Simulationen lässt sich etwa die Kreiszahl Pi berechnen, man kann voraussagen, ob die Wasserqualität eines Badesees hält, oder aber man simuliert einen Verkehrsstau oder einen Gebäudebrand.

Bestückt mit Wirtschaftsstudium und – wichtiger – langjähriger Erfahrung als Bürgermeister von SimCity und zahlreichen Siedler-Inseln, oder einfach mangels naturwissenschaftlicher Expertise, lag die Aufgabenstellung in meinem Fall jedenfalls am Tisch: Die Simulation einer künstlichen Marktwirtschaft bestehend aus Produzenten, Konsumenten, Einwohnern, Arbeitgebern, Produkten, Preisen und Steuern.

Die Wirtschaftsmodelle der Wuselspiele haben mit freien Märkten nichts zu tun. Im Screenshot: Widelands, ein Open Source Siedler-Klon.

Software-Agenten statt homo oeconomicus

Den Wirtschaftswissenschaften wird oft vorgeworfen, an den homo oeconomicus, also das rein rationale Verhalten der Akteure zu glauben. Dass es diesen homo oeconomicus nicht gibt, erkennt man beispielsweise daran, dass Kinos trotz Breitbandanschlüssen noch nicht komplett leer stehen, oder dass mein Fitnesscenter einen gut frequentierten Aufzug besitzt.

Auch im Reisegepäck dabei: Kahnemann, Langsames Denken, schnelles Denken, 2011. Lesenswertes Buch über die Irrationalität der Menschen, Buch bei Amazon.

Wie auch immer, Wirtschaftsprognosen sind gerade auch deshalb so schwierig, weil das Verhalten vieler Akteure komplett unterschiedlich abläuft und die Interaktionen unüberschaubar komplex sind. Ohne das Problem verstehen zu wollen, kann man jedenfalls versuchen, das Problem mit Rechenleistung zu erschlagen.

Meine Annahme: Warum nicht eine Vielzahl künstlicher, unterschiedlich agierender Agenten erschaffen und sie anschließend Wirtschaft spielen lassen. Dabei könnten etwa Konsumenten vorkommen, die sich bis auf ein Maximum verschulden, andere würden eisern sparen. Manche Produzenten wären schneller mit Investitionen, andere vorsichtiger.

Meine auf der Flugzeugserviette entworfene Ökonomie sieht jedenfalls so aus:

              -------------
              Markt
              -------------
              - Jobangebote
              - Löhne
              -------------
                  |
  -----------     |   -----------
  Arbeitgeber  ---+->  Einwohner
  -----------         -----------
      |                    ^
      |                    |
      v                    |
  -----------         -----------
   Produzent   <--+--  Konsument
  -----------     |   -----------
                  |
               ------------
               Markt
               ------------
               - Produkte
               - Preise 
               - Steuern
               ------------

Nach einer schlaflosen Nacht zwischen Minsk und Vladivostok und einem weiteren High-Speed Hack im Shinkansen von Tokio nach Kyoto ist sie also fertig - meine künstliche Wirtschaft mit hundert Einwohnern und sieben produzierenden Firmen, gegossen in ein paar Python-Module und einen Volkswirtschaftssimulator, der über zehn Jahre hinweg Bevölkerungszahlen, BIP, Privat- und Firmenvermögen sowie Jobs und Arbeitslosenrate misst. Einwohner suchen sich Jobs, verdienen Geld und geben es nach Lust und Laune wieder aus.

Meine Volkswirtschaft in Python gegossen. Links die Vermögens- und Arbeitsmarktstatistiken meiner Modellwelt.

Klingt vielleicht beeindruckend, ist es aber nicht: Statt Antworten eröffnen sich volkswirtschaftliche Lücken.

Woher kommt eigentlich das Wachstum?

Meine modellhafte Volkswirtschaft kann zwar nicht alle hundert Einwohner ernähren, aber nach ein paar Monaten hat der Großteil der Leute einen Job gefunden. Die Arbeitslosenrate sinkt – auch dank der Verhungerten – auf Null und dann passiert… nichts. Die Firmen verdienen genau das Geld, das sie wiederum den Arbeitenden auszahlen. Das BIP stagniert, woher käme denn auch das Wachstum?

Zahlreiche ökonomische Theorien beruhen auf der Ansicht, Wachstum entstünde zwangsweise durch Ausbeutung von Ressourcen. Ganz egal, ob nun damit etwa die Natur (Physiokratie), Arbeiter (Marxismus), deren Kombination in Übersee (Globalisierungskritik) oder das Sparvermögen des Mittelstands (“Draghismus“) gemeint sind. Das Gegenstück zu den diversen Ausbeutungstheorien bildet Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Diese besagt, dass Wachstum aus neuen Ideen entsteht, aus der Zerstörung des Alten und Erschaffung des Neuen.

Nun ja, im angesprochenen Programm sind alle Optionen für Wachstum absent: Die Bevölkerung arbeitet bereits unter Vollauslastung, es gibt keine unentdeckten Bodenschätze und disruptive Innovation ist irgendwie schwer zu simulieren…

Weitere Stunden später, in denen ich meine Liliput-Ökonomie weiter parametrisiert und einen etwas intelligenteren Marktmechanismus (Preise und Löhne) implementiert habe, gebe ich schließlich entnervt auf. Wirtschaft ist wohl nicht zu simulieren, denn die Komplexität ist nicht abbildbar. Während bei technischen Aufgabenstellung oft das Prinzip Divide and Conquer zum Erfolg führt, ist das hier nicht machbar: Entweder es ist alles berücksichtigt (Lohnverhandlungen, Preisbildung, Investitionen der Unternehmen, Kundenpräferenzen für deren Produkte, Steuern, Subventionen, Arbeitslosenunterstützung, Unternehmensgründung durch einstige Konsumenten, Währungen, Zinsen, Staaten, Banken, usw.) oder die Simulation bleibt ein netter Zeitvertreib – was es allerdings wirklich gewesen ist.

Was ich dennoch gelernt habe

  1. Am Schlimmsten sind die Sparer unter meinen Einwohnern: Denn deren Konsumverzicht häuft unproduktives Kapital an.
  2. Mein in der Folge chronischer Hungersnöte eingeführtes Grundeinkommen hat die Modellwirtschaft nachhaltig stabilisiert. Zum Teil finanziert sich mein Staat über die Umsatzsteuer, ebenso findet aber eine massive Umverteilung vom Staat in Richtung Unternehmen statt. Der Staat mach also in jeder Modellvariante Schulden, damit Arbeitslose von Produzenten kaufen können. Folglich werde ich Arbeitslosenunterstützung künftig auch als Subvention für die Wirtschaft begreifen.
  3. Ein Käufermarkt, wo sämtliche Grundbedürfnisse der Menschen vielfach befriedigt sind, und Geld über massives Marketing nicht-lebensnotwendiger Produkte gemacht wird, wäre wohl gar nicht mehr zu simulieren.
  4. Im Urlaub sollte man keinen Notebook dabei haben.
politisches

Der Schwiegertiger am Puls der Zeit

Mein nächster Blogpost sollte eigentlich der Welt erklären, dass wir gleichzeitig Inflation und Deflation erleben, warum Rohstoffspekulanten deutlich besser als ihr Ruf sind und weshalb Öl der Sorte Brent trotz Konjuktureinbruch weiterhin teuer bleibt.

Angesichts dieser makroökonomischen Zeitverschwendung Recherchen hätte ich beinahe die wirtschaftlich-soziale Revolution im eigenen Mikrokosmos übersehen: Meine Schwiegermutter ist nach Wien übersiedelt!

Während die ersten meiner Freunde beginnen, ihre Lebensträume unter suburbanem Fertigteilbeton zu begraben, startet meine Schwiegermama das Gegenprojekt am Puls der Zeit: Sie verkauft Haus und Auto, findet eine traumhafte Wohnung nahe dem neuen Westbahnhof, richtet modern ein und genießt seitdem Leben und Möglichkeiten der großen Stadt.

Vergangenes Jahr noch waren die Betankung des Heizkessels, der steigende Spritpreis, wucherndes Unkraut oder drohende Frostschäden Themen, die Sorgen bereiteten. Jetzt sind die optimale Wochenplanung unter Berücksichtigung sämtlicher (Gratis-)Angebote Wiens oder eine womöglich anstehende Fernreise nach Südafrika die dominanten Themen.

