Wie ich diese Zeilen schreibe, sitze ich nach zweiwöchigem Abenteuer in einer schicken Lounge am Flughafen von Johannesburg. Hinter mir retten Merkel und Sarkozy parallel auf BBC und Al Jazeera den Euro – zum wievielten Mal dieses Jahr eigentlich? Mein Handy findet ein offenes WLAN, ich hole mir noch Tonic und Sandwiches, Boarding für den Rückflug startet erst in einer guten Stunde. Zeit also für einen kleinen Reisebericht.
Gut ich war in Afrika. Wieder einmal. Beeindruckend, Sternenhimmel, Menschen in Hütten, wilde Tiere, Armut, blablabla.
Ich könnte nun von Highlights schreiben und ein paar nette Bilder hochladen. Doch das will ich diesmal nicht tun.
Während der Reise habe ich Matt Ridleys faszinierendes Buch The Rational Optimist: How Prosperity Evolves gelesen, das mich einerseits in bisherigen Meinungen bestätigt, andererseits überrascht oder gar schockiert hat. Was hier folgt ist daher weniger ein Reisebericht, sondern vielmehr eine angewandte Buch-Rezension.
Das Ende der “Dritten Welt”
Meine erste Fernreise ging 1987 nach Thailand. Ich erinnere mich nur verschwommen an schreckliche Bedingungen wie Armut und Krankheit. Ich habe das Bild bettelnder Leprakranker an jeder Straßenecke nie vergessen, ein prägender Eindruck für mich mit fünf Jahren.
Inzwischen war ich noch drei Mal im Land des Lächelns, und es ist wie seine Nachbarn kaum wieder zu erkennen. Der wirtschaftliche Aufschwung hat in den vergangenen 25 Jahren Südostasien radikal verändert, wie man am Energieverbrauch erkennen kann.

Kochen mit Gas anstatt Regenwald. (Malaysia/Borneo 2010)
Die Daten erzählen, aus meiner Sicht, erfreuliche Geschichten von Mobilität, Heizungen, Kommunikation, industrieller Produktion (Arbeitsplätze), Konsum und sogar Entlastung natürlicher Lebensräume dank Verbrennung fossiler Brennstoffe anstatt von Holz. In anderen Worten, das ist gewonnener Wohlstand.
Seit dem Beginn der weltweiten Finanzkrise 2008 ist immer öfter zu hören, dass unser kapitalistisches System nicht funktioniere, dass der freie Markt ausgedient hätte. Ich finde diese Aussagen nur noch menschenverachtend und gefährlich (weil sie in millionenfacher Auflage nicht folgenlos bleiben werden).
Die Armut hat sich weltweit sowohl in absoluter als auch relativer Zahl reduziert, wobei ein starker Zusammenhang zwischen Marktwirtschaft und eben dieser Entwicklung zu erkennen ist. Ja, es gibt Schattenseiten, aber letztlich sollte sich jeder Teilzeit-Utopist folgende Frage stellen: “Würde ich lieber in einem Land mit großer politischer und wirtschaftlicher Freiheit geboren werden, oder beispielsweise in Simbabwe, Kuba, Nordkorea oder Burma?” (China lasse ich als Ausnahme nicht gelten, da es aus wirtschaftlicher Perspektive nicht mehr kommunistisch ist. Im Gegenteil, interessant ist der Zusammenhang zwischen den Reformen ab 1978 und dem Wirtschaftsaufschwung.)

"Now everyone can fly!" Mit dem Billigflieger Air Asia quer durch Asien. (Brunei 2010)
Der Energieverbrauch ausgewählter afrikanischer Länder sieht im selben Zeitraum leider anders aus (die Auswahl beruht lediglich auf bisherigen Reisezielen). Außerhalb afrikanischer Städte herrscht nach wie vor großteils Subsistenzwirtschaft. Die Menschen sind also auf das angewiesen, was sie selbst produzieren. Was in Bobo-Träumen romantisch und noch dazu “bio” klingen mag, bedeutet in der Realität schlicht folgendes: Keine Versorgungssicherheit, kaum Ressourcen für Bildung oder Freizeit bei gleichzeitig enormem Flächen- und Wasserbedarf der ineffizienten Landwirtschaft.

