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politisches

Kein Unternehmer

Date: Wed, 7 May 2014 08:12:06 +0200
Subject: "EPU sind keine Unternehmer"
From: Mathias Frey __c99 <office@c99.at>
To: umlagen@wkw.at

Sg Damen und Herren,

mit Interesse habe ich soeben den Artikel Ihres Vizepräsidenten 
gelesen:

http://wirtschaftsblatt.at/home/meinung/gastkommentare/3801421/EPU-sind-keine-Unternehmer

Da ich diesen Standpunkt voll und ganz teile, bitte ich Sie mir eine
Forderungsberichtigung über die mir soeben vorgeschriebenen 130 EUR
Grundumlage zu schicken. Diese haben Sie nämlich einem Nicht-Unternehmer
vorgeschrieben.

LG
mf


-- 
c99 Business Services GmbH
Zieglergasse 14-2-1
A-1070 Wien

phone: +43 6 99 1 0815 99 6
email: office@c99.at
web: http://c99.at

AT40 2011 1823 2791 9900 // GIBAATWWXXX
Handelsgericht Wien
FN 400496 s, UID ATU68074745

Der Link zum Interview ist klickbar hier.

Die Antwort

To: <office@c99.at>
Subject: "EPU sind keine Unternehmer"
Date: Tue, 13 May 2014 10:09:23 +0000

Sehr geehrter Herr Mag. Frey,
 
danke für Ihr Mail vom 7.5.2014.
 
Wie Sie sicherlich wissen, ist Herr Amann in der Zwischenzeit als Vizepräsident 
der Wirtschaftskammer Österreich zurückgetreten.
 
Seine Aussagen entsprachen in keiner Weise der Linie und vor allem nicht der 
Einstellung der Wirtschaftskammer Wien gegenüber Ein-Personen-Unternehmen.
 
Ich schicke Ihnen im Anhang die Presseaussendung von Frau Präsidentin Jank, in 
der sie sich von den Aussagen des ehemaligen Vizepräsidenten der Wirtschaftskammer 
Österreich distanziert, und in der die Bedeutung der Ein-Personen-Unternehmen 
klar unterstrichen wird.
 
In der Presseaussendung finden Sie auch den Link zur Homepage des Forum EPU, wo 
Sie einen Überblick über das spezielle Angebot für EPU erhalten.
 
Eine Forderungsberichtigung, wie Sie in Ihrem Mail angesprochen haben, ist leider 
nicht möglich.
 
Ich hoffe auf Ihr Verständnis und stehe Ihnen diesbezüglich gerne für ein Gespräch 
zur Verfügung.

(Name)
 
Wirtschaftskammer Wien
Abteilung Mitgliederservice

Nun ja, jetzt weiß ich zumindest, dass meine 130 Euro nicht nur für Gewinnspiele und Newsletter draufgehen, sondern auch für Presseaussendungen, das Infoportal und die Mitarbeiterin, welche die Mail im Namen eines anderen Mitarbeiters der Abteilung Mitgliederservice der Wiener Wirtschaftskammer versendet hat…

IT explained

Was ist da los bei der Bank Austria?

Frage: Was ist derzeit noch unbeliebter als ein Banker?
Antwort: Ein IT-Mitarbeiter einer Bank, sofern wir von der Bank Austria sprechen.

Die Bank Austria führt die größte IT-Umstellung ihrer Geschichte durch, Online-Banking aber auch Bankomaten sind über Tage nicht verfügbar. Die Kunden gehen auf die Barrikaden – soweit zur Chronologie eines schief gegangenen IT-Projekts. (“Arbeiten Tag und Nacht daran”, Bank Austria kämpft weiter mit IT-Problemen – die Kommentare verdeutlichen, wie beliebt Banken inzwischen sind.)

Ich habe die IT-Mitarbeiter der Bank Austria zufällig Anfang des Jahres im Blog erwähnt. Kurzversion der damaligen Aussage: Eine Bank, die sich im Zweijahresrhythmus neu strukturiert, kann ihre Hausaufgaben im IT-Bereich nicht erfüllen. Statt nachhaltiger (IT-)Innovation spielt es eben Logotausch auf Homepages und Lebenserhaltung zusammenfusionierter Systeme.