Sozialkontakte, Unterhaltungsangebote, Reduktion der Fixkosten; was in der Sphäre des Einzelnen als Aufwertung der Lebensqualität bilanziert, ist auch im gesellschaftlichen (und somit gesamtwirtschaftlichen) Kontext wünschenswert. Leider gilt hierzulande nach wie vor die Idylle vom Haus im Grünen als erstrebenswertes Idealbild – ganz egal ob man sich selbst als Kleingärtner, Landadeligen, Naturbursch’ oder Biobauern sieht.

Doch das Leben am Land hat mit Natur reichlich wenig zu tun: Man sitzt am Ende in einer überdimensionierten Fertigteilschachtel, die von allen Seiten dem Wetter ausgeliefert ist und daher mit großen Kosten beheizt werden muss. Selbst kleine Einkäufe lassen sich nur per Auto erledigen, der Arbeitsplatz ist ohnehin kilometerweit entfernt. Mit etwas Glück grenzt das Gründstück an eine landwirtschaftliche Fläche, sodass man sich dank der Spritzmittel den Weg zur Apotheke oder einen allzu langen Lebensabend erspart.

Wer die Natur wirklich liebt, wohnt nicht in ihr!

Städte sind besser als ihr Ruf!

Armut, Elend, Kriminalität und Krankheit: Seit der industriellen Revolution wird die Stadt in der Literatur meist negativ wiedergegeben. Dabei – so meint Edward Glaeser, dessen Buch ich nur wärmstens empfehlen kann – unterlagen Charles Dickens und alle Autor_inn_en nach ihm einem Wahrnehmungsproblem: Die Stadt machte die Not der Menschen lediglich deutlich sichtbar. Der Tod am Land hingegen war schon damals ein einsamer.

Edward Glaeser, Triumph of the City: Amazon.de

Nun gibt es in Wien weder DharaviKhayelisha oder Rocinha, die Meinungen über das Leben in Wien erreichen aber durchaus schreckliche Ausmaße: Giftige Abgase, kein bisschen Grün, Lärm, kriminelle Ausländerhorden, Jugendbanden, überfüllte U-Bahnen, Parkplatzmangel, gelb-brauner Schneematsch im Winter, unerträgliche Hitze im Sommer. Auch ich konnte mir, als ich 2000 zum Studieren nach Wien kam, nicht vorstellen, dauerhaft hier zu bleiben.

Die Zukunft liegt wieder in der Stadt

Ich meine, Österreich verschwendet zu viele seiner (meist teuer importierten) Ressourcen mit der Fragmentierung des Raums. Unnötige Wege und ineffiziente Logistik tun nicht nur der Umwelt weh, sondern auch jeder einzelnen Brieftasche. Unsere Volkswirtschaft ist angesichts anhaltender “Landliebe” trotz fünfthöchstem Motorisierungsgrad Europas schlicht nicht mehr lange konkurrenzfähig: So ist etwa jede Postamtschließung im hintersten Waldviertel trotz mobiler Bevölkerung ein Skandal. Der Wahnsinn, dank Pendlerpauschale und Wohnbauförderung wird diese Fehlentwicklung auch noch staatlich unterstützt.

Ein Hoch also auf meine Schwiegermutter! Sie ist der Anfang einer neuen, unaufhaltsamen Lebenseinstellung!

Die Rechtschreibkorrektur meines Android-Smartphones tut sie zwar weiterhin als Schwierigmutter ab, aber das wird das nächste Update schon beheben. Willkommen in Wien!

finance

Mathias’ Krisenportfolio

Die Finanz-, Staatsschulden-, Wirtschafts- oder Eurokrise bleibt ein Schrecken ohne Ende. Indes macht sich nicht nur bei mir Angst vor Inflation breit; kein Wunder, ist der Effekt der Geldentwertung bereits bei Immobilien oder Gütern des täglichen Lebens sichtbar (Lesetipp: Wie teuer ist teuer?). 

Was tun gegen Inflation?

Inflation bedeutet, dass Geld im Gegensatz zu anderen Vermögensklassen an Wert verliert. Die simple Strategie gegen Inflation lautet daher, Vermögen in Werte abseits von Geld zu investieren.

An steigenden Immobilienpreisen – insbesondere bei Wohnungen im städtischen Raum – ist der Trend hin zum “Betongold” ohnehin bereits gut abzulesen. Doch was tun, wenn eine Immobilie nicht in Frage kommt – sei es aufgrund zu kleiner Ersparnisse oder der doch recht beträchtlichen Risiken wie etwa Bauschäden oder Mietausfall?

Krisensichere Geldanlage

Folge der Kursentwicklung auf Twitter! (Technische Details dazu im folgenden Blog-Post.)

Wohin mit 100.000 Euro?

Egal ob unsere Sorgen der Inflation oder gar dem Horrorszenario “Eurocrash” gelten, es gibt für diese Fälle Alternativen zur Sichteinlage bei der Hausbank.

Ich lege hier meine aktuellen Investmententscheidungen offen und werde versuchen, ab und zu Updates zur Kursentwicklung zu liefern. Der Einfachheit wegen rechne ich mit fiktiven 100.000 Euro Investitionssumme – bei meiner tatsächlichen Anlage ist es leider deutlich weniger – der dargestellte Mix mit Ausnahme der Uhr und den Goldmünzen entspricht meiner tatsächlichen Anlage.

Rohstoffe

Die beste Absicherung gegen steigende Warenpreise ist an der Wertentwicklung von Waren teilzuhaben. Wer Metalle, Öl, Baustoffe und Nahrungsmittel – so genannte commodities – allerdings nur in begrenzten Ausmaßen einlagern kann, hat die Chance über exchange traded funds an Warentermingeschäften teilzunehmen.

Commodity ETF Kurs Stück Summe
Summe 23850
Jim Rogers Int’l Commodity Index LU0249326488 26.50  900  23850

Aktien

Unternehmensanteile gelten wie Warentermingeschäfte als risikoreich. In Zeiten hoher Inflation sind sie dennoch eine wichtige Alternative zu Sichteinlagen. Ich habe mich in meiner Auswahl auf Aktien von marktführenden Unternehmen in krisensicheren (defensiven) Branchen konzentriert. Zusätzlich zur Chance auf Kursentwicklung bieten insbesondere die Aktien unten teilweise hohe Dividenden (in der vierten Spalte ist die Dividendenrendite eingetragen).

Getankt wird immer. Mathias, Massinga (Mocambique) 2011,
Google Maps

Aktien Kurs Dividende Stück Summe
Summe 59312
Novo Nordisk DK0060102614 118.32 2.1%  65  7690
Altria US02209S1033 28.51  5.33%  300  7653
Umicore BE0003884047  35.32  3.24%  200  7064
Fuchs Petrolub DE0005790406  40.80  3.25%  180  7344
Nestle CH0038863350 48.64  3.61%  150  7296
Pfizer US7170811035 18.21  3.7%  400  7284
BP GB0007980591  5.40  8.4%  1400  7560
Shoprite ZAE000012084  15.64  -  480  7420

Sachwerte

Während die bisher knapp 85% meines Portfolios das Szenario “Inflation” abdecken kommen nun 12% “Eurocrash”. Gold wird auch weiterhin einen Wert besitzen, und die Uhr trägt man am Besten (vorsichtig) mit Freude an der Sache. (Geschmäcker sind verschieden, es gibt glücklicherweise genügend wertstabile Uhrenmarken.)

Sachwerte
Summe 12225
Rolex Milgauss GV Referenz 116400GV 5500
5 Philharmoniker 1oz 1345/Unze 6725

Barvermögen

Die restlichen 5% bleiben als Sichteinlage bei der Bank.

