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Ich bin wieder da

Ich habe an dieser Stelle meine Väterkarenz angekündigt, nun will ich sie mit meinen lessons learned auch offiziell abkündigen.

Fünf Monate war ich nun mit meinem Kleinen zu Hause und habe mir im Zuge dessen eine nette Rückerstattung meiner Sozialversicherungsbeiträge gegönnt. Das Projekt einer fünfmonatigen Auszeit verlief allerdings doch ziemlich anders, als zunächst erwartet.

Zeit also für einen Rückblick:

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Philips erster Staatsfeiertag: Air Force One besucht Black Hawk

Fünf Monate Urlaub – cool!

Die Sozialversicherung zahlt – zwar in eigenartigen Intervallen aber dennoch – fürstliche 2000 Euro monatlich fürs Nixtun. Mit diesen 66 Euro pro Tag sollte man problemlos über die Runden kommen, vor allem, wenn man einen weiten Bogen um Bio-Babynahrung oder antiallergene Kinderkosmetik macht.

Mit der Einstellung, dass ich als Kleinkind Anfang der 80er die damalige “gute alte Zeit” überlebt habe, kann man dies auch getrost tun.

Mit Ignoranz lässt sich’s sehr entspannt ein Kind groß ziehen.

Schließlich bin auch ich groß geworden, in einer Welt mit Passivrauchen, deutlich höherer elektromagnetischer Strahlung und einer tatsächlichen Reaktorkatastrophe nebenan.

Philip lebt in einer tollen Welt, sogar ohne Lactose- und glutenfreier Kinderspeisen, Baby-Mineralwasser, feministischer Kinderliteratur oder Kleidung aus bio und fairtrade Produktion. All das habe ich in diesen fünf Monaten mit Staunen erlebt und erfolgreich ignoriert.

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Immer ein Tipp: Tiergarten Schönbrunn unter der Woche vormittags

Das Unvergessliche

Ich war dabei, als du deine ersten Wörter sprachst
Ich war dabei, als du laufen lerntest

Ich habe deine Mutter in dir erkannt
Und ich habe mich selbst in dir gesehen

Aus einem hilflosen Neugeborenen
ist ein kleiner Mann geworden

Ich habe dir meine Zeit gegeben
Du gibst ihr einen Sinn

Die Schattenseiten

Aus meiner geringfügigen Nebenbei-Tätigkeit wurde oft wieder ein Ganztagesjob. Karenziert zu sein – und das bedeutet volle Aufmerksamkeit für ein Kind und dessen Tagsablauf – und dennoch beruflich am Ball bleiben zu wollen, geht sich einfach nicht aus.

Funktioniert hat’s teilweise. Aber immer mit gehörig viel Stress.

An “echten” beruflichen Themen zu arbeiten ist tausendfach spannender, als sich um die scheinbar irrelevanten Probleme eines Kleinkindes zu kümmern.

Man hat letztlich also die Wahl zwischen Langeweile (nur Kind) und stressiger Langeweile (Kind und der Glaube, nebenbei produktiv sein zu können).

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… und Plan B bei Schlechtwetter: das Haus des Meeres

Die Erkenntnisse

In der Zeit bin ich mit dem Kinderwagen rund 500 km durch Wien gefahren, davon rund 250 km allein die Mahü entlang.

Barrierefreiheit ist ein Thema, das ich nun in anderem Licht sehe. Mit Kinderwagen und Taschen – das Kind schlimmstenfalls am Arm statt in der beabsichtigten Sitzposition – macht’s einfach keinen Spaß, Treppen oder aber auch nur kleinere Hindernisse überwinden zu müssen. Und ja, liebe Leute mit gesunden Beinen, die ihr euch in meinen Lift in der U-Bahn drängt: Ich hasse euch, ehrlich!

immer gut aufepüasst
Während meiner Karenz hab’ ich immer gut auf ihn aufgepasst

Die Enttäuschung

Als große Enttäuschung des Projekts muss ich (Solo-)Mütter mit Kindern verbuchen.

Hier gingen meine freudigen Erwartungen kilometerweit an der trüben Realität vorbei. Ob im Kaffee, Museum, Park, in Geschäften oder sonstwo: Gesprächsthema war ausschließlich der Tagsablauf des jeweiligen Nachwuchs’. Während ich mich auf Parkbänken umzingelt von einsamen, an meiner Lebensgeschichte interessierten Frauen sah, so lief das in echt bis zum Verlust der Persönlichkeit: Aus Mathias wurde “Papa vom Philip”, aus gemeinsamen Cappuccino wurde “kurz das Flascherl halten”.