“Serverprobleme”

IT-Umstellungen sind für alle Beteiligten kein Spaß und deren Komplexität ähnelt dem Bau einer neuen Firmenzentrale. Problematisch ist allerdings, dass im Unternehmen das Verständnis für Kosten und Komplexität nur für letztere Projekte vorhanden ist. IT-Projekte werden selten in ihrer Gesamtheit begriffen, daher werden sie – und vor allem ihr Risiko – auch chronisch unterschätzt:

Was man nicht sehen oder angreifen kann, gibt es scheinbar nicht. 

Im Projekt der Bank Austria hat es mitunter an Verständnis, mit Sicherheit jedoch nicht an einer Sache gemangelt, an teurer Management- und IT-Beratung. Mit dem üblichen Toolset moderner Office-Magie wurden da vermutlich GANTT-Charts, Projektstrukturpläne und Pflichtenhefte verwaltet.

Ich kenne das das aus meiner persönlichen Arbeitswelt und es stinkt zum Himmel: Aus dem ursprünglichen Ziel, ein Projekt zu managen, wird mit diesem Vorgehen zunächst Nachvollziehbarkeit und schließlich nur noch Rechtfertigung oder Anschuldigung.

“Projects don’t fail from of a lack of charts, graphs, reports, or statistics, they fail from a lack of communication.”

The Basecamp Manifesto

Als ich noch Student war, gab es an der WU über einige Semester hinweg “Serverprobleme” bei der Lehrveranstaltungsanmeldung. Für die Lösung des Problems bedurfte es eingehender Analyse zahlreicher Teilbereiche wie

  • Datenbank und deren Setup
  • SQL-Optimierung der Datenbank-Abfragen
  • Hardware der Datenbankserver, insbes. Festplatten und Speicher
  • Anwendungsserver und deren Setup, insbes. Load-Balancing
  • Code-Optimierung der Programme
  • Analyse des Netzwerk-Verkehrs
  • Session-Management im Front-End
  • Abwehr von Bots im Front-End
  • usw.

Kurzum: Eine komplexe Anwendung besteht aus vielen, interdependenten Teilen. Es benötigt langjährige Erfahrung, um zu verstehen, wie sich ausstehende Requests gegenseitig aufschaukeln, was etwa passiert, wenn ein Datenbankserver plötzlich zu swappen beginnt oder der Application Server keine neuen Sessions mehr zulässt. Solche Systeme zu optimieren gleicht dem Kampf gegen Windmühlen, da man oft nur das Bottleneck von einer Stelle zur anderen verschiebt. (Notwendige) Arbeitsteilung und insbesondere Outsourcing machen eine Gesamt-Analyse oft extrem schwer.

Ist man allerdings IT-Consultant reicht eine Kalkulation in Excel bis das grüne Hakerl erscheint – problem solved, Vorstand und interne Revision zufrieden:

Projektplanung mit Excel und der “Autoausfüllen”-Funktion: Dumm nur, dass die Wirklichkeit kein lineares Wachstum kennt.

Online-Banking neu

Abseits der medial ausgeschlachteten Serverprobleme bereitet mir ja vielmehr das neue Online-Banking Kopfzerbrechen. Was hier optisch aufgehübscht wurde beweist, was die Bank von online einerseits und vor allem ihren Kunden andererseits hält: Nicht wirklich viel.

Ich bin kein Hellseher, wenn ich behaupte, die Anwendungsfälle Kontostand nachsehen, Transaktionen kontrollieren, Überweisungen tätigen und Zusatzprodukte abschließen sind pareto-verteilt (80/20-Regel). D.h. dass ich als Kunde bei vier von fünf Logins lediglich meinen Kontostand bzw. die letzten Transaktionen aufrufe, nicht aber Überweisungen tätige. Die Bank denkt jedenfalls in ihrer eigenen Welt und hat genau die mir wichtigen Funktionen hinter zahlreichen Filtern und Übersichtsseiten versteckt. (Abgesehen davon gibt es Bugs in den Filtern, was mein Vertrauen in die Bank nicht besonders stärkt.)