Bargeld
Summe 4613
Sichteinlage ING DiBa, aktuell 1.5% 4613

Performance

Da das Portfolio zur Absicherung gegen Inflation oder Währungscrash dienen soll, ist es mitunter nicht schlau, die Performance ausschließlich in nominellen Euros auszudrücken. (Insbesondere weil ich – wie auch im eingangs verlinkten Artikel dargestellt – an deutlich höhere Inflationsraten glaube…)

Messen wir daher die Performance meiner Investition von 100.000 Euro in Kaufkraft. Hier ein kleiner Überblick, was man heute – 9.7.2012 – um 100.000 Euro bei mir im Grätzel kaufen kann. (Die von mir gewählten Produkte sind alle hoch standardisiert, unterliegen keinem technologischem Wandel und sind österreichweit gut vergleichbar.)

Kaufkraft
Royal TS Menü mit Salat 5.79 17271.16 Menüs
Benzin ROZ 95 (e-control Spritpreisrechner für 1070 Wien) 1.399 71479.63 Liter
ORF/GIS Gebühren 49.76/2 Monate 334.94 Jahre Fernsehen
Jahresstromverbrauch 3000kWh (e-control Tarifrechner für 1070 Wien) 540.04 (stromdiskont.at) 185.17 Jahre
Immobilie 51-80m², 1070 Wien (immopreise.at) 4486 Euro/m² 22.29m²
IT project management

IT-Outsourcing – heilige Kuh des Managements

Auf meinem Flug nach Mumbai sehe ich eine Dokumentation über den Bau des Londoner Aquatics Centre, dem Landmark der Olympischen Spiele 2012. Selbe Architektin, noch größere Dimensionen spielen sich bekanntlich derzeit am Campus WU ab. Angesichts dieser ehrfurchtgebietenden Superlativa drängt sich eine Frage auf, die ich in den vergangenen Monaten immer wieder gehört habe: “Warum wird die Campus-Software von der WU selbst und nicht von professionellen Anbietern entwickelt?”

Eigentlich sind es zwei Fragen, die hier gestellt werden:

  1. Warum greifen wir nicht auf Standard-Software zurück?
  2. Warum wird Individualsoftware nicht durch Externe entwickelt?

Eins vorweg: Natürlich verwenden (und vor allem integrieren) wir Standardsoftware. Softwareentwicklung wird bei uns in den unterschiedlichsten Konstellationen und natürlich auch von Externen durchgeführt. Aber wir entwickeln etwa mit der Raumbuchung, dem automatisiertem Schließsystem oder den digitalen Hörsaalanzeigen viele Kernthemen der IT am Campus aus gutem Grund selbst.

Kabeltassen im Gebäude W1E - hier fließt schon bald unsere Software durch die Leitung.

Um bei einer Metapher des Bauprojekts zu bleiben wirkt es so, als ob wir unsere eigenen Maschinen, unseren eigenen Stahl und unseren eigenen Beton herstellten. Was bei klassisch-produzierenden Unternehmen sich wohl kaum rechnen würde, ist in der Softwareentwicklung allerdings Normalität. Durch den Wegfall von Fixkosten (keine Stahlwerke notwendig) und die de-facto nicht gegebene Standardisierung habe ich bei jedem Teilprojekt die Möglichkeit, eine individuelle make-or-buy Entscheidung zu treffen.

Make or buy?

Für eine Eigenerstellung sprechen jedenfalls die Kosten: Um Urlaubs- und Fehlzeiten bereinigte Stundensätze interner Entwickler betragen rund ein Drittel jener von Externen. Dass bei Dienstleistern und Softwarehäusern ständig die richtigen Experten abrufbereit säßen, ist ein leider allzu weit verbreiteter Irrglaube. Hüben wie drüben muss man Einarbeitungszeiten, Schulungen und Irrwege letztlich bezahlen.

Kommunikation unter Kollegen ist jedenfalls einfacher, als Projektmanagement zwischen Unternehmen. Mit Pflichten- und Lastenheften, die Sales oder Legal jedoch nicht den Entwicklern dienen, mit juristischen Prozessen rund um Beschaffung oder service level agreements, mit Excel-bewaffneten Consultants, die eine zusätzliche Abstraktionsschicht zwischen Anforderung und Umsetzung einziehen, entwickeln sich IT-Projekte sehr schnell zu bürokratischen Meeting-Marathons. Auf diesem Weg entstandene Software tut am Ende oft ganz anderes, als es die Prozessdokumentation sagt, und die Kosten stehen schließlich in zweifelhaftem Verhältnis zum Ergebnis. Ich habe mehrfach die paradoxe Situation erlebt, dass ein schneller, interner Hack bereits fertig war, bevor noch ein Kick-Off stattfand. (…)

Gleichzeitig gibt es allerdings eine Reihe an IT-nahen Dienstleistungen, die sehr gut ausgelagert werden können: Betrieb von Hardware, Grafik-Design oder Dateneingabe sind Beispiele, wo ich kaum überlegen würde.

Immer wenn die technischen Anforderungen entweder niedrig oder extrem hoch sind, jedenfalls  aber wirklich nur wenn die Anforderungen der Benutzer klar sind, dann zahlt sich Outsourcing aus.

Denn dann sind Leistungen überschaubar und somit Preise verhandelbar, und man profitiert vom Spezialwissen der Experten. (Das Stacey Diagramm lässt sich also womöglich auch für make-or-buy Entscheidungen vergewaltigen.)

Die Standarsoft-Mär

Wäre die Diskussion über die Vorteile interner und externer Individualentwicklung nicht ohnehin hinfällig, würde man von vornherein auf Standardsoftware setzen? Nun, vieles, was bei Individualentwicklung zum Einsatz kommt, ist ohnehin standardisierte Software in Form von Betriebssystemen, Datenbanken, Frameworks und Libraries. Software zu entwickeln bedeutet zu einem großen Teil, derartig generell-anwendbare Bausteine zu einem individuell-leistungsfähigen System zu kombinieren.

Gleichzeitig ist vieles, was Standardsoftware heißt, fernab von Standardisierung, wie man sich das etwa bei einem Auto vom Fließband vorstellt. Auch wenn Banken, Airlines oder eben Universitäten Software der Big Player einsetzen, so passiert bei der Integration ins Unternehmen zwangsweise immer wieder dasselbe: Früher oder später enden die Möglichkeiten des Customizing, und Berater, Sub-Firmen oder interne Entwickler schreiben spezialisierte Programme, um das Ding zum Laufen zu bringen. Das bedeutet aber auch, dass die Abhängigkeit von einzelnen Personen auch bei Standardsoftware nicht geringer ist.

Business-IT ohne Abhängigkeit von einzelnen Schlüsselpersonen ist eine Mär!

Mit steigender Komplexität der Anforderungen wird es also zunehmend unwahrscheinlich, dass ein Anbieter genau das erfüllt, was ein ein Unternehmen benötigt. Das Resultat heißt bei Standardsoftware dann erst wieder Individualentwicklung.

Indien - Land der IT-Hotlines und heiligen Kühe. Mathias, Mumbai 2012.

Und hier schließt sich der Kreis, zu den oben gestellten Fragen. Ich genieße jetzt mal meine Tage in Indien – übrigens ein Land, wo mein Job aus genannten Gründen doch nicht so schnell hinwandern wird…

IT explained

IT-Machenschaften

In einer Parallelwelt, in der der Verbrennungsmotor erst nach Personal Computer, Internet und Mobiltelefonie erfunden wurde, lauschte ich unlängst folgendem Gespräch, stattgefunden in einem in weiß gehaltenen Mobility Store – dem wohl coolsten Ort, an dem man in dieser Welt aktuell nur sein konnte.

Kunde Und so ein Auto kann ich überall verwenden?

Verkäufer Ja natürlich. Es fährt auf allen Straßen, für welche dieses Auto eine Lizenz besitzt. Demnächst lizenzieren wir auch europäische Autobahnen – allerdings mit Ausnahme der Niederlande, weil es hier einen parallelen Rechtsstreit mit einem Konkurrenten gibt. Aber keine Sorge, Sie kommen überall dort hin, wo Sie hin wollen.

Kunde Und tanken kann ich das Auto aber überall?

Verkäufer Ja natürlich. Wir haben Partnertankstellen entlang der lizenzierten Straßen. Für Sie hat das den Vorteil, dass Sie sich um nichts kümmern müssen. Das Auto weiß automatisch, wann und vor allem wo es getankt wird. Alle Kunden erhalten von uns eine exklusive Karte, mit der Sie dann auch bequem bezahlen können. Die Karte ist übrigens Guerilla-Perlmutt-White-Cappuccino. Gemeinsam mit unseren Brieftaschen sieht das atemberaubend aus.