Dem Vernehmen nach soll die Situation am Land entschieden besser aussehen. Wenn Philip nur lieber Auto gefahren wäre, hätte ich meine Karenz wohl besser in Hainburg oder gar St. Pölten verbracht. In Wien 6 & 7 ist die Männerkarenz leider nix Besonderes. (Die hier endemische Frauenwelt hätte ich wohl besser mit dem Lactose-Gluten-Weltrettungs-Zeug beeindruckt; vielleicht ist ja das der Grund, warum Männer da mitmachen.)

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… und ihn wohl erzogen

Der Ausblick

Was nun kommt, ist womöglich zeit- und arbeitsintensiver, als das, was ich nun mit Freizeit und staatlicher Unterstützung erlebt habe. Ab März besucht Philip den Kindergarten, gleichzeitig arbeiten Isabella und ich wieder Vollzeit. Wie sich das alles ausgehen soll, bleibt mir ein Rätsel, das wir wohl oder übel auflösen werden müssen.

tldr;

Ich habe einen wunderschönen Film gesehen, den man nie mehr wiederholen kann. Ich glaube, ein guter Elterteil zu sein, bedeutet einen Marathon über Jahre zu laufen. Der Start ist gut absolviert und jetzt heißt’s Kilometer für Kilometer konsequent zu sein und nie die Kraft zu verlieren. Meine Karenz gab’s auch auf Instagram

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Ich bin da mal weg

Unser kleiner Philip geht mit schnellen – wörtlich! – Schritten auf seinen ersten Geburtstag zu. Mitte des Jahres sind wir umgezogen, das Umbauprojekt bis dorthin war auch nicht ohne Mühen. Meine Firma ist inzwischen im dritten Geschäftsjahr und auch da geht’s rund. Kurzum, im vergangenen Jahr gab es kaum Zeit zum Luftholen.

Doch ein großes Experiment steht nun bevor: Väterkarenz, oder in meinem Fall einfach nicht arbeiten und fünf Monate lang Kinderbetreuungsgeld kassieren. Sofern sich meine Sozialversicherungsanstalt doch noch über die bislang schriftlich angekündigten 33 EUR Tagsatz hinaus bewegt, wird das sogar ein ganz lukratives Geschäft.

Abseits der Finanzen steht aber eine ganz andere Frage im Vordergrund: Was tut man eigentlich fünf Monate mit sich selbst?

Denn ein wenig den Nachwuchs an- und auszuziehen, wickeln, singen und spielen kann einen wie mich doch keinesfalls auslasten! Und dass die Frau Mutter da seit einem Dreivierteljahr anderes berichtet, ist ja ohnehin das übliche, weibliche Lamentieren. Pah!

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Fünf Monate hauptverantwortlich für meinen Sohn – verhungern soll er jedenfalls nicht.

Ab 1. Oktober stehen am veranschlagten Tagesprogramm nun Wandern mit Sohn und jedenfalls ganz viel mehr Sport ohne ihn. Wieder mal etwas Programmieren muss ebenso drin sein wie das Treffen viel zu selten gesehener Freunde. Der Bücherstapel für ruhige Momente – wenn er schläft oder sich mal eine Stunde selbst beschäftigt – ist über einen Meter hoch.

Nebenbei muss die Firma weiterlaufen, weil ich natürlich mit unglaublich viel Herzblut in laufenden Projekten drin stecke, und mit meinem Freund Wolfgang Haselmaier hab’ ich ohnehin ein ganz besonderes Vorhaben in der Pipeline.

Eine Affäre mit einer gelangweilten Mutter, die mir Philip im MQ aufgabelt, steht überdies am Geheimprogramm, aber das schreib’ ich natürlich nicht in meinen Blog. Meine Isabella werde ich jedenfalls mit gut geführtem Haushalt und selbst gekochten Köstlichkeiten bei Laune halten, die paar Minuten täglich dafür werden sich schon ausgehen.

Und während ich das hier so schreibe, fällt mir mein Lieblingszitat des großartigen John Lennon ein.

life is what happens to you while you’re busy making other plans

John Lennon

(Ach ja, dessen komplettes musikalisches OEuvre sollte ich mir auch wieder mal in Ruhe anhören…)

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Insta-Rich and Insta-Used!

Es gibt kaum einen Deal, der ferner der Realität zu sein scheint, als Facebooks Übernahme von Instagram. Die Zusammenfassung des Wikipedia-Artikels bedarf keines weiteren Kommentars: Eine Softwarehütte, kaum zwei Jahre alt, 12 Mitarbeiter, kein Ertragsmodell – übernommen für 1 Milliarde US Dollar durch ein Stalking-Service, das zurzeit den größten Börsegang aller Zeiten vorbereitet.

“In der Welt der Software sind die Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt. Bei deren Vermarktung anscheinend auch die der Ökonomie.”