Wäre ich Vorstand eine Bank, würde ich mindestens so viel Ressourcen in meine Online-Produkte stecken, wie in Personal, Miete, und Ausstattung meiner Filialen – denn sonst erwischt mich die Zukunft eiskalt. (Lesenswert: 5 big trends in how you bank) Die in einigen Jahren übrig gebliebenen Fluglinien Europas (Lufthansa und British Airways; Airline-Branche steht vor enormer Konsolidierung) werden bis dahin auch von RyanAir, easyJet oder den außereuropäischen Low-Cost-Carriern (Taca, AirAsia, JetStar, Southwest) gelernt haben, dass der Weg zum Kunden über Web und Smartphones führt. (Die Lufthansa macht mEn einen super Job dabei.)

Buchtipp, wenn’s um Bank-IT geht: Roeltgen, Eine Million oder ein Jahr. Hinter den Kulissen der IT – ein Insider berichtet. Bei Amazon.

tltr;

IT-Umstellungen sind komplex und Unternehmen leben in Potemkinschen Dörfern gebaut auf Excel- und Powerpoint-Dokumenten, anstatt Projekt- und Risikomanagement zu betreiben. Versteht die Bank online weiterhin nicht, sieht meine Glaskugel ganz, ganz schwarz.

finance

Mathias’ Krisenportfolio

Die Finanz-, Staatsschulden-, Wirtschafts- oder Eurokrise bleibt ein Schrecken ohne Ende. Indes macht sich nicht nur bei mir Angst vor Inflation breit; kein Wunder, ist der Effekt der Geldentwertung bereits bei Immobilien oder Gütern des täglichen Lebens sichtbar (Lesetipp: Wie teuer ist teuer?). 

Was tun gegen Inflation?

Inflation bedeutet, dass Geld im Gegensatz zu anderen Vermögensklassen an Wert verliert. Die simple Strategie gegen Inflation lautet daher, Vermögen in Werte abseits von Geld zu investieren.

An steigenden Immobilienpreisen – insbesondere bei Wohnungen im städtischen Raum – ist der Trend hin zum “Betongold” ohnehin bereits gut abzulesen. Doch was tun, wenn eine Immobilie nicht in Frage kommt – sei es aufgrund zu kleiner Ersparnisse oder der doch recht beträchtlichen Risiken wie etwa Bauschäden oder Mietausfall?

Krisensichere Geldanlage

Folge der Kursentwicklung auf Twitter! (Technische Details dazu im folgenden Blog-Post.)

Wohin mit 100.000 Euro?

Egal ob unsere Sorgen der Inflation oder gar dem Horrorszenario “Eurocrash” gelten, es gibt für diese Fälle Alternativen zur Sichteinlage bei der Hausbank.

Ich lege hier meine aktuellen Investmententscheidungen offen und werde versuchen, ab und zu Updates zur Kursentwicklung zu liefern. Der Einfachheit wegen rechne ich mit fiktiven 100.000 Euro Investitionssumme – bei meiner tatsächlichen Anlage ist es leider deutlich weniger – der dargestellte Mix mit Ausnahme der Uhr und den Goldmünzen entspricht meiner tatsächlichen Anlage.

Rohstoffe

Die beste Absicherung gegen steigende Warenpreise ist an der Wertentwicklung von Waren teilzuhaben. Wer Metalle, Öl, Baustoffe und Nahrungsmittel – so genannte commodities – allerdings nur in begrenzten Ausmaßen einlagern kann, hat die Chance über exchange traded funds an Warentermingeschäften teilzunehmen.

Commodity ETF Kurs Stück Summe
Summe 23850
Jim Rogers Int’l Commodity Index LU0249326488 26.50  900  23850

Aktien

Unternehmensanteile gelten wie Warentermingeschäfte als risikoreich. In Zeiten hoher Inflation sind sie dennoch eine wichtige Alternative zu Sichteinlagen. Ich habe mich in meiner Auswahl auf Aktien von marktführenden Unternehmen in krisensicheren (defensiven) Branchen konzentriert. Zusätzlich zur Chance auf Kursentwicklung bieten insbesondere die Aktien unten teilweise hohe Dividenden (in der vierten Spalte ist die Dividendenrendite eingetragen).

