Category Archives: politisches

politisches

Die Menschheit kennenlernen; ein dringender Buchtipp

Wieder einmal sitze ich am Ende einer Reise in einer schicken Lounge, und wieder einmal ist es ein beeindruckendes Buch, das mich begleitet hat. Wieder einmal will ich davon bloggen.

Die kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari ist ein Geschichtsbuch wie kein anderes:

Harari zieht dabei Querverbindungen zwischen den großen Reichen Asiens, dem arabischen Raum, den Kulturen Mittelamerikas und unserer europäischen Sichtweise. Er erkennt Gesetzmäßigkeiten und beschreibt Muster dort, wo für unsereins Geschichte bislang lediglich eine Aneinanderreihung zufälliger Ereignisse war. Er widerlegt klar die Annahme, Geschichte folge einem höheren Sinn oder gar dem Willen eines Gottes. Religionen werden ebenso als irrationale, rein inter-subjektiv existierende Fantasieprodukte entlarvt, wie unser Glaube an Nationen, Geld oder allgemein gültiges Recht.

ddd
Buchtipp, BUCHTIPP!!!

Er erschüttert romantische Vorstellungen, etwa dass Naturvölker jemals naturverbunden waren, oder dass wir überhaupt so etwas wie eine natürliche Lebensweise besäßen. Der Homo Sapiens ist eben jenes Tier, das seine gesamte Lebensweise abseits einer instinktgetriebenen Biologie zu vollführen vermag. Diese Erkenntnis ist erschreckend und befreiend zugleich, denn sie besagt, dass all unser (Zusammen-)leben rein ausschließlich auf Konvention beruht.

Harari vereint Biologie, Ökonomie, Sprach- und Religionswissenschaften zu einem Sinn-machenden Ganzen und erschafft damit einen so unglaublich umfassenden Bild menschlicher Geschichte. Eine Geschichte, die nicht am Ende ist.

Oder war dem Leser dieser Zeilen bislang klar, dass in der Steinzeit hauptsächlich Holz und Leder verarbeitet wurden, Indianer keine Pferde besaßen, das Halten landwirtschaftlicher Nutztiere am meisten den Menschen selbst domestizierte, politischer Einfluss heutiger Konzerne gegen jenen der holländischen oder britischen Ostindien Kompanien alt aussieht?

politisches

Von Kaffee und den großen Zusammenhängen

In unserer Maschinenfabrik – wie in allen anderen Fabriken ebenso – wird viel Kaffee getrunken. Besonders dann, wenn lang gearbeitet werden muss, weswegen das Kaffeetrinken auch im Interesse des Managements steht.

Uneinigkeit herrscht jedoch bis heute, ob allein der Kaffeekonsum bereits zu größeren Arbeitsleistungen führt, oder aber ob das Kaffetrinken eher die Folge erhöhter Arbeitsbelastung ist.

jh
Droge für die Wirtschaft: Kaffee

Die Kantinen

Wie auch immer, in den Fabriken gibt es jedenfalls mehrere Kantine in denen Kaffee verkauft wird. Die Kantinen werden von ihrer Rösterei beliefert.

Kantinen verkaufen in zwei Richtungen: Einerseits Kaffee an die Mitarbeiter, andererseits Kaffeemarken an das Management, damit dieses die Mitarbeiter bei Laune halten kann. Ist das Management wie so oft nicht bei Kasse, werden die Kaffeemarken gegen extrem lukrative Abnahmeverpflichtungen für noch mehr Kaffee in Zukunft getauscht.

Apropos Kaffee, wer gedacht hätte, in jeden Becher Kaffee kommen nur die feinsten Bohnen, der irrt gewaltig: Die Kantinen verdienen gutes Geld damit, frische Bohnen mit Kaffeesud zu vermengen – aber das ist lediglich ein unappetitliches Detail, das nichts weiter zur Geschichte beiträgt.

Die Chefetage

Das häufig wechselnde Management ist daran interessiert, möglichst viel zu produzieren. Andernfalls stehen die Mitarbeiter nämlich ziemlich sinnlos und bald ebenso ziemlich sauer herum. Aufgrund der langfristig eingegangenen Abnahmeverträge und den horrenden Schulden in Kaffeemarken gegenüber den Kantinen bleibt den Fabriken ohnehin immer weniger Spielraum. Bösartig könnte man behaupten, manche Klumpertfabrik existiere nur noch, um die Werkskantine am Laufen zu halten.

Es muss also auf Teufel komm raus produziert werden, um nicht gegen die Wand zu fahren:

Die einfachste Methode, den Output zu erhöhen war bislang, den Kaffeekonsum anzukurbeln. Dann muss man sich nämlich nicht mit der Verbesserung von Arbeitsabläufen, dem Schulen von Mitarbeitern oder dem Modernisieren von Maschinen herumschlagen.

Das Management bezahlt die Mitarbeiter mit Geld. Ist das Unternehmen mal nicht liquide, wird auch in Kaffeemarken bezahlt, was den Nebeneffekt haben soll, dass mit dem künftigen Konsum von Kaffee umso mehr produziert wird.

Das Gewerbeamt

In der Softwarefabrik passierte ein unangenehmer Zwischenfall: Einzelne Kaffemarken unterschiedlicher Kantinen wurden zu Gutscheinheften gebündelt und an Mitarbeiter oder andere Kantinen verkauft. Als sich herausstellte, dass die darin enthaltenen Marken wertlos waren, weil einige der ausstellenden Farbiken inzwischen geschlossen hatten, mussten auch die Kantinen schließen, die nun auf sinnlosen Marken saßen. Damit trocknete aber auch der Kaffeenachschub aus, und folglich wurden die Nachtschichten immer kürzer und die Produktivität der Fabriken immer geringer.

Seither ist das Gewerbeamt besonders aufmerksam und erlässt unaufhörlich neue Regelungen, um den Kaffeekonsum und das Ausstellen von Marken sicherer zu machen. Kantinen müssen genau Buch führen, wem sie Kaffee verkaufen, wer welche Marken führt und wem sie wiederum Kaffee schulden.

Die Rösterei

Die Rösterei beliefert die Maschinen-, aber auch Auto-, Sonnenbrillen-, Champagner- und die Schafkäsefabrik mit Bohnen. Nur die Kuckucksuhren- und Softwarefabrik haben ihre jeweils eigenen Röstereien anderdswo.

Das Geheimnis jeder Rösterei ist, dass sie auf einem unbegrenzten Vorrat an Bohnen sitzen. Wäre das nicht schon eigenartig genug, beschäftigen sie sich vor allem mit den Preisen von Kaffeemarken in den Betrieben. In den vergangenen Jahren wurde in den Fabriken nur noch immer gleich viel produziert, weswegen auch (oder eben weil?) die Nachfrage nach Kaffee stagnierte.