Von lukrativen Übernahmeangeboten leider verschont, habe ich in den vergangenen 20 Minuten mit der Open Source Software ImageMagick gespielt. Ergebnis ist eine einzige Zeile Code, die die komplette Kernfunktionalität von Instagram bedeutet: Ein Filter, der Fotos moderner Kameras um mindestens drei Jahrzehnte in die Vergangenheit befördert, indem Farb- und Kontrastumfang sowie Ränder zerstört werden.

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Das Ergebnis lässt sich sehen – für bescheidene 10 Millionen Euro gehört’s dir, Mark Zuckerberg!

Mein "lavender dusk" Effekt - ich denke, allein schon der Name ließe sich toll vermarkten;-)
Originalbild: Farben, Kontraste, Details - wurscht. Mathias, Ecuador 2011.

Natürlich ist mir bewusst, dass Facebook da nicht die Codebase gekauft hat.

In der echten Welt würde man Maschinen und Anlagen kaufen. In der Hype-Welt des Internets hingegen ist sowas wie Instagram nach spätestens sechs Wochen nach-programmiert. Der Wert ergibt sich aus den Millionen von Nutzern, die das Service kennen, verwenden und dafür bezah… ach, lassen wir das!

Raus aus der Cloud

Jedenfalls laden Millionen Benutzer Bilder hoch und geben en passant persönliche Daten preis, die bestenfalls in aggregierter/anonymisierter Form dem Serviceanbieter als Geschäftsgrundlage dienen. Ich frage mich vermehrt, wie viele Menschen ihre Daten inzwischen ausschließlich gratis in der Cloud ablegen. Die Fotos vom Kind, Lebensläufe, Urkunden, E-Mails oder welche persönlich wertvollen Dokumente auch immer sind bei Gratis-Diensten langfristig jedenfalls nicht gut aufgehoben.

Aus diesem und zahlreichen anderen Gründen ruft Sascha Lobo zum eigenen Blog auf. Ich greife seine Argumente auf und gehe weiter: Wir sollten uns fragen, welche Daten wichtig sind. Was wäre, wenn ich morgen keinen Zugriff mehr auf GMX oder YouTube hätte?

Ich bin kein Privacy-Fanatiker, fällt der Großteil meiner Daten doch in die Kategorie “Belanglos und Entbehrlich”. Die ewige “Facebook ist so böse”-Diskussion empfinde ich sogar als irreführend – werden doch meist ausschließlich Einstellungen erklärt, wie man den Zugriff auf seine Wall limitieren kann. (Beispielsweise auf die fragwürdige Einstellung “Freunde von Freunden”, rechnerisch bei mir rund 20.000 Personen…)

Der Fokus auf die Abschottung innerhalb Facebooks, lässt das größte Übel allerdings gänzlich außer Acht: Facebook selbst. Denn das soziale Medium liest immer mit: Persönliche Nachrichten, Login-Zeiten, Standortdaten, Browser-History (via Social Plugins), usw.

Oder all das Geschriebene in einem Bild:

Gilt natürlich auch für Gmail, Flickr, YouTube, Dropbox, Twitter, Skype, usw.

Ich habe begonnen, meine mir wichtigen Daten akribisch zu sichern. Sie werden ab sofort verschlüsselt und auf unterschiedlichen Standorten bei unterschiedlichen Anbietern gesichert. Auf Facebook oder Google+ poste ich bereits seit längerer Zeit ausschließlich Öffentliches nach dem Motto “Was dort ist, ist ohnehin verloren”.

Tipp 1: Die Bild-Zerstörung Instagrams konsequent weitergedacht findet sich auf Twitter: Text-Only Instagram

Tipp 2: Mit TrueCrypt lassen sich virtuelle Festplatten innerhalb einer verschlüsselten Datei erstellen. Diese kann anschließend sorgenfrei bei Dropbox, Ubuntu One, Google Drive, etc. hochgeladen werden.

meta politisches

Wir haben das Internet verloren!

Viel war in den vergangenen Wochen über das Handelsabkommen ACTA auf Twitter, Facebook und sonstwo zu lesen. Der Widerstand gegen den in mehreren Aspekten bedenklichen Vertrag war jedenfalls weit über die Grenzen der sozialen Medien hinaus – also auch im RL, dem echten Leben da draußen – zu vernehmen.

Ich behaupte allerdings, dem Gros der Gegner von ACTA geht es ausschließlich darum, dass das Kopieren von Musik und Filmen auch weiterhin de-facto unbestraft bleibt.

Als Softwareentwickler sieht meine Kritik jedoch anders aus: Ich baue tagtäglich auf geistiger Arbeit anderer auf, um meiner Tätigkeit nachzugehen. Mein Output als Programmierer ist letztlich ein ständiges Kopieren und Kombinieren der Arbeit intelligenter Leute.

