Amtssignatur an der WU: Papier zum Leben erweckt

Amtssignatur – was dermaßen verstaubt klingt, kann weder innovativ noch nützlich sein. Weit gefehlt, denke ich als großer Fan der digitalen Bescheide, die durch das E-Government-Gesetz ermöglicht wurden. Mit dem Finanzamt kommuniziere ich inzwischen ausschließlich via Web und digital signierter PDF-Datei.
An der WU verwenden wir seit Kurzem auch die Amtssignatur mit einigen Besonderheiten, die in Österreich wahrscheinlich einzigartig sind. In meinen Augen ein mehr als nur spannendes Projekt…

Die WU Wirtschaftsuniversität Wien stellt im Jahr weit über 100.000 Erfolgsnachweise und verwandte Dokumente aus, wobei der überwiegende Teil davon automatisiert abläuft. (Über das Selbstbedienungs-Terminal zum Zeugnisdruck habe ich bereits gebloggt.) Die Echtheit der ausgestellten Dokumente wird jedenfalls entweder durch spezielles Unterdruckpapier samt Staatswappen oder mittels händischer Unterschrift bescheinigt. Spätestens mit dem Schritt hin zu Online-Services bedarf es allerdings anderer Sicherheitsmerkmale – eine PDF-Datei kann schließlich (fast) jeder fälschen.

Was ist eine Digitale Signatur?

Auch wenn’s Wikipedia besser erklärt: Die Digitale Signatur ist ein Verschlüsselungsverfahren, das gemeinsam mit so genannten Zertifikaten Echtheit des Ausstellers (Authentizität) sowie Unverfälschtheit der Daten (Integrität) sicherstellt.

Wie bei einer händischen Unterschrift lässt sich somit auf elektronischem Weg feststellen, dass ein Jemand ein Dokument in dieser und jener Form unterzeichnet hat. In Österreich besteht aufgrund des Signaturgesetzes Gleichwertigkeit zur händischen Unterschrift, wobei aber einige Ausnahmen bestehen, so etwa für die Eheschließung, welche (noch?) nicht digital über die Bühne gehen darf.

Amtssignatur

Der Schritt von der Digitalen Signatur zur Amtssignatur ist jedenfalls kein technischer. Vielmehr sind einige Punkte seitens des E-Government-Gesetzes gefordert, um dem hoheitlichen Anspruch Rechnung zu tragen und Überprüfbarkeit durch Dritte (etwa durch das Bundesrechenzentrum) zu gewährleisten:

  • Jedes mit der Amtssignatur versehene Dokument (PDF) ist digital mit einem für die Amtssignatur geeigneten Zertifikat zu unterschreiben.
  • Auf der letzten Seite des Dokuments muss der gesetzlich vorgeschriebene Sichtvermerk angebracht werden, der Informationen zum Unterzeichner sowie Hinweise zur Überprüfbarkeit beinhaltet.

Mit Anfang 2012 ging mit den Studierendenrankings eine Anwendung in Betrieb, die erstmals unsere hauseigene Infrastruktur zum amtlichen Signieren verwendet. Das Bild unten zeigt die letzte Seite eines signierten Dokuments (natürlich anonymisiert).

Amtssignatur an der WU: Das Dokument besitzt einen Sichtvermerk mit gesetzlich geforderten Daten sowie Hinweis zur Überprüfbarkeit. Der Datenblock darunter ist eine technische Raffinesse unserer hauseigenen Signatur-Infrastruktur.

Bis hierher also ein hilfreiches Service der WU, aber zugegebenermaßen auch keine Raketenphysik. Wäre da nicht Mathias Ziehmayer, Held aller Programmiersprachen, der die Aufgabe der Dokumenten-Validierung auf die Spitze getrieben hat…

Datenrückführung

Die Überprüfung (Validierung) eines signierten PDF-Dokuments ist auf der Seite signaturpruefung.at oder dem Pendant der WU kein Problem. Anders ist das allerdings bei ausgedruckten Dokumenten, die im Normalfall für eine Weiterverarbeitung “verloren” sind.

Bei der Umsetzung an der WU sollte dies aber nicht so sein: Im Sichtvermerk ist ein DATENBLOCK untergebracht, aus dem – vor allem auch von einem Ausdruck – der Inhalt des Dokuments rekonstruiert werden kann. Dieser Datenblock ist ebenfalls mit dem Amtssignaturzertifikat der WU unterschrieben, sodass nach erfolgreicher Rekonstruktion die Identität der Datenerstellerin (WU) sichergestellt ist.

Technisch gesprochen: Das Dokument wird zunächst um irrelevante Daten bereinigt; daher fehlen Fußnoten, Seitenangaben, o.ä.

