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Wir haben das Internet verloren!

Viel war in den vergangenen Wochen über das Handelsabkommen ACTA auf Twitter, Facebook und sonstwo zu lesen. Der Widerstand gegen den in mehreren Aspekten bedenklichen Vertrag war jedenfalls weit über die Grenzen der sozialen Medien hinaus – also auch im RL, dem echten Leben da draußen – zu vernehmen.

Ich behaupte allerdings, dem Gros der Gegner von ACTA geht es ausschließlich darum, dass das Kopieren von Musik und Filmen auch weiterhin de-facto unbestraft bleibt.

Als Softwareentwickler sieht meine Kritik jedoch anders aus: Ich baue tagtäglich auf geistiger Arbeit anderer auf, um meiner Tätigkeit nachzugehen. Mein Output als Programmierer ist letztlich ein ständiges Kopieren und Kombinieren der Arbeit intelligenter Leute.

ACTA und alles, was da sonst noch mitschwingt (etwa Softwarepatente und geistiges Eigentum im Allgemeinen), bedrohen diese Arbeitsweise und die einer ganzen Entwicklergemeinde zugunsten einiger Branchenriesen mit der nötigen Anzahl an Juristen auf der Payroll.

“Erst wenn der letzte Programmierer eingesperrt und die letzte Idee patentiert ist, werdet ihr merken, daß Anwälte nicht programmieren können”

@kulf

Aber eigentlich will ich das Anti-ACTA-Gulasch auf Port 80 nicht nochmal aufwärmen. Das Massenphänomen “ACTA Demo” führte vergagene Woche bei uns im Büro zu einer interessanten Diskussion mit erschreckendem Resümee:

Das Internet ist erwachsen geworden

Dass so viele Leute wegen ACTA auf die Straße gehen, bedeutet letztlich, dass das Internet zu einem Allerweltsprodukt in den eigenen vier Wänden geworden ist. Das Netz ist längst nicht mehr ausschließlicher Tummelplatz der Nerds.

Während das Internet also beliebter wurde, ist es allerdings auch deutlich ärmer an Facetten geworden. Während das Internet für Leute wie mich nach wie vor ein chaotisches Netz aus IP-Adressen und darauf laufenden Diensten ist, ist es für viele nur noch die Seite mit dem blauen “f” (nachdem es früher das blaue “e” war).

Anstelle der Techniker bringen heute die Social Media Consultants Unternehmen ins Web 2.0. Wo früher die schlichte Präsenz im World Wide Web ausreichend war, muss heute mit SEO auch das letzte Quäntchen Marktanteil erkämpft werden.

Auf Seiten des Contents ist ebenso eine Professionalisierung und somit auch Verarmung auszumachen. Früher waren schräge Inhalte wie Die Männerseiten, furnitureporn oder Bonsai Kitten in aller Munde. Heute fahren die großen Konzerne ihre Marketingstrategien auch im World Wide Web, welches zu einem weiteren Kanal der Werbeplanung verkommen ist.

Wie Social Media Analysen erkennen lassen, spiegelt sich inzwischen der Mainstream im Internet wider. (Nichts gegen Armin Wolf, aber seine Beliebtheit auf Twitter verdankt er nunmal seiner Bekanntheit aus dem traditionellem TV.)

Abgesang

Es ist wahrscheinlich das Jammern der Verlierer einer jeden technischen Revolution, die früher oder später ihre Kinder frisst: Nicht anders war es wohl bei Mechanikern, als diese feststellen mussten, dass Autos nicht mehr einzig mit Kreuzschlüssel und Motoröl gewartet werden. Nicht anders war es bei Plakatwerbern, Zeitungsverlagen, Faxherstellern, Fotografen, Postdienstleistern, Übersetzern und tausend anderen – Leute, wie ich, haben sie dort und da überflüssig gemacht.

Jetzt steuern wir auf ein Internet zu, das uns selbst überflüssig macht. Statt Bastel können ausgereifte Produkte von der Stange gekauft werden. Anstelle komplexer  Computer(-systeme) treten single-purpose-devices. Man sollte sich nämlich nicht täuschen lassen: Auch wenn am iPhone oder Internet-TV noch so viel möglich ist, es ist sehr wenig im Vergleich zur Kreativität jedes einzelnen Nutzers. (Über die Zukunft der Ver-App-elung habe ich bereits gebloggt.) Hard- und Software sind heute bunter und bedienbarer denn je, aber auch weniger frei.

Oder zusammengefasst in einem Satz:

“Das Internet gehört nicht mehr uns.”

Willi Langenberger

Interessant: Was ist ACTA? auf YouTube ansehen.