ACTA und alles, was da sonst noch mitschwingt (etwa Softwarepatente und geistiges Eigentum im Allgemeinen), bedrohen diese Arbeitsweise und die einer ganzen Entwicklergemeinde zugunsten einiger Branchenriesen mit der nötigen Anzahl an Juristen auf der Payroll.

“Erst wenn der letzte Programmierer eingesperrt und die letzte Idee patentiert ist, werdet ihr merken, daß Anwälte nicht programmieren können”

@kulf

Aber eigentlich will ich das Anti-ACTA-Gulasch auf Port 80 nicht nochmal aufwärmen. Das Massenphänomen “ACTA Demo” führte vergagene Woche bei uns im Büro zu einer interessanten Diskussion mit erschreckendem Resümee:

Das Internet ist erwachsen geworden

Dass so viele Leute wegen ACTA auf die Straße gehen, bedeutet letztlich, dass das Internet zu einem Allerweltsprodukt in den eigenen vier Wänden geworden ist. Das Netz ist längst nicht mehr ausschließlicher Tummelplatz der Nerds.

Während das Internet also beliebter wurde, ist es allerdings auch deutlich ärmer an Facetten geworden. Während das Internet für Leute wie mich nach wie vor ein chaotisches Netz aus IP-Adressen und darauf laufenden Diensten ist, ist es für viele nur noch die Seite mit dem blauen “f” (nachdem es früher das blaue “e” war).

Anstelle der Techniker bringen heute die Social Media Consultants Unternehmen ins Web 2.0. Wo früher die schlichte Präsenz im World Wide Web ausreichend war, muss heute mit SEO auch das letzte Quäntchen Marktanteil erkämpft werden.

Auf Seiten des Contents ist ebenso eine Professionalisierung und somit auch Verarmung auszumachen. Früher waren schräge Inhalte wie Die Männerseiten, furnitureporn oder Bonsai Kitten in aller Munde. Heute fahren die großen Konzerne ihre Marketingstrategien auch im World Wide Web, welches zu einem weiteren Kanal der Werbeplanung verkommen ist.

Wie Social Media Analysen erkennen lassen, spiegelt sich inzwischen der Mainstream im Internet wider. (Nichts gegen Armin Wolf, aber seine Beliebtheit auf Twitter verdankt er nunmal seiner Bekanntheit aus dem traditionellem TV.)

Abgesang

Es ist wahrscheinlich das Jammern der Verlierer einer jeden technischen Revolution, die früher oder später ihre Kinder frisst: Nicht anders war es wohl bei Mechanikern, als diese feststellen mussten, dass Autos nicht mehr einzig mit Kreuzschlüssel und Motoröl gewartet werden. Nicht anders war es bei Plakatwerbern, Zeitungsverlagen, Faxherstellern, Fotografen, Postdienstleistern, Übersetzern und tausend anderen – Leute, wie ich, haben sie dort und da überflüssig gemacht.

Jetzt steuern wir auf ein Internet zu, das uns selbst überflüssig macht. Statt Bastel können ausgereifte Produkte von der Stange gekauft werden. Anstelle komplexer  Computer(-systeme) treten single-purpose-devices. Man sollte sich nämlich nicht täuschen lassen: Auch wenn am iPhone oder Internet-TV noch so viel möglich ist, es ist sehr wenig im Vergleich zur Kreativität jedes einzelnen Nutzers. (Über die Zukunft der Ver-App-elung habe ich bereits gebloggt.) Hard- und Software sind heute bunter und bedienbarer denn je, aber auch weniger frei.

Oder zusammengefasst in einem Satz:

“Das Internet gehört nicht mehr uns.”

Willi Langenberger

Interessant: Was ist ACTA? auf YouTube ansehen.

meta

Schluss mit den Apps!

UPDATE: WUdoo x5 gibt’s inzwischen unter short.wu.ac.at/wudoo – plattformunabhängig und frei verfügbar.

Bevor ich meinen digitalen Rundumschlag gegen Office-Dokumente oder SharePoint beende, um endlich wieder über Dinge, die ich kreiere anstatt nur kritisiere, zu schreiben, muss ich mich hier noch einem Übel annehmen: dem Hype um Apps.

 

Vergangene Woche sprach Sir Tim Berners-Lee in der Spanischen Hofreitschule anlässlich des future.talk 2011  über die Freiheit des World Wide Web. (Dazu: “Das WWW war ein Erfolg, weil es keine Patente gab” auf derStandard.at)

Das Internet ist nicht erst seit dem Arabischen Frühling politische Bühne: Information kann nur dort frei fließen, wo Telekom-Provider und deren Gesetzgeber Netzneutralität garantieren. Abseits der Frage der wertneutralen Datenübertragung ist auch die Datenspeicherung ein brisantes Thema: Immer mehr Content wandert von dezentralen Servern in Richtung Facebook; ein beängstigendes Phänomen, das mich übrigens zur Wiederbelebung dieses Blogs brachte. Die dritte Komponente schwindender Informationsfreiheit ist schließlich der Trend weg vom plattformunabhängigen WWW hin zu (mobilen) Apps. Denn diese sind an Betriebssysteme gebunden und unterliegen der Zensur der Marktplatzbetreiber.

