Der Schwiegertiger am Puls der Zeit

Mein nächster Blogpost sollte eigentlich der Welt erklären, dass wir gleichzeitig Inflation und Deflation erleben, warum Rohstoffspekulanten deutlich besser als ihr Ruf sind und weshalb Öl der Sorte Brent trotz Konjuktureinbruch weiterhin teuer bleibt.

Angesichts dieser makroökonomischen Zeitverschwendung Recherchen hätte ich beinahe die wirtschaftlich-soziale Revolution im eigenen Mikrokosmos übersehen: Meine Schwiegermutter ist nach Wien übersiedelt!

Während die ersten meiner Freunde beginnen, ihre Lebensträume unter suburbanem Fertigteilbeton zu begraben, startet meine Schwiegermama das Gegenprojekt am Puls der Zeit: Sie verkauft Haus und Auto, findet eine traumhafte Wohnung nahe dem neuen Westbahnhof, richtet modern ein und genießt seitdem Leben und Möglichkeiten der großen Stadt.

Vergangenes Jahr noch waren die Betankung des Heizkessels, der steigende Spritpreis, wucherndes Unkraut oder drohende Frostschäden Themen, die Sorgen bereiteten. Jetzt sind die optimale Wochenplanung unter Berücksichtigung sämtlicher (Gratis-)Angebote Wiens oder eine womöglich anstehende Fernreise nach Südafrika die dominanten Themen.

Sozialkontakte, Unterhaltungsangebote, Reduktion der Fixkosten; was in der Sphäre des Einzelnen als Aufwertung der Lebensqualität bilanziert, ist auch im gesellschaftlichen (und somit gesamtwirtschaftlichen) Kontext wünschenswert. Leider gilt hierzulande nach wie vor die Idylle vom Haus im Grünen als erstrebenswertes Idealbild – ganz egal ob man sich selbst als Kleingärtner, Landadeligen, Naturbursch’ oder Biobauern sieht.

Doch das Leben am Land hat mit Natur reichlich wenig zu tun: Man sitzt am Ende in einer überdimensionierten Fertigteilschachtel, die von allen Seiten dem Wetter ausgeliefert ist und daher mit großen Kosten beheizt werden muss. Selbst kleine Einkäufe lassen sich nur per Auto erledigen, der Arbeitsplatz ist ohnehin kilometerweit entfernt. Mit etwas Glück grenzt das Gründstück an eine landwirtschaftliche Fläche, sodass man sich dank der Spritzmittel den Weg zur Apotheke oder einen allzu langen Lebensabend erspart.

Wer die Natur wirklich liebt, wohnt nicht in ihr!

Städte sind besser als ihr Ruf!

Armut, Elend, Kriminalität und Krankheit: Seit der industriellen Revolution wird die Stadt in der Literatur meist negativ wiedergegeben. Dabei – so meint Edward Glaeser, dessen Buch ich nur wärmstens empfehlen kann – unterlagen Charles Dickens und alle Autor_inn_en nach ihm einem Wahrnehmungsproblem: Die Stadt machte die Not der Menschen lediglich deutlich sichtbar. Der Tod am Land hingegen war schon damals ein einsamer.

Edward Glaeser, Triumph of the City: Amazon.de

Nun gibt es in Wien weder DharaviKhayelisha oder Rocinha, die Meinungen über das Leben in Wien erreichen aber durchaus schreckliche Ausmaße: Giftige Abgase, kein bisschen Grün, Lärm, kriminelle Ausländerhorden, Jugendbanden, überfüllte U-Bahnen, Parkplatzmangel, gelb-brauner Schneematsch im Winter, unerträgliche Hitze im Sommer. Auch ich konnte mir, als ich 2000 zum Studieren nach Wien kam, nicht vorstellen, dauerhaft hier zu bleiben.

Die Zukunft liegt wieder in der Stadt

Ich meine, Österreich verschwendet zu viele seiner (meist teuer importierten) Ressourcen mit der Fragmentierung des Raums. Unnötige Wege und ineffiziente Logistik tun nicht nur der Umwelt weh, sondern auch jeder einzelnen Brieftasche. Unsere Volkswirtschaft ist angesichts anhaltender “Landliebe” trotz fünfthöchstem Motorisierungsgrad Europas schlicht nicht mehr lange konkurrenzfähig: So ist etwa jede Postamtschließung im hintersten Waldviertel trotz mobiler Bevölkerung ein Skandal. Der Wahnsinn, dank Pendlerpauschale und Wohnbauförderung wird diese Fehlentwicklung auch noch staatlich unterstützt.

Ein Hoch also auf meine Schwiegermutter! Sie ist der Anfang einer neuen, unaufhaltsamen Lebenseinstellung!

Die Rechtschreibkorrektur meines Android-Smartphones tut sie zwar weiterhin als Schwierigmutter ab, aber das wird das nächste Update schon beheben. Willkommen in Wien!

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