Meine Mutter ist einer jener Menschen, die das Spirituelle in fremden Kulturen suchen. Auf ausgedehnten Reisen besuchte sie in den vergangenen Jahren Maya, Maori, Navajo und andere Menschen aus aller Welt.

Maya-Ritual in einer Cenote (Kalksteinloch) auf Yucatán. Natürlich gar nicht touristisch... Mexiko, 2009.
Der Ethnologe in mir ist da gänzlich anders gepolt. Im ecuadorianischen Regenwald spielte sich eines meiner Reise-Highlights etwa so ab:
US-Touristin: “You sew your own clothes? They’re so beautiful!”
Indianer: “No, they’re all from China like yours. Importing them comes cheaper for us.”
Exotisch und ursprünglich gibt es also nicht mehr. Zeit also, die spirituelle Suche zu Hause von Neuem zu beginnen. Zusammen mit meiner Isabella erkunde ich daher ab sofort die Heimat:
Spiritueller Aufguss
Auch bei uns tanzen Leute ums Feuer, hyperventilieren bis zur Trance und erzählen sich währenddessen mystische Erlebnisberichte von weidmännischen Mutproben, Feuerwasser-bedingten Nahtoderlebnissen und ländlichen Ritualen des gemeinsamen Grillhuhnverzehrs.
Die Rede ist vom typisch österreichischen Saunabesuch, dem krönenden Erlebnis der heimischen Kulturdreifaltigkeit neben einer Schnapspartie beim Wirten und dem Duzen jenseits der 1.000m Seehöhe.
Tatort Laa an der Thaya, Samstag Nachmittag, Februar 2011. Die Burgsauna füllt sich mit Uns’rigen und den zahlreich angereisten EU-Nachbarn. Der Badewaschel wirft in überraschend fließendem Tschechisch ein paar von denen wieder raus, weil die Füße am Holz und nicht am Handtuch waren. Kurze Diskussion über den Vorfall zwischen Orthodoxen und Liberalen. Die Sauna-Ampel schaltet auf rot, jetzt beginnt also die Garzeit.
Der Sauna-Älteste und somit einzig würdiger Schamane dieses Rituals tritt bedächtig mit Saunakübel und Schöpflöffel ein. Es riecht nach Glühwein, Wunderbaum und Zuckerwatte zugleich. Ein dreckiger Herrenwitz bringt die Runde in Stimmung, nur die Tschechen lachen nicht. Im Sinne ökumenischen Dialogs wird dieses Fehlverhalten allerdings selbst von den Hardlinern verziehen, die Vorfreude auf die Epiphanie am Elektroofen scheint zu groß.
Insgesamt drei Aufgüsse samt einer Zugabe wird uns der bierbauchene Meister mit umgeschlagenen Asia-Handtuch schenken. Im Scheine der Farblicht-therapeutischen Einbauleuchte wachelt diese Buddha-artige Erscheinung mit aller Kraft Hitze, Spiritualität und eigenen Schweiß in unsere Gesichter. Der Industrie-Duftstoff aus dem Saunafachhandel seines Vertrauens brennt fürchterlich in den Augen. Aber jetzt muss man(n) durchhalten und sich mit Superlativa beim G’schichteldrucken überbieten. Nach Aufguss Nummer zwei verlässt eine von Hitze und Männerhumor sichtlich gezeichnete Dame den Raum – ein Sakrileg, das nicht zu überbieten ist! Sauna-Patrioten und Tschechen finden so durch ein gemeinsames Feindbild wieder zueinand. Abkühlung im Kaltbecken, ein, zwei, sieben Runden Bier danach, Freundschaften fürs Leben – der Rest wird zur Legende und somit zum Gesprächsstoff für den kommenden Samstag.
Liebe Leser, das ist großes Kino um die Ecke. Ab in die Sauna!
Ende Mai fliege ich mit meiner Mutter übrigens nach Indien. Wir werden ja sehen, ob wir dann unser touristisches Glück beim Guru oder in der Hotelsauna finden…





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