Kunde Ähm.. ja, ok, also so eine Brieftasche nehm’ ich dann auch – packen Sie’s mir zum schwarzen Rollkragen-Pulli dazu.

Verkäufer Ich würde Sie auch noch gerne auf weitere Extras aufmerksam machen. Wir verkaufen Storage Solutions, welche…

Kunde Nein, Garage hab’ ich doch.

Verkäufer Nun ja, unsere Modelle parken dank Assistent quer. Dadurch passen Sie aber nicht durch Ihre Garagentür. Denken Sie nur an die Vorteile in der Stadt beim Einparken!

Kunde Hmmm… also das ist natürlich schon ein Ding so ein Assistent. Hat der auch Sprachsteuerung?

Verkäufer Ja natürlich.

Kunde Super, meine Frau tut sich beim Einparken nämlich sehr schwer.

Verkäufer Absolut kein Problem. Darf ich Ihnen also einen Zweitwagen für Ihre Gattin anbieten?

Kunde Nein, wir hätten vorgehabt, uns das Auto zu teilen.

Verkäufer Das tut mir leid. Aber wir verkaufen ausschließlich Single-Driver-Lizenzen. Sehen Sie, dieses ganze Geteile macht doch nur Schwierigkeiten. Jetzt haben wir Ihr persönliches Musikprogramm für drei unterschiedliche Reisestimmungen ausgewählt, die Sprachsteuerung auf eine weibliche Stimme konfiguriert und auch die Tankkarte in Guerilla-Perlmutt-White-Cappuccino ist schon auf Ihren Namen ausgestellt. Wollen Sie Ihrer Frau diese Vorteile wirklich entgehen lassen?

Kunde Nein, eigentlich nicht. Ich hätte übrigens noch eine Tochter.

 Lesetipp: Closed ecosystems and censorship causing ‘scary’ society

meta

Insta-Rich and Insta-Used!

Es gibt kaum einen Deal, der ferner der Realität zu sein scheint, als Facebooks Übernahme von Instagram. Die Zusammenfassung des Wikipedia-Artikels bedarf keines weiteren Kommentars: Eine Softwarehütte, kaum zwei Jahre alt, 12 Mitarbeiter, kein Ertragsmodell – übernommen für 1 Milliarde US Dollar durch ein Stalking-Service, das zurzeit den größten Börsegang aller Zeiten vorbereitet.

“In der Welt der Software sind die Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt. Bei deren Vermarktung anscheinend auch die der Ökonomie.”

Von lukrativen Übernahmeangeboten leider verschont, habe ich in den vergangenen 20 Minuten mit der Open Source Software ImageMagick gespielt. Ergebnis ist eine einzige Zeile Code, die die komplette Kernfunktionalität von Instagram bedeutet: Ein Filter, der Fotos moderner Kameras um mindestens drei Jahrzehnte in die Vergangenheit befördert, indem Farb- und Kontrastumfang sowie Ränder zerstört werden.

mogrify -modulate 120,200,200 -vignette 262x722 -modulate 120,10,100 -fill '#222b6d' -colorize 20 -gamma 0.5 -contrast ecuador.JPG

Das Ergebnis lässt sich sehen – für bescheidene 10 Millionen Euro gehört’s dir, Mark Zuckerberg!

Mein "lavender dusk" Effekt - ich denke, allein schon der Name ließe sich toll vermarkten;-)

Originalbild: Farben, Kontraste, Details - wurscht. Mathias, Ecuador 2011.

Natürlich ist mir bewusst, dass Facebook da nicht die Codebase gekauft hat.

In der echten Welt würde man Maschinen und Anlagen kaufen. In der Hype-Welt des Internets hingegen ist sowas wie Instagram nach spätestens sechs Wochen nach-programmiert. Der Wert ergibt sich aus den Millionen von Nutzern, die das Service kennen, verwenden und dafür bezah… ach, lassen wir das!

Raus aus der Cloud

Jedenfalls laden Millionen Benutzer Bilder hoch und geben en passant persönliche Daten preis, die bestenfalls in aggregierter/anonymisierter Form dem Serviceanbieter als Geschäftsgrundlage dienen. Ich frage mich vermehrt, wie viele Menschen ihre Daten inzwischen ausschließlich gratis in der Cloud ablegen. Die Fotos vom Kind, Lebensläufe, Urkunden, E-Mails oder welche persönlich wertvollen Dokumente auch immer sind bei Gratis-Diensten langfristig jedenfalls nicht gut aufgehoben.

Aus diesem und zahlreichen anderen Gründen ruft Sascha Lobo zum eigenen Blog auf. Ich greife seine Argumente auf und gehe weiter: Wir sollten uns fragen, welche Daten wichtig sind. Was wäre, wenn ich morgen keinen Zugriff mehr auf GMX oder YouTube hätte?

Ich bin kein Privacy-Fanatiker, fällt der Großteil meiner Daten doch in die Kategorie “Belanglos und Entbehrlich”. Die ewige “Facebook ist so böse”-Diskussion empfinde ich sogar als irreführend – werden doch meist ausschließlich Einstellungen erklärt, wie man den Zugriff auf seine Wall limitieren kann. (Beispielsweise auf die fragwürdige Einstellung “Freunde von Freunden”, rechnerisch bei mir rund 20.000 Personen…)

Der Fokus auf die Abschottung innerhalb Facebooks, lässt das größte Übel allerdings gänzlich außer Acht: Facebook selbst. Denn das soziale Medium liest immer mit: Persönliche Nachrichten, Login-Zeiten, Standortdaten, Browser-History (via Social Plugins), usw.

Oder all das Geschriebene in einem Bild:

Gilt natürlich auch für Gmail, Flickr, YouTube, Dropbox, Twitter, Skype, usw.

Ich habe begonnen, meine mir wichtigen Daten akribisch zu sichern. Sie werden ab sofort verschlüsselt und auf unterschiedlichen Standorten bei unterschiedlichen Anbietern gesichert. Auf Facebook oder Google+ poste ich bereits seit längerer Zeit ausschließlich Öffentliches nach dem Motto “Was dort ist, ist ohnehin verloren”.

Tipp 1: Die Bild-Zerstörung Instagrams konsequent weitergedacht findet sich auf Twitter: Text-Only Instagram

Tipp 2: Mit TrueCrypt lassen sich virtuelle Festplatten innerhalb einer verschlüsselten Datei erstellen. Diese kann anschließend sorgenfrei bei Dropbox, Ubuntu One, Google Drive, etc. hochgeladen werden.

travel

Belize & Guatemala 2012

Caye Caulker, Belize – ein paar Tage “chillaxen” zu Beginn unserer Reise: Kein Problem auf einer Insel, deren offizielles Motto go slow lautet. Aufstehen, in einem der zahlreichen Shops Essen besorgen, um die Insel Radeln, Fotografieren – viel mehr ist nicht zu tun.

Wir betauchen das sagenumwobene Great Blue Hole entlang des Barrierenriffs und ein paar weitere beeindruckende Tauchplätze, die mit Ammenhaien, spektakulären Korallenstrukturen, Höhlen und Wänden glänzen.

Danach tauschen wir Fahrrad gegen Mietwagen und drehen eine kleine Runde durch das benachbarte Guatemala. In der Weltkulturerbestadt Antigua erleben wir Ostern, das wohl nur noch im Vatikan selbst zu überbieten ist.  Tausende Menschen tragen Christus und Devotioanlien durch die Straßen und feiern ein letztlich doch sehr weltliches, farbenfrohes Fest mit Musik und Fressereien. Bei der Besteigung des Pacaya ist zwar keine glühende Lava auszumachen, aber der Ausblick auf die Vulkankette und Guatemala City hinterlassen Eindrücke, die ein Wiedersehen nicht unwahrscheinlich machen.

Sonntags in Chichicastenango findet einer der tollsten Märkte Zentralamerikas statt: Überraschend wenig Touristen, überraschend viel zum Staunen. Zum Abschluss besuchen wir den Lago Atitlán und verbringen eine Nacht im morbidesten Hotel der Welt.

