Afrika entwickeln!

Wie ich diese Zeilen schreibe, sitze ich nach zweiwöchigem Abenteuer in einer schicken Lounge am Flughafen von Johannesburg. Hinter mir retten Merkel und Sarkozy parallel auf BBC und Al Jazeera den Euro – zum wievielten Mal dieses Jahr eigentlich? Mein Handy findet ein offenes WLAN, ich hole mir noch Tonic und Sandwiches, Boarding für den Rückflug startet erst in einer guten Stunde. Zeit also für einen kleinen Reisebericht.

Gut ich war in Afrika. Wieder einmal. Beeindruckend, Sternenhimmel, Menschen in Hütten, wilde Tiere, Armut, blablabla.

Ich könnte nun von Highlights schreiben und ein paar nette Bilder hochladen. Doch das will ich diesmal nicht tun.

Während der Reise habe ich Matt Ridleys faszinierendes Buch The Rational Optimist: How Prosperity Evolves gelesen, das mich einerseits in bisherigen Meinungen bestätigt, andererseits überrascht oder gar schockiert hat. Was hier folgt ist daher weniger ein Reisebericht, sondern vielmehr eine angewandte Buch-Rezension.

Das Ende der “Dritten Welt”

Meine erste Fernreise ging 1987 nach Thailand. Ich erinnere mich nur verschwommen an schreckliche Bedingungen wie Armut und Krankheit. Ich habe das Bild bettelnder Leprakranker an jeder Straßenecke nie vergessen, ein prägender Eindruck für mich mit fünf Jahren.

Inzwischen war ich noch drei Mal im Land des Lächelns, und es ist wie seine Nachbarn kaum wieder zu erkennen. Der wirtschaftliche Aufschwung hat in den vergangenen 25 Jahren Südostasien radikal verändert, wie man am Energieverbrauch erkennen kann.

Kochen mit Gas anstatt Regenwald. (Malaysia/Borneo 2010)

Die Daten erzählen, aus meiner Sicht, erfreuliche Geschichten von Mobilität, Heizungen, Kommunikation, industrieller Produktion (Arbeitsplätze), Konsum und sogar Entlastung natürlicher Lebensräume dank Verbrennung fossiler Brennstoffe anstatt von Holz. In anderen Worten, das ist gewonnener Wohlstand.

Seit dem Beginn der weltweiten Finanzkrise 2008 ist immer öfter zu hören, dass unser kapitalistisches System nicht funktioniere, dass der freie Markt ausgedient hätte. Ich finde diese Aussagen nur noch menschenverachtend und gefährlich (weil sie in millionenfacher Auflage nicht folgenlos bleiben werden).

Die Armut hat sich weltweit sowohl in absoluter als auch relativer Zahl reduziert, wobei ein starker Zusammenhang zwischen Marktwirtschaft und eben dieser Entwicklung zu erkennen ist. Ja, es gibt Schattenseiten, aber letztlich sollte sich jeder Teilzeit-Utopist folgende Frage stellen: “Würde ich lieber in einem Land mit großer politischer und wirtschaftlicher Freiheit geboren werden, oder beispielsweise in Simbabwe, Kuba, Nordkorea oder Burma?” (China lasse ich als Ausnahme nicht gelten, da es aus wirtschaftlicher Perspektive nicht mehr kommunistisch ist. Im Gegenteil, interessant ist der Zusammenhang zwischen den Reformen ab 1978 und dem Wirtschaftsaufschwung.)

"Now everyone can fly!" Mit dem Billigflieger Air Asia quer durch Asien. (Brunei 2010)

Der Energieverbrauch ausgewählter afrikanischer Länder sieht im selben Zeitraum leider anders aus (die Auswahl beruht lediglich auf bisherigen Reisezielen). Außerhalb afrikanischer Städte herrscht nach wie vor großteils Subsistenzwirtschaft. Die Menschen sind also auf das angewiesen, was sie selbst produzieren. Was in Bobo-Träumen romantisch und noch dazu “bio” klingen mag, bedeutet in der Realität schlicht folgendes: Keine Versorgungssicherheit, kaum Ressourcen für Bildung oder Freizeit bei gleichzeitig enormem Flächen- und Wasserbedarf der ineffizienten Landwirtschaft.