Getankt wird immer. Mathias, Massinga (Mocambique) 2011,
Google Maps
Aktien Kurs Dividende Stück Summe
Summe 59312
Novo Nordisk DK0060102614 118.32 2.1%  65  7690
Altria US02209S1033 28.51  5.33%  300  7653
Umicore BE0003884047  35.32  3.24%  200  7064
Fuchs Petrolub DE0005790406  40.80  3.25%  180  7344
Nestle CH0038863350 48.64  3.61%  150  7296
Pfizer US7170811035 18.21  3.7%  400  7284
BP GB0007980591  5.40  8.4%  1400  7560
Shoprite ZAE000012084  15.64  –  480  7420

Sachwerte

Während die bisher knapp 85% meines Portfolios das Szenario “Inflation” abdecken kommen nun 12% “Eurocrash”. Gold wird auch weiterhin einen Wert besitzen, und die Uhr trägt man am Besten (vorsichtig) mit Freude an der Sache. (Geschmäcker sind verschieden, es gibt glücklicherweise genügend wertstabile Uhrenmarken.)

Sachwerte
Summe 12225
Rolex Milgauss GV Referenz 116400GV 5500
5 Philharmoniker 1oz 1345/Unze 6725

Barvermögen

Die restlichen 5% bleiben als Sichteinlage bei der Bank.

Bargeld
Summe 4613
Sichteinlage ING DiBa, aktuell 1.5% 4613

Performance

Da das Portfolio zur Absicherung gegen Inflation oder Währungscrash dienen soll, ist es mitunter nicht schlau, die Performance ausschließlich in nominellen Euros auszudrücken. (Insbesondere weil ich – wie auch im eingangs verlinkten Artikel dargestellt – an deutlich höhere Inflationsraten glaube…)

Messen wir daher die Performance meiner Investition von 100.000 Euro in Kaufkraft. Hier ein kleiner Überblick, was man heute – 9.7.2012 – um 100.000 Euro bei mir im Grätzel kaufen kann. (Die von mir gewählten Produkte sind alle hoch standardisiert, unterliegen keinem technologischem Wandel und sind österreichweit gut vergleichbar.)

Kaufkraft
Royal TS Menü mit Salat 5.79 17271.16 Menüs
Benzin ROZ 95 (e-control Spritpreisrechner für 1070 Wien) 1.399 71479.63 Liter
ORF/GIS Gebühren 49.76/2 Monate 334.94 Jahre Fernsehen
Jahresstromverbrauch 3000kWh (e-control Tarifrechner für 1070 Wien) 540.04 (stromdiskont.at) 185.17 Jahre
Immobilie 51-80m², 1070 Wien (immopreise.at) 4486 Euro/m² 22.29m²
politisches

Zur Krise

Ich habe lange nachgedacht, ob ich ein paar Zeilen zur (Finanz-)Krise schreiben soll. Das Thema ist ohnehin ausgelaugt, alles scheint gesagt. Und das leider lange bevor das ganze Debakel zu Ende sein wird…

Vorweg will ich bemerken, dass ich in wirtschaftspolitischen Dingen ein Hardliner bin. Wenn Zeitung und TV meine beiden Landeshauptmänner beim Geldverteilen abbilden, krampft es grundsätzlich in mir. Ich freue mich dann nicht über die vielen geschaffenen Arbeitsplätze. Ich denke reflexartig an die von der Allgemeinheit dafür aufgebrachten Steuern. Das ist meine Natur. Ich bitte daher, diesen Beitrag auch so zu lesen.

2007, oder eigentlich viel früher, nahm in den USA eine Immobilien-Finanzierungs-Krise ihren Lauf, die sich zu einer Banken- und Börsenkrise auswuchs. Auf Europa übergeschwappt ist eine Staatsschuldenkrise mit dem Endergebnis einer globalen (Real-)Wirtschaftskrise. Ziemlich viel Krise, ziemlich wenig Ausweg.