Aber was schreibe ich, wo es doch Fotos gibt.

politisches

Zur Krise

Ich habe lange nachgedacht, ob ich ein paar Zeilen zur (Finanz-)Krise schreiben soll. Das Thema ist ohnehin ausgelaugt, alles scheint gesagt. Und das leider lange bevor das ganze Debakel zu Ende sein wird…

Vorweg will ich bemerken, dass ich in wirtschaftspolitischen Dingen ein Hardliner bin. Wenn Zeitung und TV meine beiden Landeshauptmänner beim Geldverteilen abbilden, krampft es grundsätzlich in mir. Ich freue mich dann nicht über die vielen geschaffenen Arbeitsplätze. Ich denke reflexartig an die von der Allgemeinheit dafür aufgebrachten Steuern. Das ist meine Natur. Ich bitte daher, diesen Beitrag auch so zu lesen.

2007, oder eigentlich viel früher, nahm in den USA eine Immobilien-Finanzierungs-Krise ihren Lauf, die sich zu einer Banken- und Börsenkrise auswuchs. Auf Europa übergeschwappt ist eine Staatsschuldenkrise mit dem Endergebnis einer globalen (Real-)Wirtschaftskrise. Ziemlich viel Krise, ziemlich wenig Ausweg.

Krise ist Griechisch

Krise kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich Beurteilung, Entscheidung oder Zuspitzung. Eine Krise bezeichnet demnach einen problematischen Wendepunkt, eine Zeit der Entscheidung. Meinem Empfinden nach geht es Medien und Politik vorrangig aber um etwas anderes: Schuld (welche man gerne jetzt den Griechen gibt).

Schuld

Wer trägt Schuld an einer Lawinenkatastrophe in den Alpen? Ist es der Schneefall, der erfahrungsgemäß doch recht regelmäßig passiert? Ist es die Politik, die die Flächenwidmung verantwortet? Oder sind es doch die Häuslbauer, die ihre fertigteilernen Lebensträume in unsicheres Gebiet platziert haben? Die Bauordnung? Der Klimawandel? Der Ski-Tourismus? Kapitalismus?

Es ist müßig, die Schuldfrage in einem derart komplexen System zu klären. Und es hilft auch nicht weiter.

Medien und Politik beschäftigen sich allerdings sehr gerne mit der Schuld. Der Boulevard schafft so Feindbilder und damit billige Zustimmung, die Politik kann von eigenen Versäumnissen ablenken. Die Ouvertüre zum kommenden Sparpaket ist schließlich schon jetzt das beliebte “Wir da unten, die da oben”-Spiel. Ein Akt der Hilflosigkeit.

Spätestens seit dem Entzug unseres Triple A hat das Niveau der Wirtschaftsmeldungen die der Sportberichterstattung erreicht.

Ich bin also äußerst unzufrieden damit, wie Medien und Politik die Krise aufarbeiten. Und mit dieser Unzufriedenheit bin ich nicht alleine. Was etwa Bundeskanzler Faymann in packenden 3:28 Minuten auf Youtube erklärt ist Folgendes:

  1. Bis vor zwei Wochen habe ich noch nie was von Anleihen gehört.
  2. Wir brauchen (ich brauche) Europa, weil die Kollegin aus Deutschland kennt sich da besser aus als ich.
  3. Ich hab’ die bösen Spekulanten auch nicht gern.

Dementsprechend strategisch überlegt sind auch die Aktionen der Politik: Wir haben einen Euro-Rettungsschirm, der nichts anderes ist, als das, was uns die Immobilienkrise eigentlich erst eingebrockt hat: Ein Müll-Papier bei dem zu viele Risiken bis hin zur Unüberschaubarkeit gebündelt und anschließend mit Gütesiegel verhökert werden. Dazu bekommen wir eine europäische Rating-Agentur, der bösartige Herabstufungen einfach verboten werden können. (“Sie wird doch unabhängig sein!” Das wird genauso der Fall sein, wie die Europäische Zentralbank laut Art. 123 AEUV keine Staatsschulden kauft.)

99%

Auch ich bin Teil der einkommensschwächeren 99%. Dennoch bin ich Aktionär, Gläubiger und Rohstoffspekulant, ich besitze Gold und sogar eine Immobilie. Ich lebe in materiellem Überfluss gemessen am Lebensstandard meiner Eltern, als diese so alt waren, wie ich heute bin. (Eine Tatsache, die wahrscheinlich auch für beinahe 99% der Österreicher gilt, und dennoch wird alles immer schlechter… Oder konnte deine/Ihre Mutter für die Durchschnittsentlohung von fünf Minuten Arbeit ein abendfüllendes Ferngespräch mit Brasilien führen? Konnte man 1986 für sechs Stunden Arbeit nach Bulgarien und zurück fliegen?)

Goldmünze 1.000 Schilling; aktueller Wert rund 500 Euro. Ende 2008 gab ich in meinem letzten Beitrag auf meiner damaligen Webseite den Tipp, Gold und/oder ETFs in Rohstoffen zu kaufen. Ergebnis: Gold +100%; Rohstoffe +25%. Macht mich das zu einem Mitschuldigen an der Finanzkrise?

Ich stelle fest:

  1. Wir leben in der besten Welt, die es je gab. Es gab nachweislich noch nie so wenig Hunger, Armut oder Krankheit wie heute. Diese Feststellung soll keinesfalls missverstanden werden: Es ist nur nicht alles so schlecht, wie die Menschheit denkt, was sie tut.
  2. Zwingend aus Punkt 1 ergibt sich für mich, dass Das System so grundlegend falsch nicht sein kann. Ich bin zwar der festen Überzeugung, dass wir dringend Verbesserungen benötigen, ich kann das Gerede vom alternativen Wirtschaften usw. aber nicht mehr hören.
  3. Ein Lebensstil auf Pump führt in Abhängigkeit. Dies gilt für Private ebenso wie für Staaten.
  4. Kurzfristiges Sparen ist dennoch kontraproduktiv, weil es tendenziell die Konjunktur abwürgt, und zu falschen Maßnahmen verleitet. Maßnahmen, die etwa der Jugend Chancen nehmen oder langfristig teuer sind. (Beispiel: Beamten-Stopp; weil hier etwa einem angehenden Richter nach zwanzig Jahren Ausbildung(!) die Karriere unter den Füßen weggezogen wird. Gleichzeitig verdienen Personal-Leasingfirmen an der Auslagerung von Arbeit an Dritte – aber das sind ja dann keine Personalkosten mehr.)
  5. Eine gemeinsame Währung gepaart mit autonomer Wirtschaftspolitik ist eine Zerreißprobe für jeden Wirtschaftsraum. Selbst wenn Griechenland heute schuldenfrei wäre, hätte Europa das Problem in ein, zwei Jahrzehnten erneut. Der Grund ist das Produktivitätsgefälle. Die Griechen machen weniger aus ihren Ressourcen. Sie müssen allerdings ihre (für sie selbst) teureren Waren mit unserem starkem Euro verkaufen.
  6. Ich fürchte politische Umbrüche aus falschen Schlüssen oder Motiven. Wir können unsere Staatsschulden nicht auf Basis “unten gegen oben”, “wir gegen die Banker” oder “Nord gegen Süd” sanieren.
  7. Ich hoffe darauf, dass die Krise als Chance gesehen wird.

Krise als Chance

Es ist an der Zeit sich der Bedeutung des Wortes Krise bewusst zu werden: Zeit für neue Ideen.

Wohnen, Energie und Verkehr

Österreich ist ein zersiedeltes Land. Die schier endlosen Batterien von Einfamilienhäusern nehmen enorme Flächen in Anspruch. Das hat mit der Idylle vom Haus im Grünen wenig zu tun. Die Häuser müssen alle einzeln beheizt werden bei Maximierung der Außenfläche. In der typischen Reihenhaussiedlung am Wiener Stadtrand, im Tullner Feld oder neben dem Gewerbepark einer typischen Gemeinde fehlen außerdem Nahversorgung sowie Arbeitsplätze. Dadurch entsteht Verkehr. Der Führerschein ist also der einzige Weg in die soziale Freiheit, und gleichzeitig der beste in die finanzielle Abhängigkeit.