Kochen/Backen mit Holz zerstört Lebensräume und führt zu Erkrankungen der Atemwege, einer unterschätzten (weil unspektakulären) Todesursache in der Dritten Welt. (Ägypten 2004)

Noch erschreckender als der stagnierende Energieverbrauch liest sich der Vergleich der Lebenserwartung derselben Länder: Ein Österreicher wird beinahe doppelt so alt wie ein Swasiländer. (Der Einbruch der Länder des südlichen Afrika ab etwa 1990 hat mit HIV/Aids zu tun.)

Das andere Afrika

Doch genug der schlechten Nachrichten. Afrika passt dennoch nicht ausschließlich ins Bild, das Entwicklungshilfe-Organisationen jetzt zur Weihnachtszeit wohl wieder gerne zeichnen.

Der Kontinent hat eine weitgehende Abdeckung mit GSM-Mobilfunk. Mangels Bankkonten für Jedermann blüht Bezahlen via SMS, was Afrika wohl zum Vorreiter in Sachen mobile paymentmacht.

Busstation mit share taxis, DEM Transportmittel Afrikas (Südafrika 2005)

Die Menschen sind unternehmerisch tätig. Ob Lebensmittel, Kleidung, Kunsthandwerk oder Handy-Wertkarte; man kann alles überall erstehen. Mit einer Flotte an Minibussen (share taxis) wird der de facto nicht existente öffentliche Transport ersetzt – leider mangelt es hier stark an Sicherheit.

Piri Piri aus Eigenproduktion entlang der Straße. (Mosambik 2011)

Länder wie Botswana oder Mauritius sind heimliche Wirtschaftswunder. Südafrika ist in urbanen Regionen wie Durban, Jo’burg oder Kapstadt entwickelt wie Europa oder Nordamerika. Das dort angesiedelte Human- und Finanzkapital sorgt in ganz Afrika für Investitionen; noch zahlreicher sind diese Kapitaltransfers inzwischen aus China.

Auch das ist Afrika: Wirtschaftsmetropole Kapstadt mit Bürotürmen, Hafen, Shopping-Meilen, Touristen, usw. (Südafrika 2005)

Was also tun?

Wenn man selbst miterlebt hat, wie eine hungernde Mutter ihr Baby gegen ein paar Dollar verkaufen will, dann muss man etwas tun. Isabella und ich haben damals 2008 an der namibisch-angolanischen Grenze unsere Essensvorräte und nicht mehr benötigte Kleidung verschenkt. Doch das diente natürlich vielmehr zur Beruhigung unseres eigenen Entsetzens, als es nachhaltige Hilfe darstellte.

Ich bin inzwischen der Überzeugung, dass klassische Entwicklungshilfe lediglich gut gemeint aber wenig effektiv ist. Hier also ein paar Ansätze zur echten Hebung des Wohlstands. Teilweise mögen sie radikal klingen; aber ich bin streitbar.

Tourismus
Tourismus schafft Jobs (Tansania 2006)

Tourismus ist ein Wohlstandsbringer für Hotelkonzerne ebenso wie für die lokale Bevölkerung. Tourismus ist ein Dienstleistungs-intensiver Wirtschaftszweig, was bedeutet, dass viele Personen ausgebildet und bezahlt werden. Rund um Flughäfen und Hotels entstehen Straßen, Kraftwerke und Wasserversorgung. Sofern es etwas gibt, was wirklich jeder Einzelne tun kann, dann bedeutet es hinfahren und Geld ausgeben. Aber bitte nicht so einen Schwachsinn fürs gute Gewissen machen.

Landwirtschaft – Subventionen

Die europäische Agrarpolitik ist ein Verbrechen an der Dritten Welt. Die EU predigt zwar den freien Handel, sperrt mit Subventionen in die eigene Wirtschaft aber geschickt die Entwicklungsländer aus. Ich habe an den Grenzen zwischen Namibia und Sambia bzw. Simbabwe tausende Menschen Schlange stehen sehen, die sich Brot im Nachbarland kaufen mussten. Brot auf europäischem Preisniveau wohlgemerkt, bei deutlich niedrigerem Medianeinkommen der Bevölkerung.

