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Ich bin wieder da

Ich habe an dieser Stelle meine Väterkarenz angekündigt, nun will ich sie mit meinen lessons learned auch offiziell abkündigen.

Fünf Monate war ich nun mit meinem Kleinen zu Hause und habe mir im Zuge dessen eine nette Rückerstattung meiner Sozialversicherungsbeiträge gegönnt. Das Projekt einer fünfmonatigen Auszeit verlief allerdings doch ziemlich anders, als zunächst erwartet.

Zeit also für einen Rückblick:

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Philips erster Staatsfeiertag: Air Force One besucht Black Hawk

Fünf Monate Urlaub – cool!

Die Sozialversicherung zahlt – zwar in eigenartigen Intervallen aber dennoch – fürstliche 2000 Euro monatlich fürs Nixtun. Mit diesen 66 Euro pro Tag sollte man problemlos über die Runden kommen, vor allem, wenn man einen weiten Bogen um Bio-Babynahrung oder antiallergene Kinderkosmetik macht.

Mit der Einstellung, dass ich als Kleinkind Anfang der 80er die damalige “gute alte Zeit” überlebt habe, kann man dies auch getrost tun.

Mit Ignoranz lässt sich’s sehr entspannt ein Kind groß ziehen.

Schließlich bin auch ich groß geworden, in einer Welt mit Passivrauchen, deutlich höherer elektromagnetischer Strahlung und einer tatsächlichen Reaktorkatastrophe nebenan.

Philip lebt in einer tollen Welt, sogar ohne Lactose- und glutenfreier Kinderspeisen, Baby-Mineralwasser, feministischer Kinderliteratur oder Kleidung aus bio und fairtrade Produktion. All das habe ich in diesen fünf Monaten mit Staunen erlebt und erfolgreich ignoriert.

tiergarte
Immer ein Tipp: Tiergarten Schönbrunn unter der Woche vormittags

Das Unvergessliche

Ich war dabei, als du deine ersten Wörter sprachst
Ich war dabei, als du laufen lerntest

Ich habe deine Mutter in dir erkannt
Und ich habe mich selbst in dir gesehen

Aus einem hilflosen Neugeborenen
ist ein kleiner Mann geworden

Ich habe dir meine Zeit gegeben
Du gibst ihr einen Sinn

Die Schattenseiten

Aus meiner geringfügigen Nebenbei-Tätigkeit wurde oft wieder ein Ganztagesjob. Karenziert zu sein – und das bedeutet volle Aufmerksamkeit für ein Kind und dessen Tagsablauf – und dennoch beruflich am Ball bleiben zu wollen, geht sich einfach nicht aus.

Funktioniert hat’s teilweise. Aber immer mit gehörig viel Stress.

An “echten” beruflichen Themen zu arbeiten ist tausendfach spannender, als sich um die scheinbar irrelevanten Probleme eines Kleinkindes zu kümmern.

Man hat letztlich also die Wahl zwischen Langeweile (nur Kind) und stressiger Langeweile (Kind und der Glaube, nebenbei produktiv sein zu können).

plan b
… und Plan B bei Schlechtwetter: das Haus des Meeres

Die Erkenntnisse

In der Zeit bin ich mit dem Kinderwagen rund 500 km durch Wien gefahren, davon rund 250 km allein die Mahü entlang.

Barrierefreiheit ist ein Thema, das ich nun in anderem Licht sehe. Mit Kinderwagen und Taschen – das Kind schlimmstenfalls am Arm statt in der beabsichtigten Sitzposition – macht’s einfach keinen Spaß, Treppen oder aber auch nur kleinere Hindernisse überwinden zu müssen. Und ja, liebe Leute mit gesunden Beinen, die ihr euch in meinen Lift in der U-Bahn drängt: Ich hasse euch, ehrlich!

immer gut aufepüasst
Während meiner Karenz hab’ ich immer gut auf ihn aufgepasst

Die Enttäuschung

Als große Enttäuschung des Projekts muss ich (Solo-)Mütter mit Kindern verbuchen.

Hier gingen meine freudigen Erwartungen kilometerweit an der trüben Realität vorbei. Ob im Kaffee, Museum, Park, in Geschäften oder sonstwo: Gesprächsthema war ausschließlich der Tagsablauf des jeweiligen Nachwuchs’. Während ich mich auf Parkbänken umzingelt von einsamen, an meiner Lebensgeschichte interessierten Frauen sah, so lief das in echt bis zum Verlust der Persönlichkeit: Aus Mathias wurde “Papa vom Philip”, aus gemeinsamen Cappuccino wurde “kurz das Flascherl halten”.

Dem Vernehmen nach soll die Situation am Land entschieden besser aussehen. Wenn Philip nur lieber Auto gefahren wäre, hätte ich meine Karenz wohl besser in Hainburg oder gar St. Pölten verbracht. In Wien 6 & 7 ist die Männerkarenz leider nix Besonderes. (Die hier endemische Frauenwelt hätte ich wohl besser mit dem Lactose-Gluten-Weltrettungs-Zeug beeindruckt; vielleicht ist ja das der Grund, warum Männer da mitmachen.)

woh erzogen
… und ihn wohl erzogen

Der Ausblick

Was nun kommt, ist womöglich zeit- und arbeitsintensiver, als das, was ich nun mit Freizeit und staatlicher Unterstützung erlebt habe. Ab März besucht Philip den Kindergarten, gleichzeitig arbeiten Isabella und ich wieder Vollzeit. Wie sich das alles ausgehen soll, bleibt mir ein Rätsel, das wir wohl oder übel auflösen werden müssen.

tldr;

Ich habe einen wunderschönen Film gesehen, den man nie mehr wiederholen kann. Ich glaube, ein guter Elterteil zu sein, bedeutet einen Marathon über Jahre zu laufen. Der Start ist gut absolviert und jetzt heißt’s Kilometer für Kilometer konsequent zu sein und nie die Kraft zu verlieren. Meine Karenz gab’s auch auf Instagram