Die Mitarbeiter

Mitarbeiter sind dumme, in den Fabriken beschäftigte Kaffetrinker, die ab und zu befragt werden, wer von ihnen Teil des Managements werden soll. Eigenartigerweise dürfen sie nicht über die viel mächtigeren Röster abstimmen.

Mitarbeiter kaufen das, was in den Fabriken produziert wird. Manchmal scheitert es allerdings am Geld, was einen verhängnisvollen Teufelskreis auslösen kann: Kein Geld, kein Konsum, keine Jobs. Diesen Teufelskreis hat man vor hundert Jahren durchschaut und Parteien zu dessen Bekämpfung gegründet.

Die damals erstellten Rezepte greifen aber nicht mehr so gut. Nur eine Erklärung sind etwa die Postkoffeinisten, die gar nicht mehr an Kaffee interessiert zu sein scheinen. Auch ist die zunehmende Vernetzung mit anderen Fabriken ein Problem, weil Mitarbeiter zwar gern faul im eigenen Betrieb herumstehen, aber blöderweise der effizienten Smartphonefabrik aus Fernost ihre Produkte abkaufen.

Nach den oben geschilderten Vorfällen mit den wertlosen Gutscheinheften in der Softwarefabrik sind den Mitarbeitern die Kantinen ein Feindbild. Daher lieben sie es auch, wenn sich das Management um strenge Kontrollore beim Gewerbeamt kümmert, weil diese ja den Kantinen dann besonders auf die Finger schauen.

Blöd ist nur, dass das Managment die Kantinen wie einen Bissen Brot braucht. Denn mit Hilfe der Kantinen kann das Management Kaffee verschenken.

Die größte Kunst des Managements ist es letztlich, die von ihnen bitter benötigten Kantinen als Feindbild zu etablieren.

Die Kaffeeschwemme

 

Wie auch immer, der Becher Kaffee wurde in den vergangenen Jahren nicht mehr teurer, was Mitarbeiter freute, aber Alarmglocken beim Röster läuten ließ.

Die Rösterei hat sich folglich dazu entschlossen, Kantinen gratis mit Bohnen zu beliefern. Der Gedanke: Viel Bohnen führen zu viel Kaffee und das zu viel Output im Betrieb – und letztlich zu einem leichten Anziehen der Kaffeepreise.

Eigenartigerweise führte die Gratislieferung aber nicht dazu, dass mehr Kaffee getrunken wurde, und schon gar nicht zum eigentlichen Ziel erhöhter Produktivität. Die Kantinen sitzen nun haufenweise auf Bohnen und lagern diese aus Platznot beim Röster – und bezahlen dafür sogar noch.

Die Kantinen beklagen nämlich, dass sie trotz dieser einzigartig günstigen Belieferung durch den Röster vom Gewerbeamt malträtiert werden. Zu viele Vorschriften würden den Weg der Bohne zum Konsumenten behindern.

Die ganze Malaise zwingt den Chefröster, ehemals ein Mitarbeiter der Sonnenbrillenfabrik, zu einem höchst eigenartigen Schritt: Man schiebt noch mehr Bohnen in die Werkskantinen. Da man aber ohnehin bereits gratis beliefert, muss man sich mit einem Trick behelfen.

Man zwingt die Kantinen dazu, einen Teil der vom Management ausgestellten Abnahmeverträge und Kaffeemarken in den kommenden Monaten einzulösen. Das sollte den Kaffeekonsum um über 10% ansteigen lassen.

Bislang hat aber auch schon niemand den Kaffee getrunken, weil

  • im Betrieb immer weniger anstrengenden Nachtschichten stattfinden
  • viele Kantinen noch immer viel zu sehr mit dem Gutscheindebakel beschäftigt sind, das Management den Mietvertrag mit diesen Kantinen aber nicht beendet weil vordergründig Mitarbeiter sauer sein würden und langfristige Abnahmeverträge laufen aus denen das Management nicht herauskommt
  • Kantinen aufgrund strenger Regelungen an manche Mitarbeiter gar nicht erst verkaufen dürfen

Fraglich bleibt:

  1. Was ist diesmal anders? Warum soll das Werkel mit dem neuen Trick in Gang kommen wenn schon die Gratislieferung nichts bringt?
  2. Warum erkennt niemand den eigenartigen Widerspruch zwischen den Auflagen des Gewerbeamts und den Zielen des Rösters?
  3. Wie kann die Schafkäsefabrik durch mehr Kaffee gerettet werden, wenn ohnehin niemand mehr den Schafkäse isst?
  4. Wie kann das Management von Kantinen unabhängig bleiben, wenn es doch nur gewählt wird, wenn es Kaffee gegen Abnahmeverträge an die Mitarbeiter verschenkt?

tldr;

Das Kaffeeuniversum hat ein gehöriges Problem. Zum Glück wohnen wir nicht dort, sondern im schönen Europa.

politisches

Google zerschlagen?

Seit vergangener Woche wird auf europäischer Ebene heiß über die Zerschlagung von Google diskutiert – und diese politische Initiative ist bereits ziemlich erfolgreich: Die Welt, 28.11.2014

Als Fanboy von Google habe ich damit ein großes Problem.

Was nämlich zunächst nirgendwo in den Anträgen und Berichten auftaucht ist, dass die – vorwiegend deutsche – Initiative großteils von Medienhäusern getragen wird, die ihre traditionellen Geschäftsmodelle gefährdet sehen. Und da kann man schon mal den Datenschutz oder freien Markt missbrauchen, um einen innovativen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Mir tut Google nicht leid, und ich fände es für den Werbemarkt auch besser, wenn wir konkurrierende Suchmaschinen hätten. Aber eine Lex Google aus den falschen Motiven hat nunmal nichts mit Demokratie zu tun.

Google, der Weltkonzern

Trotz aller medialer Präsenz – gemessen am Umsatz hat Google die Größe der OMV. So sehr der Technologiekonzern auch Treiber von Innovation und Wachstum sein mag, ein global unbedeutender Energiekonzern aus Österreich macht mit wenig Millionen Kunden dasselbe Geld.