Trotz vieler Autofahrer leistet sich Österreich aber dennoch einen hohen Grad an Infrastruktur außerhalb der Ballungszentren. Post oder Bahn sind gezwungen Filialen und Verkehrsverbindungen aufrecht zu erhalten, während die private Konkurrenz die lukrativen Geschäftsbereiche streitig macht.

Der Wahnsinn an der Sache ist, dass diese Entwicklung durch Subventionen (Wohnbau) und steuerliche Begünstigungen (Pendlerpauschale) gefördert wird. Abseits von der herrschenden Neiddebatte ist dieses System schlicht ineffizient. Die Volkswirtschaft verliert einen zu großen Teil ihrer Ressourcen durch Fehler der Raumplanung.

Das bedeutet Förderungen und Begünstigungen sofort zurückfahren (oder allermindest einfrieren). Gleichzeitig müssen auch die Städte lebenswerter werden. Die Stadt als Lebensraum muss für eine Jungfamilie finanziell aber vor allem qualitativ attraktiv sein. Dazu gehören Maßnahmen von Kinderbetreuung bis hin zu menschenfreundlicher Stadtplanung.

Kurzum: Nicht über die Krise schimpfen, sondern in die Stadt ziehen! (Hatten wir nicht 2009 eine staatlich subventionierte Auto-Verkaufsaktion, ähem Schrottprämie als allererste sinnvolle Krisenintervention?)

Unternehmensbesteuerung reformieren

Ein besonders unangenehmer Trend der vergangenen Jahre ist der Rückgang des unternehmensseitigen Steueraufkommens. Das bedeutet, dass Unselbständige einen immer größeren Anteil der Steuerlast in Österreich zu tragen haben. (Die Statistik Austria gibt mir hier allerdings gar nicht recht; vielleicht handelt es sich mehr um ein “Wir gegen sie”-Argument der Arbeiterkammern und Politiker.)

Sollte es stimmen, hat dies einerseits mit steuerlichen Erleichterungen für Unternehmen zu tun. Dazu zählt etwa die Gruppenbesteuerung (eingeführt 2005) oder Senkung der Körperschaftssteuer von 34% auf 25% (eingeführt 2005).

Andererseits hat der vermeintliche Trend womöglich auch Ursachen im Wandel unserer Wirtschaft, von der Produktion hin zur Dienstleistung, von materiellen Werten hin zu immateriellem Vermögen. Unternehmen besitzen dadurch immer mehr Flexibilität was etwa abgeschrieben oder wie und wo verbucht werden kann. (Lesetipp: Sind so schöne Zahlen, brandeins 11/2011)

Unternehmen tragen ebenso wie die Finanzämter enorm hohen Aufwand, um korrekt zu versteuern. KMUs können sich viel Bürokratie und Optimierungspotenzial gar nicht leisten; es profitieren die Großen.

Daher mein Vorschlag: Gleichzeitige Abschaffung jeglicher Art von Gewinnbesteuerung (KÖST) und Vorsteuerabzugsberechtigung. Ein Unternehmen würde am Ende des Tages nicht mehr den übrig gebliebenen Gewinn – nach viel Verwaltungsaufwand und Trickserei – versteuern, sondern ganz normal mit Umsatzsteuer einkaufen. Österreich hätte damit die einfachste Unternehmensbesteuerung weltweit, was nicht nur Anreiz für den Schritt in die Selbständigkeit wäre. Als Abfallprodukt fiele darüber hinaus enormes Missbrauchspotential weg: “Auf Firmenkosten ohne USt kaufen, privat nutzen” würde es dann nicht mehr spielen.

Wer nun argumentiert, dass dadurch alle Produkte teurer würden, dem sei gesagt, dass ja andere Steuern und enorme (tote!) Kosten wegfielen. Arbeit wird übrigens seit jeher so besteuert: Mit Dienstgeberanteil, einer Art Umsatzsteuer weit jenseits der 20%.

Politische Umsetzung

Krise der Demokratie – in letzter Zeit auch oft gehört. Ich wünsche mir eine politische Vereinigung, die sich per Ankündigung nach spätestens zwei Wahlen selbst auflöst. Damit wäre ein Verankern im Sattel der Macht von vornherein ausgeschlossen. Gleichzeitig könnten auch unpopuläre Maßnahmen – wie etwa meine Phantastereien – getroffen werden, weil man den Blick auf die nächste Wahl gar nicht machen müsste. Ich glaube, das Wahlvolk ist bereit für Politiker, die unpopulär und ehrlich sind. In der Schweiz stimmt das Volk für Steuererhöhungen, geht so etwas auch bei uns?

Ausblick

Ich weiß ebensowenig wie jeder andere auch, ob der Euro langfristig bestehen wird, oder nicht. Mit den genannten Vorschlägen ist das aber egal. Wir würden künftig weniger Euro, Yuan, Schilling_neu.docx oder Internet-Coins für Säulen unseres Wirtschaftssystems ausgeben müssen. Und das wäre gut so – egal was kommt.

ideas

Machen wir unsere eigenen Schulden!

Als Kind war eine meiner liebsten Beschäftigungen zusammen mit meiner Oma Geld zu zählen. Jeden Abend musste im Kaffeehaus der Tagesabschluss gemacht werden, und da konnte ich ganze Türme aus Münzen bauen. Später dann galt meine Faszination mehr den handlicheren Scheinen, inzwischen tut’s auch das Online-Banking. Hochgerechnet muss ich in meinen dreißig Jahren in Summe etwa 2.5 Millionen Euro in Händen gehalten und von hier nach dort verschoben haben. Seltsamerweise habe mich die längste Zeit nicht gefragt, was ich da zu Türmen schlichte, aus Automaten hole oder dem GIS überweise.

Geld. Es gibt vermutlich kein zweites Thema, dem ebenso so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, während man gleichzeitig so wenig darüber weiß.

Seit Immobilienblase, Finanz- und Schuldenkrise interessiert mich das Thema brennend. Als Softwareentwickler mit Naheverhältnis zu den Wirtschaftswissenschaften schreibe ich hier allerdings keinen Wikipedia-Artikel über Geld.

Vielleicht ist es die logische Konsequenz des technischen Voranschreitens, vielleicht ist es aber auch die herrschende Unzufriedenheit mit dem Finanzsystem: Im Internet finden sich jedenfalls zahlreiche Experimente rund um neue Formen von Geld.

Ich glaube, das Internet wird in naher Zukunft Alternativen zum uns bekannten Geld bieten.

Neue Formen des Bezahlens

Dwolla etwa ist ein Technologie-Unternehmen, das Bargeld online überweisen lässt. Die Disagio-Sätze liegen deutlich unter jenen arrivierter Kreditkartenunternehmen, was das Selling Argument des Produkts ist. Man benötigt dafür ein mit dem Dwolla-Netzwerk verbundenes, konventionelles Bankkonto.

Damit passt Dwolla in die Reihe von Angeboten, die unsere alltägliche Welt des Bezahlens nach und nach verändern, aber wahrscheinlich nicht grundlegend revolutionieren werden. Ebenso interessant ist Jumio (eigentlich nur weil aus Österreich), oder das, was rund um NFC im Kommen ist.

Bitcoin: Nerds drucken ihr eigenes Geld

Disruptiver ist da schon Bitcoin, eine digitale Währung, die dezentral auf den Rechnern der Teilnehmer geschöpft wird. Diese müssen dazu ihre Stromrechnung in die Höhe treiben, wenn ihre Rechner an einer kryptographischen Aufgabe heiß laufen (Bitcoin number crunching auf Wikipedia). Als Ergebnis erhält man einen digital signierten, fälschungssicheren Bitcoin, der – analog zu Edelmetallen – nicht beliebig vervielfältigbar ist. Die Währung ist daher inflationssicher, was politisch motivierte Anwender als Gegenentwurf zum vorherrschenden Geldsystem anpreisen.

Man stelle sich nur vor, wir hätten alle unsere eigenen Notenpressen zuhause stehen, die mit jedem gedruckten Schein jeweils ein wenig länger zum Produzieren benötigen, um schließlich im Jahr 2033 endgültig stehen zu bleiben. Unglaublich? Bitcoin ist real und wird gegen ebenso (ir)reale Währungen gehandelt.

Was will man eigentlich vom Geld?