Kochen/Backen mit Holz zerstört Lebensräume und führt zu Erkrankungen der Atemwege, einer unterschätzten (weil unspektakulären) Todesursache in der Dritten Welt. (Ägypten 2004)
Noch erschreckender als der stagnierende Energieverbrauch liest sich der Vergleich der Lebenserwartung derselben Länder: Ein Österreicher wird beinahe doppelt so alt wie ein Swasiländer. (Der Einbruch der Länder des südlichen Afrika ab etwa 1990 hat mit HIV/Aids zu tun.)
Das andere Afrika
Doch genug der schlechten Nachrichten. Afrika passt dennoch nicht ausschließlich ins Bild, das Entwicklungshilfe-Organisationen jetzt zur Weihnachtszeit wohl wieder gerne zeichnen.
Der Kontinent hat eine weitgehende Abdeckung mit GSM-Mobilfunk. Mangels Bankkonten für Jedermann blüht Bezahlen via SMS, was Afrika wohl zum Vorreiter in Sachen mobile paymentmacht.

Busstation mit share taxis, DEM Transportmittel Afrikas (Südafrika 2005)
Die Menschen sind unternehmerisch tätig. Ob Lebensmittel, Kleidung, Kunsthandwerk oder Handy-Wertkarte; man kann alles überall erstehen. Mit einer Flotte an Minibussen (share taxis) wird der de facto nicht existente öffentliche Transport ersetzt – leider mangelt es hier stark an Sicherheit.

Piri Piri aus Eigenproduktion entlang der Straße. (Mosambik 2011)
Länder wie Botswana oder Mauritius sind heimliche Wirtschaftswunder. Südafrika ist in urbanen Regionen wie Durban, Jo’burg oder Kapstadt entwickelt wie Europa oder Nordamerika. Das dort angesiedelte Human- und Finanzkapital sorgt in ganz Afrika für Investitionen; noch zahlreicher sind diese Kapitaltransfers inzwischen aus China.

Auch das ist Afrika: Wirtschaftsmetropole Kapstadt mit Bürotürmen, Hafen, Shopping-Meilen, Touristen, usw. (Südafrika 2005)
Was also tun?
Wenn man selbst miterlebt hat, wie eine hungernde Mutter ihr Baby gegen ein paar Dollar verkaufen will, dann muss man etwas tun. Isabella und ich haben damals 2008 an der namibisch-angolanischen Grenze unsere Essensvorräte und nicht mehr benötigte Kleidung verschenkt. Doch das diente natürlich vielmehr zur Beruhigung unseres eigenen Entsetzens, als es nachhaltige Hilfe darstellte.
Ich bin inzwischen der Überzeugung, dass klassische Entwicklungshilfe lediglich gut gemeint aber wenig effektiv ist. Hier also ein paar Ansätze zur echten Hebung des Wohlstands. Teilweise mögen sie radikal klingen; aber ich bin streitbar.
Tourismus

Tourismus schafft Jobs (Tansania 2006)
Tourismus ist ein Wohlstandsbringer für Hotelkonzerne ebenso wie für die lokale Bevölkerung. Tourismus ist ein Dienstleistungs-intensiver Wirtschaftszweig, was bedeutet, dass viele Personen ausgebildet und bezahlt werden. Rund um Flughäfen und Hotels entstehen Straßen, Kraftwerke und Wasserversorgung. Sofern es etwas gibt, was wirklich jeder Einzelne tun kann, dann bedeutet es hinfahren und Geld ausgeben. Aber bitte nicht so einen Schwachsinn fürs gute Gewissen machen.
Landwirtschaft – Subventionen
Die europäische Agrarpolitik ist ein Verbrechen an der Dritten Welt. Die EU predigt zwar den freien Handel, sperrt mit Subventionen in die eigene Wirtschaft aber geschickt die Entwicklungsländer aus. Ich habe an den Grenzen zwischen Namibia und Sambia bzw. Simbabwe tausende Menschen Schlange stehen sehen, die sich Brot im Nachbarland kaufen mussten. Brot auf europäischem Preisniveau wohlgemerkt, bei deutlich niedrigerem Medianeinkommen der Bevölkerung.
Transport und CO2-Emissionen könnte man der Forderung nach verstärktem Handel mit Lebensmitteln nun entgegenwerfen. Aber das Konzept der food miles ist ohnehin sehr schwach, um eine Vergleichbarkeit hinsichtlich Umweltschädigung zu erreichen. (Das Lammsteak braucht vom Supermarkt auf den Teller doppelt so viel Energie, wie von Neuseeland nach Österreich. Wer sich wirklich Sorgen um CO2 macht, sollte aber ohnehin gar kein Fleisch essen…)
Landwirtschaft – “Bio”-Treibstoffe
Kein Themenwechsel. Wer fragt, warum die Lebensmittelpreise 2008 auf Rekordhöhe geklettert sind, dem werden Schauermärchen von üblen Spekulanten erzählt. Doch die gab es zuvor auch schon. Vielmehr ist die Preisexplosion Ergebnis mehrerer Einflüsse, wie etwa der gesteigerten Nachfrage aus Asien (warum, siehe oben), Zunahme an Fleischkonsum, leidigen aber natürlichen Ernteausfällen und der gesetzlich verordneten Verwendung landwirtschaftlicher Produktionskapazitäten zur Erzeugung von “Bio”-Treibstoffen.
“Spiel nicht mit dem Essen, in Afrika verhungern die Kinder”, hörte ich früher häufig. Inzwischen betanken wir unsere SUVs mit dem Essen dieser Kinder. Die EU – aber auch andere Staaten – hat in ihrer Biokrafstoff-Richtlinie eine schrittweise Erhöhung des Anteils von Kraftstoffen aus landwirtschaftlicher Produktion vorgeschrieben. Nun werden auf europäischen Feldern Raps, in den USA Mais und Soja, in Brasilien Zuckerrohr oder in Malaysia Palmöl zur Kraftstoffgewinnung gepflanzt. Eine objektive (CO2-)Gesamtbilanz ist schwer zu bekommen, die Flächenkonkurrenz mit üblicher Landwirtschaft ist jedenfalls ein Faktum. Bio, juhu!
Pharmaforschung

