Die DIY-Ökonomie

Bislang war im Blog entweder von IT-Hacks oder von politisch-ökonomischen Themen zu lesen. Diesmal wage ich während einer Reise durch Japan die Synthese meiner beiden Interessen mit der – katastrophal erfolglosen – Simulation eines künstlichen Wirtschaftssystems…

Doch alles der Reihe nach: Simulationen sind ein enorm spannender Bereich der Informatik. Im Grunde geht es dabei darum, Ergebnisse weniger anhand bekannter Algorithmen zu errechnen, sondern das Verhalten von Lösungsteilen zu modellieren, um sich später das Gesamtergebnis einfach anzusehen.

Mit solchen Simulationen lässt sich etwa die Kreiszahl Pi berechnen, man kann voraussagen, ob die Wasserqualität eines Badesees hält, oder aber man simuliert einen Verkehrsstau oder einen Gebäudebrand.

Bestückt mit Wirtschaftsstudium und – wichtiger – langjähriger Erfahrung als Bürgermeister von SimCity und zahlreichen Siedler-Inseln, oder einfach mangels naturwissenschaftlicher Expertise, lag die Aufgabenstellung in meinem Fall jedenfalls am Tisch: Die Simulation einer künstlichen Marktwirtschaft bestehend aus Produzenten, Konsumenten, Einwohnern, Arbeitgebern, Produkten, Preisen und Steuern.

Die Wirtschaftsmodelle der Wuselspiele haben mit freien Märkten nichts zu tun. Im Screenshot: Widelands, ein Open Source Siedler-Klon.

Software-Agenten statt homo oeconomicus

Den Wirtschaftswissenschaften wird oft vorgeworfen, an den homo oeconomicus, also das rein rationale Verhalten der Akteure zu glauben. Dass es diesen homo oeconomicus nicht gibt, erkennt man beispielsweise daran, dass Kinos trotz Breitbandanschlüssen noch nicht komplett leer stehen, oder dass mein Fitnesscenter einen gut frequentierten Aufzug besitzt.

Auch im Reisegepäck dabei: Kahnemann, Langsames Denken, schnelles Denken, 2011. Lesenswertes Buch über die Irrationalität der Menschen, Buch bei Amazon.

Wie auch immer, Wirtschaftsprognosen sind gerade auch deshalb so schwierig, weil das Verhalten vieler Akteure komplett unterschiedlich abläuft und die Interaktionen unüberschaubar komplex sind. Ohne das Problem verstehen zu wollen, kann man jedenfalls versuchen, das Problem mit Rechenleistung zu erschlagen.

Meine Annahme: Warum nicht eine Vielzahl künstlicher, unterschiedlich agierender Agenten erschaffen und sie anschließend Wirtschaft spielen lassen. Dabei könnten etwa Konsumenten vorkommen, die sich bis auf ein Maximum verschulden, andere würden eisern sparen. Manche Produzenten wären schneller mit Investitionen, andere vorsichtiger.

Meine auf der Flugzeugserviette entworfene Ökonomie sieht jedenfalls so aus:

              -------------
              Markt
              -------------
              - Jobangebote
              - Löhne
              -------------
                  |
  -----------     |   -----------
  Arbeitgeber  ---+->  Einwohner
  -----------         -----------
      |                    ^
      |                    |
      v                    |
  -----------         -----------
   Produzent   <--+--  Konsument
  -----------     |   -----------
                  |
               ------------
               Markt
               ------------
               - Produkte
               - Preise 
               - Steuern
               ------------

Nach einer schlaflosen Nacht zwischen Minsk und Vladivostok und einem weiteren High-Speed Hack im Shinkansen von Tokio nach Kyoto ist sie also fertig – meine künstliche Wirtschaft mit hundert Einwohnern und sieben produzierenden Firmen, gegossen in ein paar Python-Module und einen Volkswirtschaftssimulator, der über zehn Jahre hinweg Bevölkerungszahlen, BIP, Privat- und Firmenvermögen sowie Jobs und Arbeitslosenrate misst. Einwohner suchen sich Jobs, verdienen Geld und geben es nach Lust und Laune wieder aus.