Krise ist Griechisch

Krise kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich Beurteilung, Entscheidung oder Zuspitzung. Eine Krise bezeichnet demnach einen problematischen Wendepunkt, eine Zeit der Entscheidung. Meinem Empfinden nach geht es Medien und Politik vorrangig aber um etwas anderes: Schuld (welche man gerne jetzt den Griechen gibt).

Schuld

Wer trägt Schuld an einer Lawinenkatastrophe in den Alpen? Ist es der Schneefall, der erfahrungsgemäß doch recht regelmäßig passiert? Ist es die Politik, die die Flächenwidmung verantwortet? Oder sind es doch die Häuslbauer, die ihre fertigteilernen Lebensträume in unsicheres Gebiet platziert haben? Die Bauordnung? Der Klimawandel? Der Ski-Tourismus? Kapitalismus?

Es ist müßig, die Schuldfrage in einem derart komplexen System zu klären. Und es hilft auch nicht weiter.

Medien und Politik beschäftigen sich allerdings sehr gerne mit der Schuld. Der Boulevard schafft so Feindbilder und damit billige Zustimmung, die Politik kann von eigenen Versäumnissen ablenken. Die Ouvertüre zum kommenden Sparpaket ist schließlich schon jetzt das beliebte “Wir da unten, die da oben”-Spiel. Ein Akt der Hilflosigkeit.

Spätestens seit dem Entzug unseres Triple A hat das Niveau der Wirtschaftsmeldungen die der Sportberichterstattung erreicht.

Ich bin also äußerst unzufrieden damit, wie Medien und Politik die Krise aufarbeiten. Und mit dieser Unzufriedenheit bin ich nicht alleine. Was etwa Bundeskanzler Faymann in packenden 3:28 Minuten auf Youtube erklärt ist Folgendes:

  1. Bis vor zwei Wochen habe ich noch nie was von Anleihen gehört.
  2. Wir brauchen (ich brauche) Europa, weil die Kollegin aus Deutschland kennt sich da besser aus als ich.
  3. Ich hab’ die bösen Spekulanten auch nicht gern.

Dementsprechend strategisch überlegt sind auch die Aktionen der Politik: Wir haben einen Euro-Rettungsschirm, der nichts anderes ist, als das, was uns die Immobilienkrise eigentlich erst eingebrockt hat: Ein Müll-Papier bei dem zu viele Risiken bis hin zur Unüberschaubarkeit gebündelt und anschließend mit Gütesiegel verhökert werden. Dazu bekommen wir eine europäische Rating-Agentur, der bösartige Herabstufungen einfach verboten werden können. (“Sie wird doch unabhängig sein!” Das wird genauso der Fall sein, wie die Europäische Zentralbank laut Art. 123 AEUV keine Staatsschulden kauft.)

99%

Auch ich bin Teil der einkommensschwächeren 99%. Dennoch bin ich Aktionär, Gläubiger und Rohstoffspekulant, ich besitze Gold und sogar eine Immobilie. Ich lebe in materiellem Überfluss gemessen am Lebensstandard meiner Eltern, als diese so alt waren, wie ich heute bin. (Eine Tatsache, die wahrscheinlich auch für beinahe 99% der Österreicher gilt, und dennoch wird alles immer schlechter… Oder konnte deine/Ihre Mutter für die Durchschnittsentlohung von fünf Minuten Arbeit ein abendfüllendes Ferngespräch mit Brasilien führen? Konnte man 1986 für sechs Stunden Arbeit nach Bulgarien und zurück fliegen?)

Goldmünze 1.000 Schilling; aktueller Wert rund 500 Euro. Ende 2008 gab ich in meinem letzten Beitrag auf meiner damaligen Webseite den Tipp, Gold und/oder ETFs in Rohstoffen zu kaufen. Ergebnis: Gold +100%; Rohstoffe +25%. Macht mich das zu einem Mitschuldigen an der Finanzkrise?

