Jahresbeginn ist die Zeit der guten Vorsätze. Ich habe mir vorgenommen, etwas für die Verständigung zwischen “normalen” Menschen und Nerds zu tun, bzw. selbst ein wenig verständnisvoller zu sein. Aber alles der Reihe nach:
Ich höre immer wieder Beschwerden, ITler seien wahre Unmenschen, die den Büroalltag vieler Unternehmen mit Sarkasmus und Ironie überschwemmen. Von der gegnerischen Seite – gleichsam egal aus welcher Branche oder Position – höre ich, die jeweiligen DAUs seien besonders schlimm und grundsätzlich verständnislos gegenüber der IT.
Wie ich es erlebe, führt die geschilderte Situation zu Subkulturen innerhalb der Unternehmen. IT Profis fühlen sich dann dort grundsätzlich mehr ihren Projekten oder technischen Religionsbekenntnissen als ihren Arbeitgebern zugehörig. Ergebnis sind einerseits zwar Meilensteine des Humors, andererseits aber auch viel Konflikt- und Frustrationspotential.

Zynismus, wörtlich Hündigkeit, bezeichnet eine Lebensanschauung, die durch Spott und Missachtung von Konventionen geprägt ist. Dabei ist oft der einzige Hund, mit dem ITler zu tun haben, der Höllenhund Kerberos, ein Protokoll zur Authentifizierung über Netzwerke. Der Großteil von uns ist nämlich nett und beißt nicht;-) Foto: Mathias, Mosambik 2011.
Nun, viele Vorurteile mögen stimmen, das Pauschalurteil Unmensch will ich aber zurückweisen. Die IT-Leute, die ich kenne, zeigen soziales Engagement durch Freiwilligenarbeit oder überdurchschnittliches Spendeverhalten. Der Referenz-Nerd ist Pazifist, an tausenden Dingen außerhalb der IT interessiert, reist viel und ist grundsätzlich eher freundlich. Die komplette Industrie fußt dank Open Source auf dem Grundsatz gemeinschaftlichen, unentgeltlichen Teilens – in allen anderen Wirtschaftsbereichen wäre das eine reine Utopie.
Kurzum: Es gibt definitiv das oben geschilderte Problem, aber es ist kein charakterliches.
Ein Problem zweier Welten
Vielmehr bin ich der Überzeugung, dass es ein Problem zweier, stark unterschiedlicher Realitäten ist. Dies erzeugt ein Spannungsfeld, mit dem ITler tagtäglich konfrontiert sind. Auf Dauer ist so etwas aufreibend – die (verzweifelte) Reaktion ist dann oft sarkastisch.
Auf der einen Seite befindet sich die Welt des Unternehmens und des Managements; es ist die Bürowelt hierarchischer Ordnung mit (anscheinender) Beliebigkeit der Verwaltungsentscheidungen.
Im krassen Gegensatz dazu steht die technik-getriebene Welt der IT; hier sind gute Mitarbeiter unerreichte (aber auch unüberprüfbare) Experten auf ihren Gebieten – Entscheidungen basieren deutlich öfter auf Fakten oder, zumindest, technischer Notwendigkeit.
+++ Spannungsfeld zwischen non-IT und IT +++
Bürowelt IT
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Entscheidungen Fingerspitzengefühl README.txt
der Weg dahin Meetings Konkurrenz und Evolution
Motivation mission statements das beste System bauen
Organisation hierarchisch (latent) in Task Forces
Qualität langfristig nebulös automatisiert überprüfbar
Fehler Ausnahmen einführen Totalabsturz
Fehlerbehebung schwer STRG-Z
ArbeitsINPUT skaliert mit Zeit skaliert mit Konzentration
ArbeitsOUTPUT linear zur Fallzahl Zahl unterschiedlicher Fallarten
Projektmanagment schwerfällig, genau agil, trial & error
Planbarkeit Excel Glaskugel
Umsetzung Papier Code
Wartungsaufwand Wartung? hoch
Vielleicht hilft ein Beispiel zur Verdeutlichung meiner Gedanken.
Als ich 2002 “richtig” zu arbeiten begonnen habe, wurde mein Mitarbeiter-Account in die Unix-Gruppe “edvz” gesteckt. Das EDV-Zentrum war zwar zu dieser Zeit bereits Geschichte, das zugrunde liegende IT-System ließ sich aber nicht mehr so leicht umbiegen. (Wozu auch?) Inzwischen gab es eine neuerliche Umbenennung von ZID in IT-S. Accounts sowie aber vor allem auch deutlich wichtigere Systeme machen solche Aktionen aber selten mit. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen “Realität” und dem, wie sie in Systemen abgebildet wird.
Als IT-Mitarbeiter ist man also täglich mit diesen zwei Welten konfrontiert. Einerseits hört man, wie etwas laut Management, Verkauf oder Gesetzgeber zu sein hat oder angeblich ohnehin bereits so ist, andererseits liegt vor einem das tatsächliche Regelwerk gegossen in Programmcode. Und dieser kennt keine Ausnahmen und duldet keinerlei Fehler oder Mehrdeutigkeiten. Das Problem zieht such durch alle betrieblichen Sphären (und erreicht bei HR seinen traurigen Höhepunkt).
Ich bin überzeugt, dass bei meiner Hausbank (zurzeit heißt sie übrigens gerade Bank Austria Unicredit AG) auch heute noch im Hintergrund die Abrechnungsprogramme, Clearing-Skripts und automatisierten Risikoanalysen der Zentralsparkasse mit denen der Creditanstalt konkurrieren. Die Hausbank, die sich – seit sie mich als Kunden hat - drei Mal umstrukturiert hat, besitzt mit Sicherheit auch zynische IT-Mitarbeiter. IT-Mitarbeiter, die ganz genau wissen, dass der Logotausch auf der Homepage noch keine andere Bank aus ihrem Unternehmen macht.
Klar, man könnte nun mit Kernprozessen und der reinen Hilfsfunktion von IT kontern. Aber wenn ich mir am Beispiel der Banken ansehe, woher die Konkurrenz kommt (Direktbanken, Mobilfunker und NFC, peer to peer finance), würde ich sehr schnell Information als Kernressource meines Unternehmens ansehen. Und damit wäre die IT wissensintensiver Unternehmen auf Augenhöhe mit dem Controlling – zugegeben, das ist nun wirklich eine Utopie…
Versöhnliches
Kommen wir zum versöhnlichen Abschluss, immerhin ist’s ja mein Neujahrs-Blog.
Ich stelle fest, Nicht-ITler haben oft keine Vorstellung davon, welche Tätigkeiten viel und welche wenig Aufwand auf meiner Seite bedeuten. Mit größter Selbstverständlichkeit wird da oft ein komplettes Datenbank-Redesign eine Woche vor dem Produktivtermin gefordert, beinahe ängstlich wird manchmal gefragt, ob man die Schriftfarbe jetzt überhaupt noch anpassen könnte.
In Zukunft werde ich die Komplexitäten meiner Arbeit besser darlegen. Vielleicht wird dann klar, dass auch ich kein so unguter Hund bin.





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