Google, die Datenkrake

Was Googles Suchmaschine über mich zu wissen glaubt, lässt sich in den Anzeigeeinstellungen nachsehen. Laut Google bin ich zwischen 45 und 54 Jahren alt. Meine angeblichen Interessen reichen von Bankwesen, Online-Video (ok, das stimmt), über Essen und Trinken sowie Bücher und Literatur (bei wem wohl nicht?) zu Rap, Hip-Hop und Ego-Shootern (äh, nein!). Solange mein Werbeprofil derart “treffsicher” ist, fürchte ich mich nicht vor der kalifornischen Datenkrake.

dsd
Meine Interessen laut Google. Vor dieser “Allmacht” habe ich keine Angst.

Interessanter als mein Werbe- bzw. Interessensprofil sind die privaten Inhalte in Gmail oder Drive. Unangefochten an der Spitze der Bedenklichkeit steht wohl die Location History, die ich aber auch freiwillig verwende.

Wo war ich punktgenau am 28.11.2014?
Wo war ich punktgenau am 28.11.2014?

Und genau diese Freiwilligkeit ist es, die Google mir stets zulässt (und die ich anderswo sehr wohl vermisse). Niemand zwingt mich, Google Produkte zu verwenden. Selbst deren Betriebssystem Android ist derart offen, dass ich innerhalb des Ökosystems genügend Alternativen zum Suchen, Browsen und Mailen vorfinde.

Google, der Monopolist

Ich kann problemlos Chrome gegen Firefox und die Suche gegen Bing oder DuckDuckGo tauschen. Ich wurde seitens Google noch nie in eine Ecke gedrängt. Ganz anders ist da beim mir verhassten Microsoft Office oder iOS – entweder man ist dabei oder eben nicht. Apple geht ja sogar so weit, die Hardware auch noch vorzuschreiben.

Aber damit haben letzlich deutsche Verlage kein Problem, sondern die würden sich ja sogar wünschen, das Apple der Welt das Kopieren digitaler Inhalte gegen eine Gebühr von 30% verunmöglicht.

Google, die Erfolgsmaschine

Google setzt den Großteil der hauseigenen Projekte ziemlich in den Sand – eine Nebenwirkung der für mich unvorstellbaren Innovationskraft des Konzerns. Oder erinnert sich noch jemand an knowl, answers, wave, usw? Das Asset von Google ist letztlich eine unerreichbar gute Suche. So unrreichbar gut, dass Microsoft noch so viel Geld in Bing stecken konnte, ohne dass es auch nur annähernd an die Qualität herankommt. Eigenartig, geht es letztlich doch “nur” um Mathematik, was ansich zu kopieren sein sollte.

Abfallprodukt der gescheiterten Projekte sind unzählige OpenSource-Projekte, -Libraries/-Frameworks, die im Google-Umfeld wachsen und finanziell unterstützt werden.

Als Unternehmer verdiene ich damit über Umwege gutes Geld und zahle meine Steuern. So funktionieren Innovation und Wachstum.

Mein Deal mit Google

Der Deal mit Google ist mir letztlich klar: Auf Basis eines Werbeprofils verdient Google gutes Geld, ich nutze dafür frei von Kosten oder Verpflichtungen Services, für die traditionelle Unternehmen tausende Euro pro Mitarbeiter und Jahr hinlegen. Und zusätzlich fällt aus der Google-Maschinerie das ein oder andere Projekt heraus, das ich ohne Lizenzzahlung zu Geld mache.

IT und Europa

Als Europäisches Parlament würde ich mir vielmehr die Frage stellen, warum es in Europa de facto keine IT-Konzerne (mehr) gibt. Vielleicht liegt es ja an der Rechtslage zum Thema Datenschutz (in Österreich krankhaft in Kombination zum Amtsgeheimnis), an Bürokratie und Steuern?

tldr;

Das Europäische Parlament will auf Druck von Verlagshäusern Google zerschlagen. Ich “freue” mich schon jetzt auf den damit verbundenen Wegfall der Gratisangebote wie Mail oder Drive. Andere IT-Konzerne sollten der EU vielmehr Dorn im Auge sein, aber die kooperieren letztlich mit den Inhabern geistigen Eigentums.

politisches

Kein Unternehmer

Date: Wed, 7 May 2014 08:12:06 +0200
Subject: "EPU sind keine Unternehmer"
From: Mathias Frey __c99 <office@c99.at>
To: umlagen@wkw.at

Sg Damen und Herren,

mit Interesse habe ich soeben den Artikel Ihres Vizepräsidenten 
gelesen:

http://wirtschaftsblatt.at/home/meinung/gastkommentare/3801421/EPU-sind-keine-Unternehmer

Da ich diesen Standpunkt voll und ganz teile, bitte ich Sie mir eine
Forderungsberichtigung über die mir soeben vorgeschriebenen 130 EUR
Grundumlage zu schicken. Diese haben Sie nämlich einem Nicht-Unternehmer
vorgeschrieben.

LG
mf


-- 
c99 Business Services GmbH
Zieglergasse 14-2-1
A-1070 Wien

phone: +43 6 99 1 0815 99 6
email: office@c99.at
web: http://c99.at

AT40 2011 1823 2791 9900 // GIBAATWWXXX
Handelsgericht Wien
FN 400496 s, UID ATU68074745

Der Link zum Interview ist klickbar hier.

Die Antwort

To: <office@c99.at>
Subject: "EPU sind keine Unternehmer"
Date: Tue, 13 May 2014 10:09:23 +0000

Sehr geehrter Herr Mag. Frey,
 
danke für Ihr Mail vom 7.5.2014.
 
Wie Sie sicherlich wissen, ist Herr Amann in der Zwischenzeit als Vizepräsident 
der Wirtschaftskammer Österreich zurückgetreten.
 
Seine Aussagen entsprachen in keiner Weise der Linie und vor allem nicht der 
Einstellung der Wirtschaftskammer Wien gegenüber Ein-Personen-Unternehmen.
 
Ich schicke Ihnen im Anhang die Presseaussendung von Frau Präsidentin Jank, in 
der sie sich von den Aussagen des ehemaligen Vizepräsidenten der Wirtschaftskammer 
Österreich distanziert, und in der die Bedeutung der Ein-Personen-Unternehmen 
klar unterstrichen wird.
 
In der Presseaussendung finden Sie auch den Link zur Homepage des Forum EPU, wo 
Sie einen Überblick über das spezielle Angebot für EPU erhalten.
 
Eine Forderungsberichtigung, wie Sie in Ihrem Mail angesprochen haben, ist leider 
nicht möglich.
 
Ich hoffe auf Ihr Verständnis und stehe Ihnen diesbezüglich gerne für ein Gespräch 
zur Verfügung.