Doch Apps sind gerade modern und somit cool. Und daher beginnt meine Geschichte der Abneigung gegenüber Apps auch ganz anders, und zwar als Erfolgsgeschichte:

WUdoo: (m)eine Success-Story

Als spätestens 2009 Apple’s iPhone seinen Siegeszug durch Österreichs Mobilfunklandschaft begonnen hatte, wurde uns an der WU Wirtschaftsuniversität Wien eines klar: die Zukunft der Nutzung unserer Services liegt (auch) am Smartphone. Genug dieser Erkenntnis, es war Zeit für Nägel mit Köpfen:

Mit der persönlichen Kursübersicht war jedenfalls schnell ein sinnvoller, mobiler Anwendungsfall gefunden. Für die Entwicklung der App holten wir uns Martin Kahr ins Boot, ein absoluter Profi auf der Apple-Plattform – die Zusammenarbeit war unkompliziert, erfolgreich und inspirierend zugleich! Das Backend wie Datenbankabfragen, Authentisierung, etc. hatte ich zwischenzeitlich mit viel Vorfreude in den Fingern programmiert.

WUdoo, Jänner 2010 - die erste universitäre App Österreichs.

Meine Frau Isabella stiftete den Namen WUdoo für das Projekt, das bis dahin holprig als WU iPhone App firmierte.

Die App ging in den Review-Prozess, darauf folgte ungeduldiges Warten über Weihnachten und schließlich, kurz nach Neujahr, war Apple mit deren Voodoo fertig und WUdoo konnte aus dem App Store heruntergeladen werden:

Und es war ein voller Erfolg;-)

Innerhalb kürzester Zeit hatten wir rund 3.500 Installationen. Ein erstaunlicher Marktanteil bei knapp 30.000 Studierenden und Mitarbeiter/inne/n und einem iPhone-Anteil von (damals) schätzungsweise 15%.

Das Feedback per E-Mail oder App Store war atemberaubend, werden IT-Abteilungen ansonsten doch eher als reiner Hygienefaktor im Universitätsbetrieb gesehen. Als vermeintlicher Innovator schafften wir’s schließlich sogar in die Presse; eine Fan-Seite auf Facebook folgte.

Schönheitsfehler im goldenen Käfig

Mit dem Erfolg kamen verständlicherweise sehr bald Ideen und Wünsche für weitere Features von WUdoo. Auf Entwickler-Seite musste ich aber schnell feststellen, dass das Hinzufügen neuer Funktionalität, Testen oder Logging immer aufwendiger wurden. Besonders ärgerlich waren die Updates auf iOS4 und iOS5, die beide Male mit neuartigen Crashes der App überraschten. Mein Punkt: Entwicklung und Betrieb einer Webseite sind deutlich wirtschaftlicher.

Währenddessen regte sich bei den Benutzer/inne/n von Android, Blackberry und Co. Unbehangen, warum wir als Universität nur Apples Betriebssystem unterstützten. Gute Frage eigentlich, ich wusste jedenfalls nur eine enttäuschende Antwort: Das Multiplizieren der oben geschilderten Probleme auf die jeweils nächste Plattform wollten wir uns nicht antun. (Christoph Weber entwickelte dann doch noch den schlanken WUdoo-Klon WUdroid, aber für mich war die Sache mit den Apps bereits gelaufen.)

Optimierte Webseiten sind besser!

Unser Ansatz: Webseiten sowohl für Desktops als auch für Smartphones erstellen - einmal entwickeln und warten, überall verwenden!

Im Laufe des Jahres 2010 setzte ich mich immer stärker dafür ein, den Irrweg mit den Apps nicht mehr zu beschreiten. Die Kolleg/inn/en vom CMS-Team taten dann auch einen tollen Job, als die WU Anfang diesen Jahres eine mobile Webseite (m.wu.ac.at) anstatt einer WU-App präsentierte.

Meine eigenen Projekte waren ähnlich gestrickt: Mit dem WU Directory ging eine Webseite in Betrieb, die sowohl für Desktop und Smartphone konzipiert war.

Für Neugierige: Detailseite am Desktop öffnen und die Elemente wie Menü, Spalten, Schriften usw. beim Verkleinern des Browserfensters beobachten. Die gut lesbare Anzeige am iPhone ist im Screenshot dargestellt.