Meine Volkswirtschaft in Python gegossen. Links die Vermögens- und Arbeitsmarktstatistiken meiner Modellwelt.

Klingt vielleicht beeindruckend, ist es aber nicht: Statt Antworten eröffnen sich volkswirtschaftliche Lücken.

Woher kommt eigentlich das Wachstum?

Meine modellhafte Volkswirtschaft kann zwar nicht alle hundert Einwohner ernähren, aber nach ein paar Monaten hat der Großteil der Leute einen Job gefunden. Die Arbeitslosenrate sinkt – auch dank der Verhungerten – auf Null und dann passiert… nichts. Die Firmen verdienen genau das Geld, das sie wiederum den Arbeitenden auszahlen. Das BIP stagniert, woher käme denn auch das Wachstum?

Zahlreiche ökonomische Theorien beruhen auf der Ansicht, Wachstum entstünde zwangsweise durch Ausbeutung von Ressourcen. Ganz egal, ob nun damit etwa die Natur (Physiokratie), Arbeiter (Marxismus), deren Kombination in Übersee (Globalisierungskritik) oder das Sparvermögen des Mittelstands (“Draghismus“) gemeint sind. Das Gegenstück zu den diversen Ausbeutungstheorien bildet Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Diese besagt, dass Wachstum aus neuen Ideen entsteht, aus der Zerstörung des Alten und Erschaffung des Neuen.

Nun ja, im angesprochenen Programm sind alle Optionen für Wachstum absent: Die Bevölkerung arbeitet bereits unter Vollauslastung, es gibt keine unentdeckten Bodenschätze und disruptive Innovation ist irgendwie schwer zu simulieren…

Weitere Stunden später, in denen ich meine Liliput-Ökonomie weiter parametrisiert und einen etwas intelligenteren Marktmechanismus (Preise und Löhne) implementiert habe, gebe ich schließlich entnervt auf. Wirtschaft ist wohl nicht zu simulieren, denn die Komplexität ist nicht abbildbar. Während bei technischen Aufgabenstellung oft das Prinzip Divide and Conquer zum Erfolg führt, ist das hier nicht machbar: Entweder es ist alles berücksichtigt (Lohnverhandlungen, Preisbildung, Investitionen der Unternehmen, Kundenpräferenzen für deren Produkte, Steuern, Subventionen, Arbeitslosenunterstützung, Unternehmensgründung durch einstige Konsumenten, Währungen, Zinsen, Staaten, Banken, usw.) oder die Simulation bleibt ein netter Zeitvertreib – was es allerdings wirklich gewesen ist.

Was ich dennoch gelernt habe

  1. Am Schlimmsten sind die Sparer unter meinen Einwohnern: Denn deren Konsumverzicht häuft unproduktives Kapital an.
  2. Mein in der Folge chronischer Hungersnöte eingeführtes Grundeinkommen hat die Modellwirtschaft nachhaltig stabilisiert. Zum Teil finanziert sich mein Staat über die Umsatzsteuer, ebenso findet aber eine massive Umverteilung vom Staat in Richtung Unternehmen statt. Der Staat mach also in jeder Modellvariante Schulden, damit Arbeitslose von Produzenten kaufen können. Folglich werde ich Arbeitslosenunterstützung künftig auch als Subvention für die Wirtschaft begreifen.
  3. Ein Käufermarkt, wo sämtliche Grundbedürfnisse der Menschen vielfach befriedigt sind, und Geld über massives Marketing nicht-lebensnotwendiger Produkte gemacht wird, wäre wohl gar nicht mehr zu simulieren.
  4. Im Urlaub sollte man keinen Notebook dabei haben.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *