Schluss mit den Apps! | Schluss mit den Apps! – Mathias' Blog

Schluss mit den Apps!

UPDATE: WUdoo x5 gibt’s inzwischen unter short.wu.ac.at/wudoo – plattformunabhängig und frei verfügbar.

Bevor ich meinen digitalen Rundumschlag gegen Office-Dokumente oder SharePoint beende, um endlich wieder über Dinge, die ich kreiere anstatt nur kritisiere, zu schreiben, muss ich mich hier noch einem Übel annehmen: dem Hype um Apps.

 

Vergangene Woche sprach Sir Tim Berners-Lee in der Spanischen Hofreitschule anlässlich des future.talk 2011  über die Freiheit des World Wide Web. (Dazu: “Das WWW war ein Erfolg, weil es keine Patente gab” auf derStandard.at)

Das Internet ist nicht erst seit dem Arabischen Frühling politische Bühne: Information kann nur dort frei fließen, wo Telekom-Provider und deren Gesetzgeber Netzneutralität garantieren. Abseits der Frage der wertneutralen Datenübertragung ist auch die Datenspeicherung ein brisantes Thema: Immer mehr Content wandert von dezentralen Servern in Richtung Facebook; ein beängstigendes Phänomen, das mich übrigens zur Wiederbelebung dieses Blogs brachte. Die dritte Komponente schwindender Informationsfreiheit ist schließlich der Trend weg vom plattformunabhängigen WWW hin zu (mobilen) Apps. Denn diese sind an Betriebssysteme gebunden und unterliegen der Zensur der Marktplatzbetreiber.

Doch Apps sind gerade modern und somit cool. Und daher beginnt meine Geschichte der Abneigung gegenüber Apps auch ganz anders, und zwar als Erfolgsgeschichte:

WUdoo: (m)eine Success-Story

Als spätestens 2009 Apple’s iPhone seinen Siegeszug durch Österreichs Mobilfunklandschaft begonnen hatte, wurde uns an der WU Wirtschaftsuniversität Wien eines klar: die Zukunft der Nutzung unserer Services liegt (auch) am Smartphone. Genug dieser Erkenntnis, es war Zeit für Nägel mit Köpfen:

Mit der persönlichen Kursübersicht war jedenfalls schnell ein sinnvoller, mobiler Anwendungsfall gefunden. Für die Entwicklung der App holten wir uns Martin Kahr ins Boot, ein absoluter Profi auf der Apple-Plattform – die Zusammenarbeit war unkompliziert, erfolgreich und inspirierend zugleich! Das Backend wie Datenbankabfragen, Authentisierung, etc. hatte ich zwischenzeitlich mit viel Vorfreude in den Fingern programmiert.

WUdoo, Jänner 2010 - die erste universitäre App Österreichs.

Meine Frau Isabella stiftete den Namen WUdoo für das Projekt, das bis dahin holprig als WU iPhone App firmierte.

Die App ging in den Review-Prozess, darauf folgte ungeduldiges Warten über Weihnachten und schließlich, kurz nach Neujahr, war Apple mit deren Voodoo fertig und WUdoo konnte aus dem App Store heruntergeladen werden:

Und es war ein voller Erfolg;-)

Innerhalb kürzester Zeit hatten wir rund 3.500 Installationen. Ein erstaunlicher Marktanteil bei knapp 30.000 Studierenden und Mitarbeiter/inne/n und einem iPhone-Anteil von (damals) schätzungsweise 15%.

Das Feedback per E-Mail oder App Store war atemberaubend, werden IT-Abteilungen ansonsten doch eher als reiner Hygienefaktor im Universitätsbetrieb gesehen. Als vermeintlicher Innovator schafften wir’s schließlich sogar in die Presse; eine Fan-Seite auf Facebook folgte.