Was passiert mit WUdoo?

Nun, die Entwicklungen an einem Nachfolger in Form einer mobil nutzbaren Webseite laufen. Damit wird die Anwendung für alle Smartphones, aber natürlich genauso für Desktops zur Verfügung stehen. Wir ersparen uns aufwendiges Programmieren für iOS, Android usw. Diesen Vorteil wollen wir in ein vielleicht umfangreicheres, vielleicht auch “nur” fehlerfreieres Produkt stecken.

Ob wir WUdoo (mutwillig) abdrehen, oder einfach nur auslaufen lassen, muss ich mir noch überlegen. Im Internet herrschte von Anfang an befruchtende Konkurrenz. Wenn schließlich die Studierenden meinen, das neue, webbasierte WUdoo sei viel besser, als das alte aus dem App Store, dann kann ich zufrieden sein.

IT explained meta

Von Dateien und der Zukunft des Internets

“Das ist ja nur ein Link ins Wiki. Kannst du mir das nicht als ordentliche Datei geben?” Auf diese Aufforderung hinauf konnte ich unlängst nur irgendwas von HTML und “eh Datei” stottern. Aber:

Was ist eigentlich eine Datei?

Zunächst, Dateien existieren nicht wirklich. Sie sind nicht real, wie dies zum Beispiel Briefe, Urkunden oder die Post-its auf meinem Monitor sind. Daten auf einer Festplatte sind nichts Weiteres als eine lange Serie von Einsen und Nullen. Erst Betriebs- und Dateisystem präsentieren uns diesen Datenstrom als Dateien.

Dabei ist es oft der Fall, dass eine “Datei” in Wirklichkeit viele sind (Office), viele “Dateien” eigentlich nur eine (Mail, Datenbanken), oder das manche Systemkomponenten ansich Dateien sind, aber für uns gar nicht danach aussehen (Grafikkarten, Internetverbindungen, etc.).

Das weit verbreitete mbox-Format ist ein gutes Beispiel dafür, dass Anwendersicht und System ziemlich unterschiedlich sein können. Eine ganze Mailbox entspricht hier nur einer Datei. Der Mail-Client gibt sich anschließend alle Mühe, Mails so zu präsentieren, als wären sie  einzelne Dateien. Filme kommen heutzutage nur noch in sog. Container-Formaten über die Leitung und selbst die neuen Office-Dateien (xlsx, docx, etc.) sind vielmehr gezippte Archive als “klassische” Dateien.

Wer glaubt also nun ernsthaft, bei Twitter kämen jede Minute an die hunderttausend *.tweet-Dateien herein, und Mark Zuckerberg müsste die *.like-Files regelmäßig auf Viren untersuchen? Kurzum: Herkömmliche Dateien sind mehr Schein als Sein.

Ich behaupte, Dateien haben vielmehr mit der Haptik zu tun, als mit der tatsächlichen Repräsentation auf einem Speichermedium. Und die Erkenntnis hat viel mit der Zukunft unseres Nutzungsverhaltens mit Computern und dem Netz zu tun – glaube ich.

Keine Ahnung wer sich die Metapher mit den Dateien ursprünglich einfallen ließ, aber sie ist eine unglaublich starke: Akte, Aktenordner und Schreibtischplatte sind die deutschen Übersetzungen der deutlich besser klingenden Originale File, Directory und Desktop. Der Erfolg der Datei liegt darin, dass man etwas in der Hand hat, dass es so eine gut vorstellbare Entsprechung in der realen Welt gibt. Ablegen, Aufmachen, Kopieren, Löschen; über so eine Datei hat man Kontrolle genauso wie über einen Papierhaufen am echten Schreibtisch. Programme waren im Umgang bislang deutlich komplexer, aber dann kamen bekanntlich die Apps:

Vom Erfolg der Apps

Apps sind in aller Munde. Eine Webseite reicht nicht mehr aus, heute muss man im App Store oder Android Market sein. Während dieser Trend gegen alles verstößt, warum das World Wide Web ursprünglich erfunden wurde – nämlich um Informationen plattformunabhängig teilen zu können -, befriedigt es ein ungeheuer starkes Bedürfnis der Anwender: man kann sich seine überschaubar kleine und hübsch verpackte Anwendung downloaden und am Mobiltelefon ablegen.

Plötzlich sind nicht nur Dateien handlich, sondern auch Programme!

Inzwischen drängen Microsoft (Apps Gallery), Apple (Mac App Store), Intel (AppUp) und Google (Chrome Web Store) auf den Markt der Desktops. Google geht sogar noch einen Schritt weiter und schreibt drumherum mit Chromium OS ein eigenes Betriebssystem. In Wien gibt es mit Wappwolf ein mMn visionäres Unternehmen, welches mit einem Appstore-artigen Konzept Dateien-Verarbeitung in der Cloud anbietet.