(Name)
 
Wirtschaftskammer Wien
Abteilung Mitgliederservice

Nun ja, jetzt weiß ich zumindest, dass meine 130 Euro nicht nur für Gewinnspiele und Newsletter draufgehen, sondern auch für Presseaussendungen, das Infoportal und die Mitarbeiterin, welche die Mail im Namen eines anderen Mitarbeiters der Abteilung Mitgliederservice der Wiener Wirtschaftskammer versendet hat…

politisches

Open Source: Python ZVT 700 cash register protocol

Vergangene Woche erreicht mich eine Mail, die mich über das Thema Softwarelizenz grübeln lässt:

Moin Mathias,

in Deinem Blog:

http://www.zieglergasse.at/blog/2012/hacks/terminal-update/

schreibst du, Ihr habt eine quelloffene python Bibliothek für ZVT 700 verwendet.

Ich habe ein wenig gegoogelt, jedoch keine gefunden…

Auch PIP hat nichts ausgespuckt.

Hast du einen Link für mich?

herzliche Grüße

[Name und Organisation bekannt]

Interessante Anfrage: Da gibt es scheinbar Interesse an Software, die im Rahmen meiner Tätigkeit an der WU entstanden ist. Obwohl mir mein Dienstvertrag – streng ausgelegt – die Verwertungsrechte an von mir geschriebener Software entzieht, wurde der angefragte Code gar nicht von mir selbst, sondern von Gabor, einem Externen in meinem Auftrag entwickelt. Und dieser wiederum hat den Code nicht explizit lizenziert, entwickelt aber im “Open Source”-Spirit.

Bevor dies hier eine juristische Abhandlung wird, will ich meinen Gedankengang darlegen:

  • Die WU als öffentlicher Auftraggeber finanziert sich zum Großteil über Steuergeld.
  • Steuergeld, welches etwa Softwareunternehmen mit hohen Lohnnebenkosten aufbringen müssen.
  • Während man hier intern enorm von Open Source Software profitiert, ist es de facto unmöglich, der Community etwas zurück zu geben. Freiwillige Spenden an Entwickler(teams) kann ich beispielsweise schlecht als notwendige Ausgabe meiner Kostenstelle deklarieren. (Ein womöglich überteuerter Wartungsvertrag an ein kommerzielles Unternehmen wäre natürlich “professionell” und außerdem gut planbar für die Finanzabteilung.)
  • Irgendwo sitzt also gerade ein Unternehmen und benötigt Code, der bereits mittels Steuergeld entstanden ist.
  • Wird dieser Code  außerhalb der WU eingesetzt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er gewartet und bei künftigen Änderungen angepasst wird.
  • Damit sinken Kosten an der WU.
  • Die Sicherheit des Codes steigt durch Offenlegung ebenso. (Weil ja Lücken gefunden und aufgezeigt werden.)
  • Das Unternehmen wiederum profitiert mit verkürzter Entwicklungszeit. Doch hier ist kein Papierkrieg zum Abholen einer dubiosen Förderung notwendig, sondern es wird staatliche finanzierte Infrastruktur  verwendet.

Kurzum: Ich habe mich entschieden, das Paket unter der Gnu General Public Licence (GPL) zur Verfügung zu stellen, weil ich überzeugt bin, betriebswirtschaftlich und politisch das Richtige zu tun. Die GPL stellt sicher, dass selbst Derivate unserer ursprünglichen Arbeit quelloffen zur Verfügung gestellt werden müssen. Ungeachtet davon kann das Unternehmen natürlich Produkte bauen, vermarkten und damit Geld verdienen, was ja letztlich Ziel eines Unternehmens ist.

Code bei Github: https://github.com/mathiasfrey/ecrterm

politisches

Du sollst hingehen!

Der asketisch, in der Wüste lebende Johannes predigt von Umstürzen und der Ankunft eines neuen Anführers für das Judentum. Eine wachsende Anhängerschaft scharrt sich um den Prediger, darunter auch ein charismatischer Endzwanziger aus dem von Rom besetzten Judäa; sein Vater wahrscheinlich einer der zahlreichen römischen Soldaten. Der junge Mann hat nach heutigem Empfinden Leadership-Skills, bügelt sein Negativ-Image als uneheliches Kind durch eine gute Story im sonst recht lückenhaften Lebenslauf aus. Er lässt sich von Johannes taufen und wird zum Messias befördert. Die Sekte wird sowohl dem jüdischen Establishment als auch den Römern zu mächtig, schlussendlich wird der Sohn Gottes ans Kreuz genagelt.

Berichte von Zeitzeugen und spätere Schriftsteller schreiben von den Vorfällen, doch lediglich drei Evangelien sowie ein nicht recht passendes viertes sollen später die Hauptgrundlage der Religion darstellen. Apostel Paulus, der Jesus zwar nie zu Gesicht bekommen hat, aber dennoch in Vorderasien fest missioniert, rückt die jüdische Splittergruppe in neues Licht und begründet somit das Christentum. Dank ihm sind wir heute nicht beschnitten, sündigen solange wir danach auch beichten gehen und dürfen Schweinsbraten essen.

Warum Johannes der Täufer oder aber Apostel Paulus nicht als Begründer unserer Religion gelten, warum wir nicht Juden sind, wie Jesus Christus einer war, oder warum wir dessen Kreuzigung an einem Freitag feiern habe ich jedenfalls nie verstanden.

Rund 2000 Jahre später kassieren Kirchen in Österreich unglaubliche 3.8 Milliarden Euro jährlich an Subventionen. Damit tun kirchliche Organisationen viel Gutes. Aber wir alle leisten uns damit auch Indoktrination Religionsunterricht in Schulen, Verwaltungsapparat, eine kirchliche Kommission, die ihre eigenen Missbrauchsvorfälle aufklären soll, und viel Marketing, damit meine Kurzgeschichte oben spiritueller klingt.

Karitative Einrichtungen können und müssen daher anders finanziert werden. (Das wäre ja sonst so, als leisteten wir uns ein Bundesheer nur um ein paar Zivildiener für Altenpflege abstellen zu können…)

Wichtig: Beim Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien geht es nicht gegen den Glauben oder gar gegen die römisch-katholische Kirche. Es geht darum, dass die Bevorzugung einzelner Religionsgemeinschaften gegenüber anderen Weltanschauungen in einem modernen Staat keine Berechtigung hat. Es geht um konsequente Entflechtung von Kirche und Staat.

rt
© Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien

Daher: Bis zum 22. April das Volksbegehren unterschreiben.