Ein Bezahlsystem ist meines Erachtens nach elegant, wenn es

  • anonym und
  • günstig

ist. In Österreich gibt es zwei Systeme, die diesen Ansprüchen genügen: Bargeld und Quick. In der Online-Welt gibt es keine Bezahlart, die diese Anforderungen auch nur annäherungsweise erfüllt. E-Cash wäre anonym gewesen, hätte aber ein Referenzkonto bei einer Bank benötigt. Das System ist außerdem gescheitert.

Gehen wir also zur Frage zurück, was Geld wirklich ist. Das uns heute bekannte (wertlose) Fiatgeld entstand in Europa, als der Handel am Transport zu großer Summen in Münzen scheiterte. Vertrauenswürdige Gebietskörperschaften oder Banken begannen, Geld auf Papier zu drucken, was auch für die Emittenten den Vorteil hatte, Geld aus Nichts erfinden zu können. (Das führte wiederum zu  Episoden gallopierender Inflation.) Der Wert des Gelds war ab diesem Zeitpunkt die Schuld eines anderen. Anders formuliert: Geld ist Vertrauen in die Bonität des Emittenten.

Es ist eine Versprechen auf Papier, sonst nichts. (Sehenswert: Der 10 Millionen-Schein Simbabwes rechts unten.)

Heute entsteht Geld, entgegen dem Wissen vieler Menschen, nicht ausschließlich bei den Notenbanken; ein Großteil des Geldes wird bei normalen Geschäftsbanken im Rahmen der Kreditvergabe geschöpft. Somit ist die Aufgabe der Banken folgende: Überführung einer speziellen Schuld eines Einzelnen (Wohnbaukredit von Mathias Frey) in ein global gültiges, handelbares Versprechen der Zentralbank an alle (100.000 Euro).

Dies ist die – wenn auch äußerst verkürzt wieder gegebene – Funktionsweise unseres Geldsystems seit ein paar hundert Jahren.

Zeit für ein Gedankenexperiment

In einer Welt zunehmend voller Software sind uns keine Grenzen gesetzt. Was pathetisch klingen mag, stimmt nirgendwo so sehr, wie beim Geld, da es eine ebenso modellhafte Erfindung der Menschen wie Software ist.

Und nun kommt die moderne Welt ins Spiel: Was wäre, wenn wir die Rechenleistung sowie die Datenbasis hätten, die Bonität der Schuldner online zu überprüfen? Wir müssten bei Transaktionen keine abstrakten Euros oder Dollars der Banken handeln. Wir könnten diesen Zwischenschritt auslassen und unsere eigenen Schulden handeln.

Mit Systemen wie dem Web of Trust ist die Infrastruktur dafür vorhanden.

Wenn also Raiffeisen Rudolf Taschner von den Vorzügen kleiner Einheiten sprechen lässt, dann denken wir diesen Gedanken konsequent zu Ende: Die kleinste Einheit sind wirtschaftliche Individuen wie Privatpersonen oder Unternehmen. Könnten diese ihre eigenen Schulden handeln, wäre es zumindest eine interessante Idee.

Ich muss mir dann eben ein paar Münzen aufheben, damit ich auch im Alter noch Türme stapeln kann. Alles geht eben nicht digital.

travel

Afrika entwickeln!

Wie ich diese Zeilen schreibe, sitze ich nach zweiwöchigem Abenteuer in einer schicken Lounge am Flughafen von Johannesburg. Hinter mir retten Merkel und Sarkozy parallel auf BBC und Al Jazeera den Euro – zum wievielten Mal dieses Jahr eigentlich? Mein Handy findet ein offenes WLAN, ich hole mir noch Tonic und Sandwiches, Boarding für den Rückflug startet erst in einer guten Stunde. Zeit also für einen kleinen Reisebericht.

Gut ich war in Afrika. Wieder einmal. Beeindruckend, Sternenhimmel, Menschen in Hütten, wilde Tiere, Armut, blablabla.

Ich könnte nun von Highlights schreiben und ein paar nette Bilder hochladen. Doch das will ich diesmal nicht tun.

Während der Reise habe ich Matt Ridleys faszinierendes Buch The Rational Optimist: How Prosperity Evolves gelesen, das mich einerseits in bisherigen Meinungen bestätigt, andererseits überrascht oder gar schockiert hat. Was hier folgt ist daher weniger ein Reisebericht, sondern vielmehr eine angewandte Buch-Rezension.

Das Ende der “Dritten Welt”

Meine erste Fernreise ging 1987 nach Thailand. Ich erinnere mich nur verschwommen an schreckliche Bedingungen wie Armut und Krankheit. Ich habe das Bild bettelnder Leprakranker an jeder Straßenecke nie vergessen, ein prägender Eindruck für mich mit fünf Jahren.

Inzwischen war ich noch drei Mal im Land des Lächelns, und es ist wie seine Nachbarn kaum wieder zu erkennen. Der wirtschaftliche Aufschwung hat in den vergangenen 25 Jahren Südostasien radikal verändert, wie man am Energieverbrauch erkennen kann.

Kochen mit Gas anstatt Regenwald. (Malaysia/Borneo 2010)

Die Daten erzählen, aus meiner Sicht, erfreuliche Geschichten von Mobilität, Heizungen, Kommunikation, industrieller Produktion (Arbeitsplätze), Konsum und sogar Entlastung natürlicher Lebensräume dank Verbrennung fossiler Brennstoffe anstatt von Holz. In anderen Worten, das ist gewonnener Wohlstand.

Seit dem Beginn der weltweiten Finanzkrise 2008 ist immer öfter zu hören, dass unser kapitalistisches System nicht funktioniere, dass der freie Markt ausgedient hätte. Ich finde diese Aussagen nur noch menschenverachtend und gefährlich (weil sie in millionenfacher Auflage nicht folgenlos bleiben werden).

Die Armut hat sich weltweit sowohl in absoluter als auch relativer Zahl reduziert, wobei ein starker Zusammenhang zwischen Marktwirtschaft und eben dieser Entwicklung zu erkennen ist. Ja, es gibt Schattenseiten, aber letztlich sollte sich jeder Teilzeit-Utopist folgende Frage stellen: “Würde ich lieber in einem Land mit großer politischer und wirtschaftlicher Freiheit geboren werden, oder beispielsweise in Simbabwe, Kuba, Nordkorea oder Burma?” (China lasse ich als Ausnahme nicht gelten, da es aus wirtschaftlicher Perspektive nicht mehr kommunistisch ist. Im Gegenteil, interessant ist der Zusammenhang zwischen den Reformen ab 1978 und dem Wirtschaftsaufschwung.)

"Now everyone can fly!" Mit dem Billigflieger Air Asia quer durch Asien. (Brunei 2010)

Der Energieverbrauch ausgewählter afrikanischer Länder sieht im selben Zeitraum leider anders aus (die Auswahl beruht lediglich auf bisherigen Reisezielen). Außerhalb afrikanischer Städte herrscht nach wie vor großteils Subsistenzwirtschaft. Die Menschen sind also auf das angewiesen, was sie selbst produzieren. Was in Bobo-Träumen romantisch und noch dazu “bio” klingen mag, bedeutet in der Realität schlicht folgendes: Keine Versorgungssicherheit, kaum Ressourcen für Bildung oder Freizeit bei gleichzeitig enormem Flächen- und Wasserbedarf der ineffizienten Landwirtschaft.

Kochen/Backen mit Holz zerstört Lebensräume und führt zu Erkrankungen der Atemwege, einer unterschätzten (weil unspektakulären) Todesursache in der Dritten Welt. (Ägypten 2004)

Noch erschreckender als der stagnierende Energieverbrauch liest sich der Vergleich der Lebenserwartung derselben Länder: Ein Österreicher wird beinahe doppelt so alt wie ein Swasiländer. (Der Einbruch der Länder des südlichen Afrika ab etwa 1990 hat mit HIV/Aids zu tun.)

Das andere Afrika

Doch genug der schlechten Nachrichten. Afrika passt dennoch nicht ausschließlich ins Bild, das Entwicklungshilfe-Organisationen jetzt zur Weihnachtszeit wohl wieder gerne zeichnen.