Ich stelle fest:

  1. Wir leben in der besten Welt, die es je gab. Es gab nachweislich noch nie so wenig Hunger, Armut oder Krankheit wie heute. Diese Feststellung soll keinesfalls missverstanden werden: Es ist nur nicht alles so schlecht, wie die Menschheit denkt, was sie tut.
  2. Zwingend aus Punkt 1 ergibt sich für mich, dass Das System so grundlegend falsch nicht sein kann. Ich bin zwar der festen Überzeugung, dass wir dringend Verbesserungen benötigen, ich kann das Gerede vom alternativen Wirtschaften usw. aber nicht mehr hören.
  3. Ein Lebensstil auf Pump führt in Abhängigkeit. Dies gilt für Private ebenso wie für Staaten.
  4. Kurzfristiges Sparen ist dennoch kontraproduktiv, weil es tendenziell die Konjunktur abwürgt, und zu falschen Maßnahmen verleitet. Maßnahmen, die etwa der Jugend Chancen nehmen oder langfristig teuer sind. (Beispiel: Beamten-Stopp; weil hier etwa einem angehenden Richter nach zwanzig Jahren Ausbildung(!) die Karriere unter den Füßen weggezogen wird. Gleichzeitig verdienen Personal-Leasingfirmen an der Auslagerung von Arbeit an Dritte – aber das sind ja dann keine Personalkosten mehr.)
  5. Eine gemeinsame Währung gepaart mit autonomer Wirtschaftspolitik ist eine Zerreißprobe für jeden Wirtschaftsraum. Selbst wenn Griechenland heute schuldenfrei wäre, hätte Europa das Problem in ein, zwei Jahrzehnten erneut. Der Grund ist das Produktivitätsgefälle. Die Griechen machen weniger aus ihren Ressourcen. Sie müssen allerdings ihre (für sie selbst) teureren Waren mit unserem starkem Euro verkaufen.
  6. Ich fürchte politische Umbrüche aus falschen Schlüssen oder Motiven. Wir können unsere Staatsschulden nicht auf Basis “unten gegen oben”, “wir gegen die Banker” oder “Nord gegen Süd” sanieren.
  7. Ich hoffe darauf, dass die Krise als Chance gesehen wird.

Krise als Chance

Es ist an der Zeit sich der Bedeutung des Wortes Krise bewusst zu werden: Zeit für neue Ideen.

Wohnen, Energie und Verkehr

Österreich ist ein zersiedeltes Land. Die schier endlosen Batterien von Einfamilienhäusern nehmen enorme Flächen in Anspruch. Das hat mit der Idylle vom Haus im Grünen wenig zu tun. Die Häuser müssen alle einzeln beheizt werden bei Maximierung der Außenfläche. In der typischen Reihenhaussiedlung am Wiener Stadtrand, im Tullner Feld oder neben dem Gewerbepark einer typischen Gemeinde fehlen außerdem Nahversorgung sowie Arbeitsplätze. Dadurch entsteht Verkehr. Der Führerschein ist also der einzige Weg in die soziale Freiheit, und gleichzeitig der beste in die finanzielle Abhängigkeit.

Trotz vieler Autofahrer leistet sich Österreich aber dennoch einen hohen Grad an Infrastruktur außerhalb der Ballungszentren. Post oder Bahn sind gezwungen Filialen und Verkehrsverbindungen aufrecht zu erhalten, während die private Konkurrenz die lukrativen Geschäftsbereiche streitig macht.

Der Wahnsinn an der Sache ist, dass diese Entwicklung durch Subventionen (Wohnbau) und steuerliche Begünstigungen (Pendlerpauschale) gefördert wird. Abseits von der herrschenden Neiddebatte ist dieses System schlicht ineffizient. Die Volkswirtschaft verliert einen zu großen Teil ihrer Ressourcen durch Fehler der Raumplanung.

Das bedeutet Förderungen und Begünstigungen sofort zurückfahren (oder allermindest einfrieren). Gleichzeitig müssen auch die Städte lebenswerter werden. Die Stadt als Lebensraum muss für eine Jungfamilie finanziell aber vor allem qualitativ attraktiv sein. Dazu gehören Maßnahmen von Kinderbetreuung bis hin zu menschenfreundlicher Stadtplanung.