Schönheitsfehler im goldenen Käfig

Mit dem Erfolg kamen verständlicherweise sehr bald Ideen und Wünsche für weitere Features von WUdoo. Auf Entwickler-Seite musste ich aber schnell feststellen, dass das Hinzufügen neuer Funktionalität, Testen oder Logging immer aufwendiger wurden. Besonders ärgerlich waren die Updates auf iOS4 und iOS5, die beide Male mit neuartigen Crashes der App überraschten. Mein Punkt: Entwicklung und Betrieb einer Webseite sind deutlich wirtschaftlicher.

Währenddessen regte sich bei den Benutzer/inne/n von Android, Blackberry und Co. Unbehangen, warum wir als Universität nur Apples Betriebssystem unterstützten. Gute Frage eigentlich, ich wusste jedenfalls nur eine enttäuschende Antwort: Das Multiplizieren der oben geschilderten Probleme auf die jeweils nächste Plattform wollten wir uns nicht antun. (Christoph Weber entwickelte dann doch noch den schlanken WUdoo-Klon WUdroid, aber für mich war die Sache mit den Apps bereits gelaufen.)

Optimierte Webseiten sind besser!

Unser Ansatz: Webseiten sowohl für Desktops als auch für Smartphones erstellen - einmal entwickeln und warten, überall verwenden!

Im Laufe des Jahres 2010 setzte ich mich immer stärker dafür ein, den Irrweg mit den Apps nicht mehr zu beschreiten. Die Kolleg/inn/en vom CMS-Team taten dann auch einen tollen Job, als die WU Anfang diesen Jahres eine mobile Webseite (m.wu.ac.at) anstatt einer WU-App präsentierte.

Meine eigenen Projekte waren ähnlich gestrickt: Mit dem WU Directory ging eine Webseite in Betrieb, die sowohl für Desktop und Smartphone konzipiert war.

Für Neugierige: Detailseite am Desktop öffnen und die Elemente wie Menü, Spalten, Schriften usw. beim Verkleinern des Browserfensters beobachten. Die gut lesbare Anzeige am iPhone ist im Screenshot dargestellt.

Was passiert mit WUdoo?

Nun, die Entwicklungen an einem Nachfolger in Form einer mobil nutzbaren Webseite laufen. Damit wird die Anwendung für alle Smartphones, aber natürlich genauso für Desktops zur Verfügung stehen. Wir ersparen uns aufwendiges Programmieren für iOS, Android usw. Diesen Vorteil wollen wir in ein vielleicht umfangreicheres, vielleicht auch “nur” fehlerfreieres Produkt stecken.

Ob wir WUdoo (mutwillig) abdrehen, oder einfach nur auslaufen lassen, muss ich mir noch überlegen. Im Internet herrschte von Anfang an befruchtende Konkurrenz. Wenn schließlich die Studierenden meinen, das neue, webbasierte WUdoo sei viel besser, als das alte aus dem App Store, dann kann ich zufrieden sein.

5 Comments

  • October 17, 2011 - 2011-10-17 5:48:56 | Permalink

    100% Zustimmung zum technischen Aspekt: eine HTML5 “App” für viele Plattformen ist wesentlich effizienter zu warten als X native platform-apps.
    Dennoch ist der primäre “Vertriebskanal” von apps der jeweilige App-Store. Mit Phonegap bekommt man für einfache Apps eine recht fantastische Lösung: Multiple platforms, eine Code-Basis (HTML5) und App-Vertrieb über gewohnte Kanäle. Bei Interesse meld dich, wir können das, und zwar sehr gut! 🙂

    Phonegap

  • Nelly
    October 18, 2011 - 2011-10-18 2:38:58 | Permalink

    Schade nachdem ich gerade erst ein iPhone bekommen hab und erst im letzten Monat den AppStore entdeckt hab jetzt ist es schon wieder vorbei. Naja Mathias hat wohl recht und ich als treuer fan bekomme ein dickeres Börserl und spare Geld schließlich kosten apps ja auch was.

    • Mathias
      October 19, 2011 - 2011-10-19 7:28:34 | Permalink

      😉 Am iPhone gibt’s ja einen tollen Browser. Mit dem kannst du auch meinen Blog lesen – ganz ohne App.

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