Der Kontinent hat eine weitgehende Abdeckung mit GSM-Mobilfunk. Mangels Bankkonten für Jedermann blüht Bezahlen via SMS, was Afrika wohl zum Vorreiter in Sachen mobile paymentmacht.

Busstation mit share taxis, DEM Transportmittel Afrikas (Südafrika 2005)

Die Menschen sind unternehmerisch tätig. Ob Lebensmittel, Kleidung, Kunsthandwerk oder Handy-Wertkarte; man kann alles überall erstehen. Mit einer Flotte an Minibussen (share taxis) wird der de facto nicht existente öffentliche Transport ersetzt – leider mangelt es hier stark an Sicherheit.

Piri Piri aus Eigenproduktion entlang der Straße. (Mosambik 2011)

Länder wie Botswana oder Mauritius sind heimliche Wirtschaftswunder. Südafrika ist in urbanen Regionen wie Durban, Jo’burg oder Kapstadt entwickelt wie Europa oder Nordamerika. Das dort angesiedelte Human- und Finanzkapital sorgt in ganz Afrika für Investitionen; noch zahlreicher sind diese Kapitaltransfers inzwischen aus China.

Auch das ist Afrika: Wirtschaftsmetropole Kapstadt mit Bürotürmen, Hafen, Shopping-Meilen, Touristen, usw. (Südafrika 2005)

Was also tun?

Wenn man selbst miterlebt hat, wie eine hungernde Mutter ihr Baby gegen ein paar Dollar verkaufen will, dann muss man etwas tun. Isabella und ich haben damals 2008 an der namibisch-angolanischen Grenze unsere Essensvorräte und nicht mehr benötigte Kleidung verschenkt. Doch das diente natürlich vielmehr zur Beruhigung unseres eigenen Entsetzens, als es nachhaltige Hilfe darstellte.

Ich bin inzwischen der Überzeugung, dass klassische Entwicklungshilfe lediglich gut gemeint aber wenig effektiv ist. Hier also ein paar Ansätze zur echten Hebung des Wohlstands. Teilweise mögen sie radikal klingen; aber ich bin streitbar.

Tourismus

Tourismus schafft Jobs (Tansania 2006)

Tourismus ist ein Wohlstandsbringer für Hotelkonzerne ebenso wie für die lokale Bevölkerung. Tourismus ist ein Dienstleistungs-intensiver Wirtschaftszweig, was bedeutet, dass viele Personen ausgebildet und bezahlt werden. Rund um Flughäfen und Hotels entstehen Straßen, Kraftwerke und Wasserversorgung. Sofern es etwas gibt, was wirklich jeder Einzelne tun kann, dann bedeutet es hinfahren und Geld ausgeben. Aber bitte nicht so einen Schwachsinn fürs gute Gewissen machen.

Landwirtschaft – Subventionen

Die europäische Agrarpolitik ist ein Verbrechen an der Dritten Welt. Die EU predigt zwar den freien Handel, sperrt mit Subventionen in die eigene Wirtschaft aber geschickt die Entwicklungsländer aus. Ich habe an den Grenzen zwischen Namibia und Sambia bzw. Simbabwe tausende Menschen Schlange stehen sehen, die sich Brot im Nachbarland kaufen mussten. Brot auf europäischem Preisniveau wohlgemerkt, bei deutlich niedrigerem Medianeinkommen der Bevölkerung.

Transport und CO2-Emissionen könnte man der Forderung nach verstärktem Handel mit Lebensmitteln nun entgegenwerfen. Aber das Konzept der food miles ist ohnehin sehr schwach, um eine Vergleichbarkeit hinsichtlich Umweltschädigung zu erreichen. (Das Lammsteak braucht vom Supermarkt auf den Teller doppelt so viel Energie, wie von Neuseeland nach Österreich. Wer sich wirklich Sorgen um CO2 macht, sollte aber ohnehin gar kein Fleisch essen…)

Landwirtschaft – “Bio”-Treibstoffe

Kein Themenwechsel. Wer fragt, warum die Lebensmittelpreise 2008 auf Rekordhöhe geklettert sind, dem werden Schauermärchen von üblen Spekulanten erzählt. Doch die gab es zuvor auch schon. Vielmehr ist die Preisexplosion Ergebnis mehrerer Einflüsse, wie etwa der gesteigerten Nachfrage aus Asien (warum, siehe oben), Zunahme an Fleischkonsum, leidigen aber natürlichen Ernteausfällen und der gesetzlich verordneten Verwendung landwirtschaftlicher Produktionskapazitäten zur Erzeugung von “Bio”-Treibstoffen.

“Spiel nicht mit dem Essen, in Afrika verhungern die Kinder”, hörte ich früher häufig. Inzwischen betanken wir unsere SUVs mit dem Essen dieser Kinder. Die EU – aber auch andere Staaten – hat in ihrer Biokrafstoff-Richtlinie eine schrittweise Erhöhung des Anteils von Kraftstoffen aus landwirtschaftlicher Produktion vorgeschrieben. Nun werden auf europäischen Feldern Raps, in den USA Mais und Soja, in Brasilien Zuckerrohr oder in Malaysia Palmöl zur Kraftstoffgewinnung gepflanzt. Eine objektive (CO2-)Gesamtbilanz ist schwer zu bekommen, die Flächenkonkurrenz mit üblicher Landwirtschaft ist jedenfalls ein Faktum. Bio, juhu!

Pharmaforschung

Survival Kit für die Tropen. Leider für viele Leute in der Dritten Welt nicht zu bezahlen. (Brasilien 2003, nicht Afrika)

Die Forschung nach neuen Wirkstoffen ist wenig überraschend ein extrem kostspieliges Abenteuer, das im freien Markt nicht zum gewünschten Ergebnis führt. (Ich habe nicht umsonst oben von Schattenseiten gesprochen, aber wer hat schon bis hierher gelesen?) Die Politik hilft mit Patenten, Forschungsförderung und großzügigen Subventionen zwar nach, doch ein Mittel gegen Haarausfall kann letztlich in Industrieländern gewinnbringender verkauft werden, als ein noch so wirksamer Impfstoff gegen einen tropischen Parasitäten. Die Pharmaforschung gehorcht dem Markt, Spenden wäre sinnvoll.

Regierungen und Bürokratie anstatt moderner Rechtsordnung und funktionierendem Geldwesen

Bleiben wir bei Parasiten: Ich habe nicht umsonst meine Reisepassnummer in Afrika auswendig gelernt. Eine Straßenkontrolle hier, ein kleiner Permit dort. Drei Stunden für einen Grenzübergang, lächerliche Stempel und Vorschriften, Formulare, usw. Der Korruption wird somit Tür und Tor geöffnet – der wohlstandserzeugende Teil der Bevölkerung wird an seiner Arbeit gehindert.

Pendler am Weg zur Arbeit; ein paar Stunden jeden Tag an der Grenze. (Niemandsland zwischen Südafrika und Mosambik, 2011)

Selbes Bild beim Geld- und Rechtswesen: In Tansania herrscht ein alternatives Rechtssystem, weil der Staat nicht effizient genug ist. Das macht aber überregional und international Probleme. In Mosambik habe ich Euros teuer verkauft, da auch via Banken nicht an ausländische Währungen zu kommen ist. Dies alles hindert die Wirtschaft am Entstehen.

Hoffen wir auf Besserung – es kann wahrscheinlich wenig von außen getan werden.

Zum Abschluss

Ich habe diese Zeilen geschrieben, weil mich viele Erlebnisse auf meinen bisherigen Reisen nach Afrika (immerhin zehn) tief geprägt und überrascht haben. Und weil ich die stereotypen Bilder und Meinungen so sehr hasse. Meinungen von Leuten, die off the beaten track mit dem Lonely Planet bewaffnet im “echten” Afrika waren, wo das auch immer sein mag. Leute,  die von CO2-Reduktion, Biolandwirtschaft und mehr Staat statt Konzernen reden, aber SUV wegen der Sicherheit fürs Kind fahren. Wie heißt es so schön?

The road to hell is paved with good intentions.

Ich hoffe, dass ein großer Teil Afrikas in den nächsten 25 Jahren dem Vorbild Südostasiens gefolgt sein wird – ich bin sogar sehr zuversichtlich.

Wer’s bis hierher ausgehalten hat, hat sich ein paar Fotos verdient.