Buchtipp

James D. Tabor, Die Jesus-Dynastie. Wissenschaftlich fundiert zeichnet Tabor das aus heutiger Sicht wahrscheinlichste Bild des Leben Jesu'. (Amazon.de)
James D. Tabor, Die Jesus-Dynastie. Wissenschaftlich fundiert zeichnet Tabor das aus heutiger Sicht wahrscheinlichste Bild des Leben Jesu’. (Amazon.de)

Ausflugstipp

Luftg'selchter Pfarrer in St. Thomas am Blasenstein. (Wikipedia)
Luftg’selchter Pfarrer in St. Thomas am Blasenstein. (Wikipedia)
politisches

Per E-Mail bitte!

Du hast mir eine Nachricht via Facebook geschickt, und ich muss entschieden antworten: “Per E-Mail bitte!”. Elektronische Kommunikation findet heute in zunehmendem Maße auf geschlossenen Plattformen statt, und damit habe ich ein sehr großes Problem: Einerseits werde ich zu stark in meinen Möglichkeiten eingeschränkt, andererseits bin ich um meine, aber auch deine Privatsphäre besorgt.

Keine Möglichkeiten

Die mir unangenehmste Einschränkung zuerst: Ich kann unsere Korrespondenz nicht (ordentlich) archivieren. Gemeinsam mit Facebook werden auch unsere Nachrichten untergehen. Klingt aktuell schwer vorstellbar? Immerhin sind Nachrichten und Fotos, die ich mit Freunden über ICQ ausgetauscht habe, inzwischen allesamt weg. Direktnachrichten aus studiVZ: Alles weg. Meine Mails hingegen sind seit über 12 Jahren lückenlos archiviert. Das mag nerdig klingen, mir ist es wichtig.

Zusätzlich zur Gefahr des Datenverlusts kann man die Nachrichten äußerst schwer durchsuchen, man kann sie nur innerhalb des Facebook-Gärtchens weiterleiten und generell wird mir die “richtige” Verwendung von ein paar UI-Designern diktiert.

Privatsphäre

Ich stelle seit dem Jahr 2000 sehr gerne Dinge von mir ins Netz – ich bin folglich kaum paranoid. Dazu zählen Urlaubsfotos, lesenswerte Links oder eben auch Blogbeiträge wie dieser. Zwei peinliche Fotos soll hier jeder sehen, bitte sehr:

nackt
Mathias 1984
fett
Mathias betrunken (aber noch fingerfertig).

Mit Fotos, Urlaubsberichten oder sonstiger, wissentlich online gestellter Information habe ich genau Null Problem. Das alles gebe ich gerne preis.

Und sollte ein potentieller Arbeitgeber womöglich irgendwann einmal wegen dem Tequila-Foto oben meine Bewerbung nicht berücksichtigen, dann bin ich sogar froh, so schnell von der ohnehin falschen Firma ausgesiebt worden zu sein.

Unsere Korrespondenz ist allerdings etwas ganz anderes: Die geht niemand anders etwas an, und dir ist es womöglich gar nicht bewusst, dass wir nicht die einzigen Leser sind.

Denn Privatsphäre ist nicht mit einigen Klicks in den Facebook-Einstellungen sichergestellt. Facebook (und ebenso Google, GMX, usw.) machen Geld damit, unsere E-Mails automatisiert zu lesen. Nicht umsonst passt die eingeblendete Werbung so gut zu mir oder dir. Darüberhinaus habe ich auch sonst wenig Vertrauen, wo die Nachrichten sonst noch landen – wir können es schlicht nicht wissen und auch nicht überprüfen.

ff
Was wir schreiben, ist unsere Angelegenheit.

Kurzum: Alles abseits absoluter Belanglosigkeit künftig bitte per E-Mail.

Lesenswert

Aufruf zu mehr Freiheit im Netz: 2013: Das Web zurückerobern

Es gibt keine digitale Medien, lediglich Software-Interfaces, die uns mit Daten interagieren lassen: “Media After Software”, Lev Manovich

Über den Unsinn zu glauben, man könnte Privatsphäre durch Herumgeklicke in den Privacy-Settings erreichen: Privacy on Facebook’s new Graph Search? I give up

Wie blöd muss man eigentlich sein, von einem Gratisdienst Privatsphäre oder sonstwas zu verlangen? xkcd/Instagram, You are not the customer

politisches

Der Schwiegertiger am Puls der Zeit

Mein nächster Blogpost sollte eigentlich der Welt erklären, dass wir gleichzeitig Inflation und Deflation erleben, warum Rohstoffspekulanten deutlich besser als ihr Ruf sind und weshalb Öl der Sorte Brent trotz Konjuktureinbruch weiterhin teuer bleibt.

Angesichts dieser makroökonomischen Zeitverschwendung Recherchen hätte ich beinahe die wirtschaftlich-soziale Revolution im eigenen Mikrokosmos übersehen: Meine Schwiegermutter ist nach Wien übersiedelt!

Während die ersten meiner Freunde beginnen, ihre Lebensträume unter suburbanem Fertigteilbeton zu begraben, startet meine Schwiegermama das Gegenprojekt am Puls der Zeit: Sie verkauft Haus und Auto, findet eine traumhafte Wohnung nahe dem neuen Westbahnhof, richtet modern ein und genießt seitdem Leben und Möglichkeiten der großen Stadt.

Vergangenes Jahr noch waren die Betankung des Heizkessels, der steigende Spritpreis, wucherndes Unkraut oder drohende Frostschäden Themen, die Sorgen bereiteten. Jetzt sind die optimale Wochenplanung unter Berücksichtigung sämtlicher (Gratis-)Angebote Wiens oder eine womöglich anstehende Fernreise nach Südafrika die dominanten Themen.

Sozialkontakte, Unterhaltungsangebote, Reduktion der Fixkosten; was in der Sphäre des Einzelnen als Aufwertung der Lebensqualität bilanziert, ist auch im gesellschaftlichen (und somit gesamtwirtschaftlichen) Kontext wünschenswert. Leider gilt hierzulande nach wie vor die Idylle vom Haus im Grünen als erstrebenswertes Idealbild – ganz egal ob man sich selbst als Kleingärtner, Landadeligen, Naturbursch’ oder Biobauern sieht.

Doch das Leben am Land hat mit Natur reichlich wenig zu tun: Man sitzt am Ende in einer überdimensionierten Fertigteilschachtel, die von allen Seiten dem Wetter ausgeliefert ist und daher mit großen Kosten beheizt werden muss. Selbst kleine Einkäufe lassen sich nur per Auto erledigen, der Arbeitsplatz ist ohnehin kilometerweit entfernt. Mit etwas Glück grenzt das Gründstück an eine landwirtschaftliche Fläche, sodass man sich dank der Spritzmittel den Weg zur Apotheke oder einen allzu langen Lebensabend erspart.