Das Internet als Supermarkt. Software geschnitten, gewaschen, zum sofortigen Verzehr geeignet. Foto: Mathias, Brunei Darussalam 2010

Hintergrund der Bestrebungen ist, wenig überraschend, ein wirtschaftlicher: Apps sind wahre Goldgruben. Der aktuelle Goldrausch lässt wohl sogar Drogenkartelle und andere Pharmafirmen in Neid erblassen.

Apple als Marktplatz bzw. Händler kassiert beispielsweise 30% der Umsätze im App Store – bei nicht existenten mengenabhängigen Kosten. (Oder ist dort schon mal eine App wegen mangelnder Kühlung verfault? Musste jemals jemand eine App wegen einem Lieferschaden umtauschen?)

Unter dem Deckmantel deutlich gesteigerter Usability werden Programme folglich vermehrt über Marktplätze angeboten. Dabei geht ein Großteil der Anstrengungen der Betreiber – technisch wie juristisch – in den Aufbau von Barrieren, wie etwa Kopierschutz oder Softwarepatente. Während wir uns also über teilweise lächerliche Updates freuen (Copy & Paste in iOS 3.0), gehen unsere Desktops einen zumindest zweifelhaften Weg:

Zuerst wurden unsere Mobiltelefone beinahe zu Computern. Jetzt werden unsere Computer zu Smartphones – großen “Einkaufscomputern”.

Wenn die Systeminterna (Dateisystem, Prozesse) einmal weg-abstrahiert sind, kann man schließlich nur noch auf das “Kaufen”-Symbol klicken/”touchen”. 1950 konnte sich wahrscheinlich keine Hausfrau vorstellen, Salat geschnitten, Eier gekocht und Erdäpfel püriert aus dem Supermarkt zu holen. In deutlich kürzerer Zeit werden wir aber für das Rotieren eines Bildes um 90° rechts oder das Anhängen eines Attachments in eine E-Mail bezahlen. Klingt erschreckend, aber wir werden uns schon daran gewöhnen. Außerdem, es wird ja nur ein paar Facebook Credits kosten und das Umrechnen in Euro tut sich ja eh keiner so gern an…

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Was machen eigentlich Programmierer?

Vergangene Woche wurde ich wieder gefragt: “Mathias, was tust du eigentlich so als Programmierer?”

Ich finde es erstaunlich, dass in einer inzwischen durch und durch digitalisierten Welt nach wie vor wenig Außenstehende Ahnung davon haben, woraus die Arbeit eines Softwareentwicklers besteht. Dabei durchdringt die Softwarewelt die reale: Nachrichtenmeldungen sind voll mit Berichten über Software-Features wie Gesichtserkennung, Einkaufen via QR-Codes, Suchalgorithmen, Videotelefonie usw. Gleichzeitig ist die Anatomie dieser Systeme den meisten Menschen gänzlich unbekannt. Es herrscht flächendeckender IT-Analphabetismus.

Programmieren hat wirklich nichts mit Office-Software zu tun

Ein Grund der oben geschilderten Situation ist sicherlich, dass IT-Fähigkeiten meist auf Office-Kenntnisse beschränkt werden, und diese Fehleinschätzung zusätzlich mit fragwürdigen Zertifizierungen wie dem Europäischen Computer Führerschein (ECDL) institutionalisiert wird. Ich kann jedenfalls behaupten, dass ich tagelang produktiv arbeiten kann, ohne ein Office-Dokument geöffnet zu haben.

Ein Grund, warum Softwareentwickler Office-Dokumente dermaßen verabscheuen, ist womöglich folgender: In Word- oder Excel-Dateien liegen Informationen unstrukturiert vor, die Daten sind somit für eine effiziente Weiterverarbeitung verloren. Während sich Anwender meist zeitraubend um das Einfärben und Positionieren von Überschriftszeilen bemühen, geht es Entwicklern eher darum, wo Informationen gespeichert und wie sie (weiter-) verarbeitet werden.

“Kurzum, es ist eine sehr spannende Aufgabe ein Programm zu schreiben, dass hunderte Spreadsheets erzeugt und per Mail versendet. Es ist fürchterlich, auch nur eine einzige Excel-Datei selbst zu erstellen!”

Also was machen nun Programmierer genau?

Dank dem rasanten technischen Wandel besteht ein großer Teil meiner Arbeitszeit aus Weiterbildung.