Transport und CO2-Emissionen könnte man der Forderung nach verstärktem Handel mit Lebensmitteln nun entgegenwerfen. Aber das Konzept der food miles ist ohnehin sehr schwach, um eine Vergleichbarkeit hinsichtlich Umweltschädigung zu erreichen. (Das Lammsteak braucht vom Supermarkt auf den Teller doppelt so viel Energie, wie von Neuseeland nach Österreich. Wer sich wirklich Sorgen um CO2 macht, sollte aber ohnehin gar kein Fleisch essen…)

Landwirtschaft – “Bio”-Treibstoffe

Kein Themenwechsel. Wer fragt, warum die Lebensmittelpreise 2008 auf Rekordhöhe geklettert sind, dem werden Schauermärchen von üblen Spekulanten erzählt. Doch die gab es zuvor auch schon. Vielmehr ist die Preisexplosion Ergebnis mehrerer Einflüsse, wie etwa der gesteigerten Nachfrage aus Asien (warum, siehe oben), Zunahme an Fleischkonsum, leidigen aber natürlichen Ernteausfällen und der gesetzlich verordneten Verwendung landwirtschaftlicher Produktionskapazitäten zur Erzeugung von “Bio”-Treibstoffen.

“Spiel nicht mit dem Essen, in Afrika verhungern die Kinder”, hörte ich früher häufig. Inzwischen betanken wir unsere SUVs mit dem Essen dieser Kinder. Die EU – aber auch andere Staaten – hat in ihrer Biokrafstoff-Richtlinie eine schrittweise Erhöhung des Anteils von Kraftstoffen aus landwirtschaftlicher Produktion vorgeschrieben. Nun werden auf europäischen Feldern Raps, in den USA Mais und Soja, in Brasilien Zuckerrohr oder in Malaysia Palmöl zur Kraftstoffgewinnung gepflanzt. Eine objektive (CO2-)Gesamtbilanz ist schwer zu bekommen, die Flächenkonkurrenz mit üblicher Landwirtschaft ist jedenfalls ein Faktum. Bio, juhu!

Pharmaforschung
Survival Kit für die Tropen. Leider für viele Leute in der Dritten Welt nicht zu bezahlen. (Brasilien 2003, nicht Afrika)

Die Forschung nach neuen Wirkstoffen ist wenig überraschend ein extrem kostspieliges Abenteuer, das im freien Markt nicht zum gewünschten Ergebnis führt. (Ich habe nicht umsonst oben von Schattenseiten gesprochen, aber wer hat schon bis hierher gelesen?) Die Politik hilft mit Patenten, Forschungsförderung und großzügigen Subventionen zwar nach, doch ein Mittel gegen Haarausfall kann letztlich in Industrieländern gewinnbringender verkauft werden, als ein noch so wirksamer Impfstoff gegen einen tropischen Parasitäten. Die Pharmaforschung gehorcht dem Markt, Spenden wäre sinnvoll.

Regierungen und Bürokratie anstatt moderner Rechtsordnung und funktionierendem Geldwesen

Bleiben wir bei Parasiten: Ich habe nicht umsonst meine Reisepassnummer in Afrika auswendig gelernt. Eine Straßenkontrolle hier, ein kleiner Permit dort. Drei Stunden für einen Grenzübergang, lächerliche Stempel und Vorschriften, Formulare, usw. Der Korruption wird somit Tür und Tor geöffnet – der wohlstandserzeugende Teil der Bevölkerung wird an seiner Arbeit gehindert.

Pendler am Weg zur Arbeit; ein paar Stunden jeden Tag an der Grenze. (Niemandsland zwischen Südafrika und Mosambik, 2011)

Selbes Bild beim Geld- und Rechtswesen: In Tansania herrscht ein alternatives Rechtssystem, weil der Staat nicht effizient genug ist. Das macht aber überregional und international Probleme. In Mosambik habe ich Euros teuer verkauft, da auch via Banken nicht an ausländische Währungen zu kommen ist. Dies alles hindert die Wirtschaft am Entstehen.

Hoffen wir auf Besserung – es kann wahrscheinlich wenig von außen getan werden.

Zum Abschluss

Ich habe diese Zeilen geschrieben, weil mich viele Erlebnisse auf meinen bisherigen Reisen nach Afrika (immerhin zehn) tief geprägt und überrascht haben. Und weil ich die stereotypen Bilder und Meinungen so sehr hasse. Meinungen von Leuten, die off the beaten track mit dem Lonely Planet bewaffnet im “echten” Afrika waren, wo das auch immer sein mag. Leute,  die von CO2-Reduktion, Biolandwirtschaft und mehr Staat statt Konzernen reden, aber SUV wegen der Sicherheit fürs Kind fahren. Wie heißt es so schön?

The road to hell is paved with good intentions.

Ich hoffe, dass ein großer Teil Afrikas in den nächsten 25 Jahren dem Vorbild Südostasiens gefolgt sein wird – ich bin sogar sehr zuversichtlich.

Wer’s bis hierher ausgehalten hat, hat sich ein paar Fotos verdient.

11 Comments

  • Alfred Nagl
    November 10, 2011 - 2011-11-10 9:06:47 | Permalink

    Ich hab grad deinen Bericht bis zum Ende überflogen (und die Fotos auch, ja).

    Deiner Aussage Die Armut hat sich weltweit sowohl in absoluter als auch relativer Zahl reduziert möcht ich am Beispiel Hunger in der Welt widersprechen – sieh mal diese Grafik:

    http://www.agenda21-treffpunkt.de/archiv/03/11/WHHhunger-g.jpg

    Die besseren Zahlen in Ostasien sind hauptsächlich auf China zurückzuführen (das muß man den Chinesen, trotz des Systems, zugute halten).

    Deine These, daß unser kapitalistisches System Wohlstand erzeugt, stimmt, allerdings ist unser kapitalistisches System offenbar nicht dazu geeignet, am anderen Ende die Anzahl der Hungertoten in der Welt zu vermindern.

    • Mathias
      November 10, 2011 - 2011-11-10 1:57:24 | Permalink

      Eins vorweg: Auch wenn wir hier von großen Zahlen und Zusammenhängen sprechen, Einzelschicksale sind immer tragisch und eine Schande für welches System auch immer.

      Ich lese aus deinen Daten folgendes: Der starke Zuwachs an Bevölkerung machte aus einer relativen Abnahme eine absolute Zunahme an Hungernden. (Inzwischen geht auch die absolute Zahl nach unten, wie die von Niki geposteten Daten zeigen.)

      So wie es aussieht, ist die Bevölkerungsexplosion vorbei, und die Weltbevölkerung wird gegen 2030 bei 9 Milliarden Menschen ihren Höhepunkt erreichet haben. Meine grundlegende These: Der Planet kann 9 Milliarden Menschen ernähren, sofern wir es bis dahin schaffen, die (Land-)Wirtschaft in der “Dritten Welt” auf westliches Niveau zu heben. (Biotreibstoffe oder die geforderte Reduktion von CO2-Emissionen stehen diesem Ziel allerdings im Weg.)

  • Niki Pucher
    November 10, 2011 - 2011-11-10 9:35:59 | Permalink

    +Alfred Nagl
    aktuellere daten als 2001 wären halt dann interessant. http://de.wikipedia.org/wiki/Welthunger-Index
    (ich steh auf wiki links, denn die kann jeder finden)

    quote wiki:
    Der im Oktober des Jahres erschienene Welthunger-Index 2011 trägt den Untertitel Herausforderung Hunger: Wie steigende und stark schwankende Nahrungsmittelpreise den Hunger verschärfen.Im Vergleich zu 2010 fiel der globale WHI-Wert von 15,1 auf 14,6 (im Jahr 1990: 19,7). Laut dem Bericht geht dieser Rückgang vor allem auf die verbesserte Ernährungssituation von Kindern unter fünf Jahren zurück, deren Anteil an allen Kindern unter fünf Jahren seit 1990 um 8 Prozent zurückging. Im selben Zeitraum ging die Kindersterblichkeit um 3 Prozent zurück. Der Anteil der unterernährten Menschen an der Weltbevölkerung ist seit dem Zeitraum 1995–1997 nahezu unverändert, seit 1990 hat er um 4 Prozent abgenommen. Am stärksten erfolgte die Verringerung des globalen WHI und damit Verbesserung der Ernährungssituation zwischen 1990 und 1996 um insgesamt 3.

  • Uli Schindler
    November 10, 2011 - 2011-11-10 3:59:30 | Permalink

    Unser kapitalistisches System ist nicht nur ungeeignet den Hunger in den Welt zu reduzieren, sondern kann ohne ihn gar nicht existieren. Die Frage ist doch, ob Afrika nicht schon längst ein ernstzunehmender Konkurrent und Handelspartner wäre, gäbe es nicht die Ausbeutung, die in der Kolonialzeit begonnen hat und heutzutage zur Perfektion getrieben wird.

    Beispiele gibts dafür unzählige, wie: Die Rohstoffe für unsere netten Elektronikspielzeuge werden großteils mit Kinderarbeit und unter menschenunwürdigsten Zuständen abgebaut. Die Gewinne gehen selbstverständlich an ausländische Konzerne. Unser Elektroschrott landet über Umwegen zum “recyceln” dann wieder in Afrika wo er hochgiftig Umwelt und Menschen verseucht.

    Die einzig faire Lösung wäre doch, die Kostenwahrheit herzustellen. Für uns wären viele Dinge unseres alltäglichen Lebens sehr viel teurer, was automatisch wieder zu einem vernünftigen Umgang mit den Ressourcen führen würde.

    Würden wir der dritten Welt Wachstum und Kapitalismus gönnen, würde sich unser Wachstum zwangsläufig verlangsamen und das liegt halt so gar nicht im Sinne des Kapitalismus genau so wenig wie Fairness.

    • Mathias
      November 11, 2011 - 2011-11-11 11:54:38 | Permalink

      Ich gebe dir recht: Der Krieg um Coltan ist sicher eines der dunkelsten Kapitel unserer Zeit und das Ablagern von Müll in der Dritten Welt hat auch rein gar nichts mit den Vorteilen des freien Handels zu tun…

      Aber dennoch greifen die Behauptungen zu kurz: Ich finde beispielsweise für die These “Kolonien wurden und werden ausgebeutet” problemlos erfreuliche Gegenbeispiele. Malaysia war ebenso britisch wie Simbabwe, aber der Unterschied heute könnte nicht größer sein. Mauritius war so ziemlich alles bis auf Deutsch und auch hier sieht die Entwicklung besser aus. Zusätzlich kann ich Länder nennen, die nie Kolonien waren, aber deren Wohlstand heute fernab von dem der kolonialisierten Nachbarländer liegt: Iran, Afghanistan, Nepal. Bevor man mich aber falsch versteht: Ich glaube, es gibt einfach keinen starken Zusammenhang zwischen Kolonisation und Wohlstand.

      Es gibt einen bedeutsamen Unterschied zwischen Kapitalismus und freier Marktwirtschaft, auf den ich oben nicht eingehen wollte. (Ich wollte keine Wirtschaftssysteme diskutieren, sondern Ansätze, wie man helfen kann.) Jedenfalls haben Großkonzerne, mit der Macht politisches Lobbying zu betreiben, nichts mit freier Marktwirtschaft zu tun. Im Gegenteil, sie beschränken die Freiheit der Wirtschaft. Ich glaube auch nicht, dass irgendetwas im Sinne der Marktwirtschaft im Sinne eines großen Masterplans wäre. Abseits von Verschwörungstheorien ist nämlich nichts zentral geplant. Während etwa Nordamerika teilweise verarmt boomen in Asien ganze Staaten. Unterm Strich führt dies zu weniger Armut weltweit, aber was hilft das einem neuerdings Obdachlosen aus Detroit? (Provokant gefragt: Ist es nicht sogar rassisitsch gegen die Globalisierung zu sein?)

      Forderung nach Kostenwahrheit: Ja, wenn auch praktisch schwer zu berechnen. Ich nehme aber an, wir Österreicher würden uns wundern, wie viele Donaukraftwerke neuen Atomreaktoren hierzulande weichen würden…

      Abschließend zum Hunger: All unser Geschreibe soll nicht von den Schicksalen von Millionen Menschen abweichen. Ich habe mit Links zu Wikipedia und Google Data ein paar Daten präsentiert, die einen positiven Trend zeigen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Rückgang von Armut.

      PS: Wie ich soeben lese, ist das Spitzmaulnashorn nun offiziell in der Wildnis ausgerottet, während sich das Breitmaulnashorn prächtig vermehrt. Eines davon lebt im südlichen Afrika, wo durch Tourismus das Nashorn einen Wert erhält und dank wirtschaftlicher Entwicklung (Kunstdünger, Bewässerung) freie Flächen in große Nationalparks umgewandelt wurden. Es bleibt dem Leser überlassen, die beiden Tiere dem jeweiligen Teil Afrikas zuzuordnen…

      • Uli Schindler
        November 13, 2011 - 2011-11-13 12:53:47 | Permalink

        Ok, da sind jetzt viele Themen vermischt. Ich bin auch nicht gegen Globalisierung und glaube auch nicht an den großen Masterplan. Ich bin nur nicht so optimistisch, dass sich die Schieflage allein durch die Anstrengung der engagierten Leute vor Ort beheben lässt.

        Vielleicht hast Du den Beitrag im letzten Weltjournal gesehen. Es ging dabei um die Nutzung von Ackerflächen in Äthiopien durch zB indische Großunternehmer. Objektiv gesehen keine so schlechte Idee. Die Großunternehmer bringen Technik, Know How, Geld zur effizienten Bewirtschaftung und Indien kommt an die benötigten Lebensmittel. Im Detail betrachtet werden die lokalen Bauern, die bis jetzt das Land als Pachtgrund bewirtschaftet haben, mangels schriftlicher Verträge praktisch enteignet und ihrer Lebensgrundlage beraubt. Die Bevölkerung wird nicht eingebunden sondern ignoriert und verdrängt.

        Gerade Äthiopien hat nach der Hungerkatastrophe in den 80er Jahren eine sehr positive Entwicklung durchgemacht, durch Hilfe von Außen aber vor allem auch durch viel unternehmerische Initiative der eignen Bevölkerung. Die Ansiedlung der indischen Großbetriebe wären genial, würden dadurch Arbeitsplätze für Einheimische geschaffen werden und würde ein Teil der Lebensmittel im eigenen Land verkauft werden.

        Klar ist doch, dass der Kampf um Ressourcen aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung immer härter wird. Zeit ist dabei ein wichtiger Faktor! Meine Sorge ist, dass Staaten, die es bis jetzt noch nicht geschafft haben, die eigene Wirtschaft anzukurbeln oder sich mit anderen zusammenzuschließen, keine starke Rolle als Handelspartner in einer freien Marktwirtschaft mehr einnehmen können und somit einfach überrannt werden und die bisherigen Errungenschaften auch wieder verloren gehen.

        P.S. Auch Atomkraftwerke werden stark subventioniert!

        • Mathias
          November 14, 2011 - 2011-11-14 2:12:51 | Permalink

          Liebe Uli,

          da gebe ich dir vollkommen Recht. Ich teile die Sorge, dass weniger entwickelte Volkswirtschaften Opfer von Ausbeutung werden, weil etwa finanzielle/politische Ressourcen fehlen, um die Rechte von Minderheiten durchzusetzen.

          Das Weltjournal habe ich leider nicht gesehen, aber quer durch Afrika ist das Engagement von Fernost zu sehen.

          P.S.: Ich bin kein Freund der Atomkraft, genauso wenig wie von Kohlekraftwerken, Staudämmen oder Windrädern in meinem Garten. Mein Punkt war lediglich, dass Kostenwahrheit überraschende Ergebnisse bringen könnte.

          BTW: interessante Diskussion, Danke für die Teilnahme!

      • Alfred Nagl
        November 13, 2011 - 2011-11-13 11:03:27 | Permalink

        Du hast gesagt: “Es gibt einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Rückgang von Armut.” – da gibts eine aktuelle Grafik für die USA, die so ziemlich das Gegenteil zeigt:

        http://www.nytimes.com/imagepages/2011/09/04/opinion/04reich-graphic.html?ref=sunday

        • Mathias
          November 14, 2011 - 2011-11-14 1:44:59 | Permalink

          Die Grafik ist zwar interessant, ich sehe aber aus drei Gründen kein Gegenargument zu meiner These:

          1. Armut in Nordamerika sehr wenig mit dem zu tun hat, was ich in Afrika erlebt habe.

          2. Das Diagramm die ungleiche Einkommensverteilung und nicht das absolute Niveau von Wohlstand im Fokus hat. Man könnte jetzt diskutieren, warum es die USA nicht schaffen, eine “gerechtere” Einkommensverteilung zu schaffen. Siehe dazu den Gini-Index:
          http://de.wikipedia.org/wiki/Gini-Koeffizient
          http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Einkommensverteilung
          Aber das sehe ich nicht als Thema dieses Beitrags.

          3. Handelt es sich nicht um naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten, die wir da diskutieren. Daher wird es dir immer möglich sein, ein krasses Gegenbeispiel zu finden. Darum versuche ich einerseits, mit möglichst großen/internationalen Datenbeständen zu argumentieren, und andererseits, nur von Auffälligkeiten und Zusammenhängen zu schreiben. Du wirst in meinem Text sehr selten das Wort “weil” finden, weil [ 😉 ] Kausalzusammenhänge in der Ökonomie kaum herstellbar sind.

  • Mathias
    January 2, 2012 - 2012-01-02 8:54:31 | Permalink
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