Wer die Natur wirklich liebt, wohnt nicht in ihr!

Städte sind besser als ihr Ruf!

Armut, Elend, Kriminalität und Krankheit: Seit der industriellen Revolution wird die Stadt in der Literatur meist negativ wiedergegeben. Dabei – so meint Edward Glaeser, dessen Buch ich nur wärmstens empfehlen kann – unterlagen Charles Dickens und alle Autor_inn_en nach ihm einem Wahrnehmungsproblem: Die Stadt machte die Not der Menschen lediglich deutlich sichtbar. Der Tod am Land hingegen war schon damals ein einsamer.

Edward Glaeser, Triumph of the City: Amazon.de

Nun gibt es in Wien weder DharaviKhayelisha oder Rocinha, die Meinungen über das Leben in Wien erreichen aber durchaus schreckliche Ausmaße: Giftige Abgase, kein bisschen Grün, Lärm, kriminelle Ausländerhorden, Jugendbanden, überfüllte U-Bahnen, Parkplatzmangel, gelb-brauner Schneematsch im Winter, unerträgliche Hitze im Sommer. Auch ich konnte mir, als ich 2000 zum Studieren nach Wien kam, nicht vorstellen, dauerhaft hier zu bleiben.

Die Zukunft liegt wieder in der Stadt

Ich meine, Österreich verschwendet zu viele seiner (meist teuer importierten) Ressourcen mit der Fragmentierung des Raums. Unnötige Wege und ineffiziente Logistik tun nicht nur der Umwelt weh, sondern auch jeder einzelnen Brieftasche. Unsere Volkswirtschaft ist angesichts anhaltender “Landliebe” trotz fünfthöchstem Motorisierungsgrad Europas schlicht nicht mehr lange konkurrenzfähig: So ist etwa jede Postamtschließung im hintersten Waldviertel trotz mobiler Bevölkerung ein Skandal. Der Wahnsinn, dank Pendlerpauschale und Wohnbauförderung wird diese Fehlentwicklung auch noch staatlich unterstützt.

Ein Hoch also auf meine Schwiegermutter! Sie ist der Anfang einer neuen, unaufhaltsamen Lebenseinstellung!

Die Rechtschreibkorrektur meines Android-Smartphones tut sie zwar weiterhin als Schwierigmutter ab, aber das wird das nächste Update schon beheben. Willkommen in Wien!

politisches

Ich rette Europa!

Zugegeben, der Titel klingt etwas ambitioniert. Noch dazu – so meint Michael Fleischhacker – muss Europa erst gar nicht gerettet werden. Dennoch ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn ich eine Art Christian Konrad von Europa wäre…

Ich liebe Europa.

Was zwar nach Floskel klingt, ist und bleibt meine tiefe Überzeugung. Ich liebe Europa etwa deshalb, weil es bei einer Google-Suche nach ten most dangerous cities eben keine europäischen Treffer gibt. Ich liebe Europa, weil hier die Verteilung von Wohlstand am Ehesten dem entspricht, was man als fair oder ausgewogen bezeichnen kann. Ich liebe Europa, weil sich hier breite Bevölkerungsgruppen um Kunst & Kultur, Umweltschutz, Menschenrechte oder Soziales kümmern können.

Kurzum, Europa bietet seinen Bewohnern das weltweit höchste Niveau an Sicherheit – in all ihren Facetten.

Gefährliches Sicherheitsdenken

Diese Sicherheit erleben wir hierzulande etwa als Arbeitsplatzsicherheit. Wir verfügen über ein feinmaschiges Sicherheitsnetz im Gesundheitssystem. Unsere Pensionen sind angeblich sicher, und auch der Euro – so will uns die europäische Politik glaubhaft machen – sei mit dem jeweils nächsten Rettungsschirmen abgesichert.

Doch genau dieses Sicherheitsdenken hat seinen Preis.

Die gemeinhin als soziale Errungenschaft gepriesene Sicherheit der Arbeitnehmer benachteiligt jene, die noch draußen am Arbeitsmarkt stehen – also erst gar nicht erst eingestellt werden, weil Arbeitgeber die Kosten der Sicherheit nicht zahlen können.

Vor einigen Jahren bestiegen meine damals 16jährige Schwester und ich den wenig anspruchsvollen Hanselsteig. Mit Klettergurt und Karabinern ausgerüstet wollte ich meiner Schwester ein Vorbild sein. Durch das ständige Absichern langsam geworden wurden wir ununterbrochen überholt. Ich verletzte mich beim Einhaken eines Karabiners, am Ende der Tour erwischte uns ein Sommergewitter.

Die Kosten der Risikominimierung überstiegen also das Risiko bei Weitem.

Im Gesundheitswesen erleben wir allzu oft ein Absichern durch viele, viele unnötige Untersuchungen. Geforderte Sicherheit von Betriebsanlagen, Produkten und Finanzierungen verhindern mit zunehmender Sicherheit Unternehmensgründungen. Zahllose Gesetze, Auflagen und Verwaltungserfordernisse sichern somit Oligopole – die Macht der Konzerne – anstatt freiem Wettbewerb.

Auch die europäische Gemeinschaftswährung hätte sicher sein sollen. Eine felsenfeste Brücke zwischen den europäischen Staaten sollte der Euro sein – nicht umsonst zieren eben jene Bauwerke die Banknoten unserer Währung. Leider wurden die Brücken derart felsenfest gebaut, dass sie mangels Flexibilität nun keinerlei Bewegung mehr verkraften.

Wir Europäer haben eine inzwischen krankhafte Einstellung zum Risiko. Alles musste in den vergangenen Jahren hundertprozentig sicher sein. So sicher, dass unser Finanz- und Bankensystem, unsere Politik, unsere Verwaltung, aber auch die Risikobereitschaft in uns selbst erstarrt sind.

Wer nur auf das Verhindern von Risiken bedacht ist, der beschneidet auch gleichzeitig all seine Chancen.

Symptome dieser krankhaften Sicherheit erkennt man, wenn Politiker von juristischen Fragestellungen anstatt von Zielen sprechen. Wenn man am Arbeitplatz täglich vier Stunden mit der Dokumentation von Geschäftsfällen verbringt, und nicht mit deren Lösung, dann ist auch im Unternehmen Risikominimierung wichtiger, als das Nutzen von Chancen.

Fortschritt als Ergebnis von Sicherheit?

