Von Dateien und der Zukunft des Internets | Von Dateien und der Zukunft des Internets – Mathias' Blog

Von Dateien und der Zukunft des Internets

“Das ist ja nur ein Link ins Wiki. Kannst du mir das nicht als ordentliche Datei geben?” Auf diese Aufforderung hinauf konnte ich unlängst nur irgendwas von HTML und “eh Datei” stottern. Aber:

Was ist eigentlich eine Datei?

Zunächst, Dateien existieren nicht wirklich. Sie sind nicht real, wie dies zum Beispiel Briefe, Urkunden oder die Post-its auf meinem Monitor sind. Daten auf einer Festplatte sind nichts Weiteres als eine lange Serie von Einsen und Nullen. Erst Betriebs- und Dateisystem präsentieren uns diesen Datenstrom als Dateien.

Dabei ist es oft der Fall, dass eine “Datei” in Wirklichkeit viele sind (Office), viele “Dateien” eigentlich nur eine (Mail, Datenbanken), oder das manche Systemkomponenten ansich Dateien sind, aber für uns gar nicht danach aussehen (Grafikkarten, Internetverbindungen, etc.).

Das weit verbreitete mbox-Format ist ein gutes Beispiel dafür, dass Anwendersicht und System ziemlich unterschiedlich sein können. Eine ganze Mailbox entspricht hier nur einer Datei. Der Mail-Client gibt sich anschließend alle Mühe, Mails so zu präsentieren, als wären sie  einzelne Dateien. Filme kommen heutzutage nur noch in sog. Container-Formaten über die Leitung und selbst die neuen Office-Dateien (xlsx, docx, etc.) sind vielmehr gezippte Archive als “klassische” Dateien.

Wer glaubt also nun ernsthaft, bei Twitter kämen jede Minute an die hunderttausend *.tweet-Dateien herein, und Mark Zuckerberg müsste die *.like-Files regelmäßig auf Viren untersuchen? Kurzum: Herkömmliche Dateien sind mehr Schein als Sein.

Ich behaupte, Dateien haben vielmehr mit der Haptik zu tun, als mit der tatsächlichen Repräsentation auf einem Speichermedium. Und die Erkenntnis hat viel mit der Zukunft unseres Nutzungsverhaltens mit Computern und dem Netz zu tun – glaube ich.

Keine Ahnung wer sich die Metapher mit den Dateien ursprünglich einfallen ließ, aber sie ist eine unglaublich starke: Akte, Aktenordner und Schreibtischplatte sind die deutschen Übersetzungen der deutlich besser klingenden Originale File, Directory und Desktop. Der Erfolg der Datei liegt darin, dass man etwas in der Hand hat, dass es so eine gut vorstellbare Entsprechung in der realen Welt gibt. Ablegen, Aufmachen, Kopieren, Löschen; über so eine Datei hat man Kontrolle genauso wie über einen Papierhaufen am echten Schreibtisch. Programme waren im Umgang bislang deutlich komplexer, aber dann kamen bekanntlich die Apps:

Vom Erfolg der Apps

Apps sind in aller Munde. Eine Webseite reicht nicht mehr aus, heute muss man im App Store oder Android Market sein. Während dieser Trend gegen alles verstößt, warum das World Wide Web ursprünglich erfunden wurde – nämlich um Informationen plattformunabhängig teilen zu können -, befriedigt es ein ungeheuer starkes Bedürfnis der Anwender: man kann sich seine überschaubar kleine und hübsch verpackte Anwendung downloaden und am Mobiltelefon ablegen.

Plötzlich sind nicht nur Dateien handlich, sondern auch Programme!

Inzwischen drängen Microsoft (Apps Gallery), Apple (Mac App Store), Intel (AppUp) und Google (Chrome Web Store) auf den Markt der Desktops. Google geht sogar noch einen Schritt weiter und schreibt drumherum mit Chromium OS ein eigenes Betriebssystem. In Wien gibt es mit Wappwolf ein mMn visionäres Unternehmen, welches mit einem Appstore-artigen Konzept Dateien-Verarbeitung in der Cloud anbietet.

Das Internet als Supermarkt. Software geschnitten, gewaschen, zum sofortigen Verzehr geeignet. Foto: Mathias, Brunei Darussalam 2010

Hintergrund der Bestrebungen ist, wenig überraschend, ein wirtschaftlicher: Apps sind wahre Goldgruben. Der aktuelle Goldrausch lässt wohl sogar Drogenkartelle und andere Pharmafirmen in Neid erblassen.

Apple als Marktplatz bzw. Händler kassiert beispielsweise 30% der Umsätze im App Store – bei nicht existenten mengenabhängigen Kosten. (Oder ist dort schon mal eine App wegen mangelnder Kühlung verfault? Musste jemals jemand eine App wegen einem Lieferschaden umtauschen?)

Unter dem Deckmantel deutlich gesteigerter Usability werden Programme folglich vermehrt über Marktplätze angeboten. Dabei geht ein Großteil der Anstrengungen der Betreiber – technisch wie juristisch – in den Aufbau von Barrieren, wie etwa Kopierschutz oder Softwarepatente. Während wir uns also über teilweise lächerliche Updates freuen (Copy & Paste in iOS 3.0), gehen unsere Desktops einen zumindest zweifelhaften Weg:

Zuerst wurden unsere Mobiltelefone beinahe zu Computern. Jetzt werden unsere Computer zu Smartphones – großen “Einkaufscomputern”.

Wenn die Systeminterna (Dateisystem, Prozesse) einmal weg-abstrahiert sind, kann man schließlich nur noch auf das “Kaufen”-Symbol klicken/”touchen”. 1950 konnte sich wahrscheinlich keine Hausfrau vorstellen, Salat geschnitten, Eier gekocht und Erdäpfel püriert aus dem Supermarkt zu holen. In deutlich kürzerer Zeit werden wir aber für das Rotieren eines Bildes um 90° rechts oder das Anhängen eines Attachments in eine E-Mail bezahlen. Klingt erschreckend, aber wir werden uns schon daran gewöhnen. Außerdem, es wird ja nur ein paar Facebook Credits kosten und das Umrechnen in Euro tut sich ja eh keiner so gern an…

4 Comments

  • August 17, 2011 - 2011-08-17 8:53:36 | Permalink

    hey danke für das statement zu Wappwolf.
    Wir veranstalten am 25.8. einen Testevent in Wien bzw. am 22. in Linz. Lade Dich herzlich dazu ein.
    Dort präsentieren wir erstmals das neue UI/UX sowie iphone und windows client dazu.
    Unsere Vision geht ja über das file processing hinaus > der Action Button für files wird den heutigen Umgang mit files verändern 😉

    das video schon gesehen? http://youtu.be/oBc4dOHWUio

    lg vom wolfpack

    • Mathias
      August 17, 2011 - 2011-08-17 10:34:57 | Permalink

      Lieber Wappwolf,

      bin zur Zeit leider/glücklicherweise auf Europa-Tournee. Zurück in Wien werde ich mir das aber gerne ansehen!

  • Mathias
    January 8, 2012 - 2012-01-08 5:04:35 | Permalink

    Lesenswert:

    Wir brauchen wütende Nerds
    02.01.12 – Jonathan Zittrain

    Schlagwörter: Essay, App, Zensur, Software-Entwicklung, Betriebssysteme

    http://www.heise.de/tr/artikel/Wir-brauchen-wuetende-Nerds-1397391.html

  • Pingback: Mathias' Blog » Wir haben das Internet verloren!

  • Leave a Reply

    Your email address will not be published. Required fields are marked *