Survival Kit für die Tropen. Leider für viele Leute in der Dritten Welt nicht zu bezahlen. (Brasilien 2003, nicht Afrika)
Die Forschung nach neuen Wirkstoffen ist wenig überraschend ein extrem kostspieliges Abenteuer, das im freien Markt nicht zum gewünschten Ergebnis führt. (Ich habe nicht umsonst oben von Schattenseiten gesprochen, aber wer hat schon bis hierher gelesen?) Die Politik hilft mit Patenten, Forschungsförderung und großzügigen Subventionen zwar nach, doch ein Mittel gegen Haarausfall kann letztlich in Industrieländern gewinnbringender verkauft werden, als ein noch so wirksamer Impfstoff gegen einen tropischen Parasitäten. Die Pharmaforschung gehorcht dem Markt, Spenden wäre sinnvoll.
Regierungen und Bürokratie anstatt moderner Rechtsordnung und funktionierendem Geldwesen
Bleiben wir bei Parasiten: Ich habe nicht umsonst meine Reisepassnummer in Afrika auswendig gelernt. Eine Straßenkontrolle hier, ein kleiner Permit dort. Drei Stunden für einen Grenzübergang, lächerliche Stempel und Vorschriften, Formulare, usw. Der Korruption wird somit Tür und Tor geöffnet – der wohlstandserzeugende Teil der Bevölkerung wird an seiner Arbeit gehindert.

Pendler am Weg zur Arbeit; ein paar Stunden jeden Tag an der Grenze. (Niemandsland zwischen Südafrika und Mosambik, 2011)
Selbes Bild beim Geld- und Rechtswesen: In Tansania herrscht ein alternatives Rechtssystem, weil der Staat nicht effizient genug ist. Das macht aber überregional und international Probleme. In Mosambik habe ich Euros teuer verkauft, da auch via Banken nicht an ausländische Währungen zu kommen ist. Dies alles hindert die Wirtschaft am Entstehen.
Hoffen wir auf Besserung – es kann wahrscheinlich wenig von außen getan werden.
Zum Abschluss
Ich habe diese Zeilen geschrieben, weil mich viele Erlebnisse auf meinen bisherigen Reisen nach Afrika (immerhin zehn) tief geprägt und überrascht haben. Und weil ich die stereotypen Bilder und Meinungen so sehr hasse. Meinungen von Leuten, die off the beaten track mit dem Lonely Planet bewaffnet im “echten” Afrika waren, wo das auch immer sein mag. Leute, die von CO2-Reduktion, Biolandwirtschaft und mehr Staat statt Konzernen reden, aber SUV wegen der Sicherheit fürs Kind fahren. Wie heißt es so schön?
The road to hell is paved with good intentions.
Ich hoffe, dass ein großer Teil Afrikas in den nächsten 25 Jahren dem Vorbild Südostasiens gefolgt sein wird – ich bin sogar sehr zuversichtlich.
Wer’s bis hierher ausgehalten hat, hat sich ein paar Fotos verdient.