Gehen wir weit zurück in unserer Geschichte: Die frühen Hochkulturen entwickelten sich in Trockengebieten, weil Menschen dort gezwungen waren, Bewässerungssysteme gemeinsam zu errichten. In Europa forderten kalte Winter die Menschen heraus. Diese natürliche Challenge wurde kulturell mit Demokratie, Rechtssystem oder Kapitalgesellschaften beantwortet. Produktion, Handel und Politik sind somit Ergebnis bewältigten Mangels, also nicht gegebener Versorgungssicherheit.

Wären wir also nicht aus dem Paradies geflogen, würden wir noch heute dort verharren. Tiere wie beispielsweise Korallen können sich ja nicht einmal fortbewegen, da die Nahrung ohnehin mit Sicherheit vorbeitreibt.

Genug der Esoterik – kurzum: Wir haben uns aus falschem Sicherheitsdenken heraus um viele Chancen gebracht. Wer glaubt, eine Finanzanlage sei absolut sicher, ist entweder naiv, oder betreibt zurzeit Lobbying auf europäischer Ebene für die Verstaatlichung privater Verluste. Wir müssen lernen, dass Dinge kaputt gehen können – und wir müssen Systeme wieder dahingehend designen.

6 Punkte für Europa

1. Wir benötigen einen österreichischen Euro

Inzwischen scheint klar, dass eine gemeinsame Währung auch eines gemeinsamen Steuersystems bedarf. So, wie die Europäische Union derzeit funktioniert, bedeutet das allerdings auch das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen. Denn wenn etwa die österreichische Regierung bei einem volksfernen, europäischen Weisenrat um Finanzierung all jener Ausgaben jenseits der 60%-Staatsschuldenquote (“Maastricht”) betteln muss, dann befinden sich zwischen Volk und Macht eindeutig zu viele Mittler.

Alternative: Österreich bezahlt ab sofort alle Staatsausgaben in der Währung EUR_at, welche bis auf Weiteres an den Euro gekoppelt ist. Für Schulden in EUR_at muss Österreich auch österreichische Risikoaufschläge bezahlen. Da das Vertrauen in den EUR_at, EUR_de oder EUR_nl wohl höher als den Gemeinschafts-Euro wäre, müssten die Menschen nicht in Immobilien oder Gold flüchten.

Sollte Europa die Staatsschuldenkrise bewältigen, wäre laut diesem Vorschlag gar nichts passiert, außer einer Parallel-Währung mit hoffentlich interessanteren Motiven als stilisierten Brücken. (Übrigens: Nur in den USA und im Euroraum wird mit einer einzigen Währung bezahlt. In weiten Teilen der Welt ist es allerdings üblich, dass in Dollar, Euro, Pfund, Franken und der jeweils lokalen Währung gehandelt wird.)

Sollte der Euro zerfallen, könnten die nationalen Euros sofort zu unterschiedlichen Wechselkursen gehandelt werden. Dabei wird es Sinn machen, dass sich Währungsräume entlang der wirtschaftlichen Abhängigkeit bilden. Solange deutsche Autos zu großen Teilen aus Graz oder Attnang-Puchheim kommen, wird ein EUR_at Parität mit dem EUR_de besitzen. Der Euro bliebe eine supranationale Verrechnungswährung für den Export.

Europa ist mehr als Brüssel. Mathias, Brüssel 2006.

2. Auf den Kopf gestellter Schuldentilgungsfonds

Was unter dem Namen Schuldentilgungsfonds diskutiert wird, bedeutet folgendes: Ein europäischer Staat kann Schulden bis zur Maastricht-Grenze von 60% der Wirtschaftsleistung machen. Schulden jenseits dieser Grenze werden durch einen gemeinsamen Fonds gemacht, wo auch gemeinsam gehaftet wird.

Ich fürchte, wirtschaftlich schwächere Länder werden dank niedrigerer Zinsen ermuntert, Reformen nach hinten zu verschieben. Gemeinsame Haftung hat in diesem Fall nichts mit europäischer Solidarität wie etwa bei gemeinschaftlicher Hilfe im Falle einer Naturkatastrophe zu tun. Gemeinsame Haftung fördert nichts als Reformstau, Populismus und Wahlgeschenke in den Nationalstaaten.

Langfristig muss das Finanzsystem wieder den Punkt erreichen, wo Schuldner ausfallen können und Gläubigern diese Risiken bewusst sind.

Bis dahin macht ein gemeinsamer Fonds womöglich Sinn. Aber bitte nicht als Belohnung für alles jenseits der 60%, sondern als Standard-Finanzierungsform unterhalb der vereinbarten 60%. Im Falle eines Staatsbankrotts würden die gemeinschaftlich aufgenommenen und durch die Wirtschaftsleistung klar limitierten Kredite bevorzugt behandelt.

Jenseits der 60%-Marke, dort wo Österreich oder Italien eine Milliarde EUR_at/EUR_it zu horrenden Konditionen finanzieren wollen, beginnt der nötige Reformdruck in den Nationalstaaten. Im Falle von Zahlungsschwierigkeiten entsteht Gläubigern ein Schaden in “National-Euros” – Diskussionen über die Stabilität des gesamten Euroraums wären zumindest eingeschränkt.

3. Banken zerschlagen

There is no alternative und too big to fail sind zwei Phrasen, die eine Bankenrettung alternativenlos in den Raum stellen. Und ja, sobald eine Bank systemrelevant wird, kann man sie nicht mehr so einfach in Konkurs gehen lassen.

Nun haben wir seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 viel politischen Aktionismus erlebt: Angehobene Schwellenwerte für öffentliche Ausschreibungen, die mir so verhasste “Öko”-prämie, Diskussionen über eine Finanztransaktionssteuer, demnächst kommen französische Wachstumspakete, usw. Aber warum kümmern wir uns nicht darum, dass Banken nur so groß werden können, sodass sie kein Risiko für unsere Systemsicherheit darstellen?

4. Einlagensicherung streichen

Angenommen ich will eine größere Summe sparen. Dann gehe ich doch zu der Bank mit den höchsten Zinsen, denn das Geld ist ja ohnehin dort wie da einlagengesichert. Was für den kleinen Sparer nach Vorteil klingt, ist in Wahrheit eine enorme Verzerrung am Markt. Banken mit hohen Zinsen sind gleichzeitig auch jene mit hohen Risiken. Da aber die Einlagensicherung einspringt, kann der Kunde das Risiko belohnen. Und so unterstützen Sparer jene Spekulanten und Bankmanager über die in den Medien so gerne geschimpft wird…

5. Keine Mammutprojekte

François Hollandes Ruf nach Wachstumspolitik erachte ich aus mehreren Gründen für falsch. Erstens ist es plötzlich die Linke, die nach Wachstum schreit, während nun jahrelang die Grenzen des Wachstums erreicht zu sein schienen. Zweitens bezweifle ich, dass eine nachfrageorientierte (=keynesianische) Wirtschaftspolitik so einfach funktioniert. Drittens erachte ich es als falsch, Leistungsfähigkeit aus starken Gebieten abzuziehen. Vielmehr gefällt mir die Idee, Arbeitnehmer aus schwächeren Regionen zu holen, als dort Milliardengräber zu schaufeln.