Eins vorweg: ich bevorzuge den Begriff Softwareentwickler, da ich deutlich weniger Zeit an der Tatstatur verbringe, als vermutlich angenommen wird. Meine Arbeit besteht zu großen Teilen aus Recherche und somit Lesen, Versuchen  nach dem Trial-and-Error-Prinzip anstatt zu detaillierter Planung, Kaffeetrinken, Anwender interviewen, Bugs rekonstruieren und fixen, Dokumentationen in Form von Wikis oder automatisierten Softwaretests schreiben und Besprechungen führen. Ich verbringe maximal 20% meiner Arbeitszeit mit tatsächlichem Programmieren am endgültigen Produkt. Bei wirklich produktiven Leuten ist der Anteil wahrscheinlich maximal doppelt so hoch.

Datenbanken, Programmiersprachen und Betriebssysteme

Wie oben erwähnt strukturieren Softwareentwickler die Welt der Daten und machen diese so zu wertvoll(er)en Informationen. Wer also auf seinem Desktop Dateien mit etwa folgenden Namen speichert, sollte sich schleunigst Gedanken über Datenbanken machen:

Urlaubsliste.xlsx
Urlaubsliste_neu.xlsx
Kopie von Urlaubsliste_neu.xlsx
Urlaubsliste_neu - 21. März 2011.xlsx
Urlaubsliste (Version Kontrolle MF).xlsx
Urlaubsliste - endgültig nicht bearbeiten!.xlsx

Ein zentraler Bestandteil eines Entwicklerdaseins sind die verwendeten Programmiersprachen. Je nach Anwendungsgebiet oder Erfahrung gibt es zahlreiche Optionen. In Entwicklerkreisen gleicht die Wahl der Programmiersprache dem Religionsbekenntnis. Ähnliches Bild auch auf Seiten der Betriebssysteme, nur ist hier die Auswahl deutlich geringer: Es gibt die Windows-Leute auf der einen Seite und Unix-Anwender auf der anderen. (Apples MacOS ist übrigens lediglich ein sehr hübsches Unix.)

Fazit: Sollte sich jemand fürs Programmieren interessieren, dann wird man ohnehin mit all den Begriffen schnell in Kontakt geraten. Vielmehr als konkrete Sprachen oder Systeme zählen ohnehin die Aufgabenstellungen. Motto: Such’ dir ein interessantes Problem und kämpf’ dich durch zur Lösung.

Versionskontrolle und Wissensmanagement

Softwareentwicklung ist stetige Wissensfindung als Produktionsprozess. Dabei ist der entstandene Source-Code die Dokumentation der erfolgten Arbeit. Umfangreiche Projekte bestehen aus hunderten von Dateien. Bugs lauern überall, Änderungen im File A haben meist unabsehbare Auswirkungen auf das Gesamtsystem. Bei Projekten mit mehreren Entwicklern steigt der Kommunikationsaufwand exponentiell, sehr schnell ist der Überblick verloren.

Die Lösung des Problems sind unter anderem Systeme zur Versionskontrolle, die das Projekt nicht auf Ebene von Dateien, sondern so genannten Revisionen organisieren. Mich wundert bis heute, warum diese Funktionalitäten nach wie vor nicht Einzug in die Bürowelt gefunden haben. Wenn überhaupt, dann sind sie allerdings extrem komplex aber gleichzeitig nutzlos umgesetzt.

Traumberuf Softwareentwickler

Das Schöne an der Softwareentwicklung ist letztlich, dass die vielfältigen Tätigkeiten nicht in eine kurze Erklärung passen. Jede Aufgabenstellung ist in gewisser Weise einzigartig.

Jeden Tag eine neues Projekt: die Nicht-Standardisierbarkeit der Aufgaben ist der einzige Standard.

Ich habe in zehn Jahren IT noch keinen Softwareentwickler getroffen, der nicht Spaß an seiner Arbeit gehabt hätte. Dennoch birgt die Arbeit großes Frustrationspotential.

Einerseits kann man schon mal tagelang auf drei Zeilen Code starren und absolut nicht verstehen, warum das Programm nicht so funktioniert, wie die Dokumentation sagt. Andererseits werden oft die größten Fortschritte nicht als solche anerkannt. Es gibt schlicht keinen Zusammenhang zwischen Programmieraufwand oder technischer Komplexität und Applaus der Benutzer. Situationen in denen die Benutzer schlicht nicht wissen (können) was eigentlich dahinter steckt, so genannte Black Triangles, sind sehr weit verbreitet.

Zum Abschluss: Softwareentwicklung ist für mich der spannendste Bürojob auf Erden. Ich schaffe tagtäglich meine eigene Welt aus Programmcode, der für mich wie Poesie wirkt. Woche für Woche lerne ich etwas Neues von Menschen, die ihre Arbeit im Internet frei zur Verfügung stellen.

Die einzige Limitation in der Welt der Bits und Bytes ist letzlich die Vorstellungskraft der Entwickler. Hoffentlich kann sich bald jemand eine vernünftige Alternative zu Office-Dokumenten vorstellen…