Verabschiedet euch von euren IT-Abteilungen! | Verabschiedet euch von euren IT-Abteilungen! – Mathias' Blog

Verabschiedet euch von euren IT-Abteilungen!

Ich sitze beim Offline-Breakfast[1] mit meinem Freund Andreas, und dieser meint, die IT-Leute werden immer mehr zu Hausmeistern und umgekehrt. Hintergrund ist die Konvergenz aller (Haus-)Technik hin zu IP-Netzwerken sowie die zunehmende Standardisierung von IT-Basisdiensleistungen.
Der ITler in mir verkrampft sich bei solchen Aussagen; vor allem auch deshalb, weil Andreas damit recht hat und somit einen wunden Punkt trifft. Allerdings gebe ich ihm nur zu 90% recht, und über die wichtigen 10% will ich hier nun bloggen:

Die IKT ist eine Geheimwissenschaft. In beinahe jedem Unternehmen zeigt sich dasselbe Bild: Die Techniker sitzen auf enormen Budgets, deren Verwendung nahezu immer intransparent ist. Fachabteilungen beschweren sich über Trägheit der IT, diese wiederum kontert mit Nicht-Machbarkeit, Ressourcenengpässen, Performanceproblemen oder Sicherheitsrisiken – nicht selten alles Probleme der selbst gewählten Systemlandschaften. (…)

Durch den hohen Erfolg der Automatisierung und den damit verbundenen raschen Aufstieg des IKT-Personals während der letzten zwanzig Jahre entscheiden heute nun die “Zangler” über Kernthemen des Unternehmens. (Zur Etymologie des “Zanglers”: Dieser arbeitet mit Werkzeug statt Hirn – also Zange – und steckt PC-Bauteile unterm Schreibtisch zusammen.) Die Situation ist wohl nicht gesund für ein Unternehmen, das vom Umsatz abzüglich der Kosten leben muss.

Der Aufbau eines typischen Unternehmens ist dabei wie folgt:

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IKT innerhalb einer typischen Unternehmensstruktur: Ein Bereich neben dem anderen.

Lösung: Outsourcing?

Viele Unternehmen reagieren auf die oben geschilderte Situation mit teils radikalem Outsourcing. In der Hoffnung, IKT-Kosten langfristig zu senken, werden Telefon, Server, Software & Co. an IT-Dienstleister weitergereicht. Die Hotline verschwindet so in Indien, die Softwareentwicklung in Osteuropa und die Anwendungen selbst in der nicht näher lokalisierbaren Cloud.

Den gesunkenen Betriebskosten steht nun aber gestiegener Management-Overhead gegenüber: Über die Grenze von Unternehmen, Zeitzonen, Sprachen und Kulturen lassen sich Projekte nunmal nicht so einfach durchführen. (Dass Outsourcing in der Softwareentwicklung selten klappt, ist im Plädoyer gegen Outsourcing schön auf den Punkt gebracht.)

Fazit bislang: Die Zangler haben die Macht im Unternehmen übernommen, und Outsourcing ist auch keine Lösung.

Lösung: In- und Outsourcing parallel

Ich erkenne in Unternehmen den zunehmenden Trend, gleichzeitiges In- und Outsourcing nicht als Widerspruch zu sehen. Dabei werden die Allerweltsprodukte, die commodities, ausgelagert und parallel dazu die (Weiter-)Entwicklung strategischer Kernanwendungen ins Unternehmen (zurück) geholt.

Konkret heißt das, dass der Betrieb von Servern oder die Wartung von Office-PCs günstiger von Externen gemacht werden. Anwendungen entlang der eigenen Wertschöpfungskette sollten aber im Haus wachsen. (Wäre ich etwa eine Bank, würde ich nie und nimmer mein Online-Banking aus der Hand geben – die Bankomaten kann aber jemand anders warten.)

Unternehmen sollten erkennen, dass zwischen dem I (Information) und dem KT (Kommunikationstechnologie) ein enormer Unterschied besteht.

Information ist eine einzigartige Ressource im Unternehmen. Anders als Rohstoffe ist sie beliebig speicherbar. Anders als Geld ist sie beliebig kopierbar und nicht zu lenken. Die Ressource Information, die ich meine, hat weniger mit Bits und Bytes, als mit den Menschen, die sie entdecken, anwenden und verteilen zu tun.

Information ist Schnittstellen-Thema ansich. Das war immer schon so, nur fällt es uns immer mehr auf. Heute baut man kein Produkt mehr und bietet keine Dienstleistung an, ohne zuvor hunderttausende Daten gesammelt und ausgewertet zu haben. Heute kann nur noch in den seltensten Fällen ein Einzelner etwas mit entscheidendem Mehrwert erschaffen und verkaufen. Produkte und Prozesse sind enorm komplex, die gegenseitigen Abhängigkeiten unüberblickbar.

Wir benötigen Information und keine Diskussionen über Windows-Updates, Speichervolumina oder Verkabelungen. Spiegelbildlich wäre das ja so, wie wenn sich Personalabteilungen über Bürosessel Gedanken machen würden, weil ja immerhin die Mitarbeiter darauf Platz nehmen.

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IKT wie sie sein sollte: 90% der Themen gehören ausgelagert, Information als strategische Ressource allerdings zur Chefsache erklärt.

Information ist Chefsache und fällt idealerweise auf strategischer Ebene mit der Geschäftsführung zusammen. Fragestellungen sind etwa: Wie funktioniert mein idealer Akquise-, Bestell-, Liefer- oder Reklamationsprozess? Auf operativer Ebene heißt es dann diese Idealbilder in konkrete Systeme zu gießen, Verantwortlichkeiten zu benennen, Schulungen durchzuführen, Erfolg zu messen und gegebenenfalls nachzubessern, notfalls sogar Software anzuschaffen. Was aber wohl öfter gebraucht wird: Eine IKT-Schlankheitskur, wo deinstalliert anstatt hinzugefügt wird.

Wer an diesem Punkt nun Sicherheit und Datenschutz einwerfen will: Das Argument mit den Datenschutzrisiken konsequent weitergedacht, müssten wir ja auch unsere eigenen Zahlungsverkehrssysteme, Internetprovider und Mobilfunker betreiben. Outsourcing bleibt das Um und Auf bei Basisinfrastruktur.

Softwareentwicklern mit Gespür für betriebliche Problemstellungen steht eine goldene Zukunft bevor. Codemonkeys und Zangler hingegen werden in den kommenden Jahren enormen Kostendruck zu spüren bekommen.

tldr;

Liebe Unternehmen: Schiebt eure Server zu Google, aber kümmert euch um euer Personal!

[1] Über das Format “Offline-Breakfast” sollte ich auch noch bloggen. Es geht jedenfalls darum, in ca. zwei Stunden ohne Ablenkung durch Smartphone & Co. über die Zukunft zu plaudern. Das Ganze findet früh morgens samt gutem Essen statt.

3 Comments

  • April 17, 2014 - 2014-04-17 9:41:00 | Permalink

    hello mathias. toller ansatz, aber in der typischen österreichisch konservativen unternehmenskultur ists noch ein weiter weg dahin…

    wann/wo ist das nächste offline breakfast zu cloud und co?

  • Mathias
    April 20, 2014 - 2014-04-20 3:22:39 | Permalink

    Hey,

    beim nächsten Offline-Breakfast bist du herzlich eingeladen! Thema, Location und Timestamp folgen. Vl. auch schon im neuen Office.

    • April 20, 2014 - 2014-04-20 4:05:40 | Permalink

      freu mich auf ein kennenlernen. lg

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