Kurzum: Nicht über die Krise schimpfen, sondern in die Stadt ziehen! (Hatten wir nicht 2009 eine staatlich subventionierte Auto-Verkaufsaktion, ähem Schrottprämie als allererste sinnvolle Krisenintervention?)

Unternehmensbesteuerung reformieren

Ein besonders unangenehmer Trend der vergangenen Jahre ist der Rückgang des unternehmensseitigen Steueraufkommens. Das bedeutet, dass Unselbständige einen immer größeren Anteil der Steuerlast in Österreich zu tragen haben. (Die Statistik Austria gibt mir hier allerdings gar nicht recht; vielleicht handelt es sich mehr um ein “Wir gegen sie”-Argument der Arbeiterkammern und Politiker.)

Sollte es stimmen, hat dies einerseits mit steuerlichen Erleichterungen für Unternehmen zu tun. Dazu zählt etwa die Gruppenbesteuerung (eingeführt 2005) oder Senkung der Körperschaftssteuer von 34% auf 25% (eingeführt 2005).

Andererseits hat der vermeintliche Trend womöglich auch Ursachen im Wandel unserer Wirtschaft, von der Produktion hin zur Dienstleistung, von materiellen Werten hin zu immateriellem Vermögen. Unternehmen besitzen dadurch immer mehr Flexibilität was etwa abgeschrieben oder wie und wo verbucht werden kann. (Lesetipp: Sind so schöne Zahlen, brandeins 11/2011)

Unternehmen tragen ebenso wie die Finanzämter enorm hohen Aufwand, um korrekt zu versteuern. KMUs können sich viel Bürokratie und Optimierungspotenzial gar nicht leisten; es profitieren die Großen.

Daher mein Vorschlag: Gleichzeitige Abschaffung jeglicher Art von Gewinnbesteuerung (KÖST) und Vorsteuerabzugsberechtigung. Ein Unternehmen würde am Ende des Tages nicht mehr den übrig gebliebenen Gewinn – nach viel Verwaltungsaufwand und Trickserei – versteuern, sondern ganz normal mit Umsatzsteuer einkaufen. Österreich hätte damit die einfachste Unternehmensbesteuerung weltweit, was nicht nur Anreiz für den Schritt in die Selbständigkeit wäre. Als Abfallprodukt fiele darüber hinaus enormes Missbrauchspotential weg: “Auf Firmenkosten ohne USt kaufen, privat nutzen” würde es dann nicht mehr spielen.

Wer nun argumentiert, dass dadurch alle Produkte teurer würden, dem sei gesagt, dass ja andere Steuern und enorme (tote!) Kosten wegfielen. Arbeit wird übrigens seit jeher so besteuert: Mit Dienstgeberanteil, einer Art Umsatzsteuer weit jenseits der 20%.

Politische Umsetzung

Krise der Demokratie – in letzter Zeit auch oft gehört. Ich wünsche mir eine politische Vereinigung, die sich per Ankündigung nach spätestens zwei Wahlen selbst auflöst. Damit wäre ein Verankern im Sattel der Macht von vornherein ausgeschlossen. Gleichzeitig könnten auch unpopuläre Maßnahmen – wie etwa meine Phantastereien – getroffen werden, weil man den Blick auf die nächste Wahl gar nicht machen müsste. Ich glaube, das Wahlvolk ist bereit für Politiker, die unpopulär und ehrlich sind. In der Schweiz stimmt das Volk für Steuererhöhungen, geht so etwas auch bei uns?

Ausblick

Ich weiß ebensowenig wie jeder andere auch, ob der Euro langfristig bestehen wird, oder nicht. Mit den genannten Vorschlägen ist das aber egal. Wir würden künftig weniger Euro, Yuan, Schilling_neu.docx oder Internet-Coins für Säulen unseres Wirtschaftssystems ausgeben müssen. Und das wäre gut so – egal was kommt.