Was wäre, wenn die oberitalienischen Städte um 1400 entschieden hätten, eine Regionaloffensive zu starten? Wir hätten wohl die Neuzeit nie anbrechen sehen!

Viertens bezweifle ich, dass die Politik auf europäischer Ebene entscheiden sollte, wo die richtigen Wachstumsimpulse gesetzt werden. Neues, Gutes, Innovatives entsteht aus kleinteiligen, oftmals sogar chaotischen Strukturen. Daher sind die Städte und Unternehmen selbst die richtigen Promotoren neuer Innovationen. Hier entsteht Wachstum.

6. EU bleibt bei ihren Themen

Wirtschaftliche Stabilität, Freiheit oder auch (militärische) Sicherheit sind aus gutem Grund europäische Themen.

Steuer- und Sozialsysteme sowie Arbeitsmärkte waren bislang jedoch Aufgabe der Nationalstaaten. Die glühenden Europäer fordern zur Rettung des Euro nun eine noch stärkere politische Integration, die Vereinigten Staaten von Europa. Denn ein Euro in seiner aktuellen Bauart – ohne etwa Vorschläge 1 bis 3 – funktioniert nicht ohne diese.

Ich kenne aktuell keinen Europäischen Staat, wo es eine Mehrheit für diese Integration gibt. Die glühendsten Europäer gefährden somit ihr Projekt. (Lesetipp: Christoph Chorherr, Deswegen preise ich die EU)

Europa ist aktuell ein Europa der Eliten und Banken. Schade, denn ich liebe es.

meta politisches

Wir haben das Internet verloren!

Viel war in den vergangenen Wochen über das Handelsabkommen ACTA auf Twitter, Facebook und sonstwo zu lesen. Der Widerstand gegen den in mehreren Aspekten bedenklichen Vertrag war jedenfalls weit über die Grenzen der sozialen Medien hinaus – also auch im RL, dem echten Leben da draußen – zu vernehmen.

Ich behaupte allerdings, dem Gros der Gegner von ACTA geht es ausschließlich darum, dass das Kopieren von Musik und Filmen auch weiterhin de-facto unbestraft bleibt.

Als Softwareentwickler sieht meine Kritik jedoch anders aus: Ich baue tagtäglich auf geistiger Arbeit anderer auf, um meiner Tätigkeit nachzugehen. Mein Output als Programmierer ist letztlich ein ständiges Kopieren und Kombinieren der Arbeit intelligenter Leute.

ACTA und alles, was da sonst noch mitschwingt (etwa Softwarepatente und geistiges Eigentum im Allgemeinen), bedrohen diese Arbeitsweise und die einer ganzen Entwicklergemeinde zugunsten einiger Branchenriesen mit der nötigen Anzahl an Juristen auf der Payroll.

“Erst wenn der letzte Programmierer eingesperrt und die letzte Idee patentiert ist, werdet ihr merken, daß Anwälte nicht programmieren können”

@kulf

Aber eigentlich will ich das Anti-ACTA-Gulasch auf Port 80 nicht nochmal aufwärmen. Das Massenphänomen “ACTA Demo” führte vergagene Woche bei uns im Büro zu einer interessanten Diskussion mit erschreckendem Resümee:

Das Internet ist erwachsen geworden

Dass so viele Leute wegen ACTA auf die Straße gehen, bedeutet letztlich, dass das Internet zu einem Allerweltsprodukt in den eigenen vier Wänden geworden ist. Das Netz ist längst nicht mehr ausschließlicher Tummelplatz der Nerds.

Während das Internet also beliebter wurde, ist es allerdings auch deutlich ärmer an Facetten geworden. Während das Internet für Leute wie mich nach wie vor ein chaotisches Netz aus IP-Adressen und darauf laufenden Diensten ist, ist es für viele nur noch die Seite mit dem blauen “f” (nachdem es früher das blaue “e” war).

Anstelle der Techniker bringen heute die Social Media Consultants Unternehmen ins Web 2.0. Wo früher die schlichte Präsenz im World Wide Web ausreichend war, muss heute mit SEO auch das letzte Quäntchen Marktanteil erkämpft werden.

Auf Seiten des Contents ist ebenso eine Professionalisierung und somit auch Verarmung auszumachen. Früher waren schräge Inhalte wie Die Männerseiten, furnitureporn oder Bonsai Kitten in aller Munde. Heute fahren die großen Konzerne ihre Marketingstrategien auch im World Wide Web, welches zu einem weiteren Kanal der Werbeplanung verkommen ist.

Wie Social Media Analysen erkennen lassen, spiegelt sich inzwischen der Mainstream im Internet wider. (Nichts gegen Armin Wolf, aber seine Beliebtheit auf Twitter verdankt er nunmal seiner Bekanntheit aus dem traditionellem TV.)

Abgesang

Es ist wahrscheinlich das Jammern der Verlierer einer jeden technischen Revolution, die früher oder später ihre Kinder frisst: Nicht anders war es wohl bei Mechanikern, als diese feststellen mussten, dass Autos nicht mehr einzig mit Kreuzschlüssel und Motoröl gewartet werden. Nicht anders war es bei Plakatwerbern, Zeitungsverlagen, Faxherstellern, Fotografen, Postdienstleistern, Übersetzern und tausend anderen – Leute, wie ich, haben sie dort und da überflüssig gemacht.

Jetzt steuern wir auf ein Internet zu, das uns selbst überflüssig macht. Statt Bastel können ausgereifte Produkte von der Stange gekauft werden. Anstelle komplexer  Computer(-systeme) treten single-purpose-devices. Man sollte sich nämlich nicht täuschen lassen: Auch wenn am iPhone oder Internet-TV noch so viel möglich ist, es ist sehr wenig im Vergleich zur Kreativität jedes einzelnen Nutzers. (Über die Zukunft der Ver-App-elung habe ich bereits gebloggt.) Hard- und Software sind heute bunter und bedienbarer denn je, aber auch weniger frei.

Oder zusammengefasst in einem Satz:

“Das Internet gehört nicht mehr uns.”

Willi Langenberger

Interessant: Was ist ACTA? auf YouTube ansehen.