  1. Die Nutzdaten werden mit bzip2 komprimiert.
  2. Diese komprimierten Daten werden anschließend mit dem Zertifikat der WU signiert.
  3. Die signierten Daten werden im Format PKCS#7/CMS signedData (DER) repräsentiert.
  4. Diese Datenstruktur ist klein genug, um sie codiert als base32 im DATENBLOCK der Amtssignatur unterzubringen.

(Interessanter Nebeneffekt der letzten Codierung ist, dass es beispielsweise keine Ziffern “1″, “0″ oder “8″ geben kann, die mit ähnlichen Buchstaben verwechselt werden könnten. Ein etwaiger “1″er wird jedenfalls durch ein “I” ersetzt, usw. Ein für Texterkennung optimierter Font verringert zusätzlich die Wahrscheinlichkeit von Lesefehlern beim Einscannen des Dokuments.)

Führt man die Schritte in umgekehrter Reihenfolge durch, erhält man den relevanten Inhalt des Dokuments. Natürlich bieten wir ein Web-Service, welches diese Rückführung automatisch durchführt.

Das Ergebnis einer Rückführung sieht wie angeführt aus. Damit ist es folglich möglich, die Echtheit eins WU-Dokuments mit geringem Aufwand selbst festzustellen:

---------------------------------------------------------
Confirmation of grade point average

Name: [NAME]

Program: Bachelor Program in Business, Economics and Social Sciences

Total ECTS of the program: 180

Date of calculation: February 09, 2012

[NAME] has completed courses and exams worth a total
of 133.0 ECTS credits with a grade point average of
1.59.

This information is valid as of the date of calculation
given above.
---------------------------------------------------------

Dank der Offenheit unseres Verschlüsselungs- und Komprimierungs-Algorithmus ist es auch ohne dem oben genannten Web-Service von heute bis in alle Ewigkeit möglich, Dokumente der WU (offline) zu validieren.

Wer in den kommenden Monaten also über eine Amtssignatur stolpert, der soll sich freuen, dass Österreich – entgegen aller Vorurteile – über zunehmend moderne Verwaltung verfügt. Am Coolsten aber machen’s wir an der WU. Ich darf das sagen, weil es in diesem Fall kein Eigenlob, sondern Ehrerbietung unter Kollegen ist;-)

Excel ist die falsche Technologie!

Vergangenes Jahr war in einem meiner Blog-Posts zu lesen, dass Office-Dokumente mit grundlegenden Problemen behaftet seien. Jetzt will ich mich dem übelsten Vertreter der ohnehin schon wenig glorreichen Bande an Office-Dokumenten widmen: Der Tabellenkalkulation, in Controlling-Abteilungen dieser Welt auch ehrfurchtsvoll Excel Sheet genannt.

to excel heißt auf Deutsch hervorstechen. Die Arbeit mit Excel Sheets sticht im Regelfall durch folgende Eigenschaften hervor:

  • während der Entstehungsphase ist sie verführerisch einfach,
  • für andere ist sie aber bereits nach wenigen Klicks nicht mehr nachvollziehbar und daher
  • höchst fehleranfällig.
  • Ergebnisse sind am Ende selbst durch den Ersteller kaum noch reproduzierbar.

Die Tabellenkalkulation besetzt meiner Ansicht nach eine extrem kleine Nische zwischen Taschenrechner und Programmierung. In der Bürowelt ist vom Nischendasein allerdings keine Rede…

Ein Punkt am Rande: Wenn hier von Excel die Rede ist, sind natürlich auch sämtliche andere Formate wie etwa LibreOffice Calc oder Apples Numbers inkludiert. Da Microsoft allerdings einen derart hervorragenden Job beim Vendor Lock-in am Arbeitsplatzrechner macht, habe ich wenig Mitleid, wenn ein großer Teil der Kritik an Excel hängen bleibt.

Einfacher Start und Schrecken ohne Ende

Sehen wir uns die Entstehung einer Tabellenkalkulation anhand eines typischen Anwendungsfalls an: Budgetplanung.

Zunächst ist das Tool hilfreich: Ein paar Positionen untereinand platziert, das aktuelle Jahr mit Ist-Daten in der Spalte daneben, noch eine Spalte für die Plan-Daten im kommenden Jahr. Berechnung einer Preissteigerung, automatische Summenfunktion, fertig ist die Kalkulation!

A B C
1 2012 (Ist) 2013 (Plan)
2 Personal 120 =B2*1.04
3 Material 70 =B3*1.12
4 Sonstiges 5 4
5 Projekt 25 33
6 Summe =Summe(B2:B5) =Summe(C2:C5)

Excel stellt die Struktur wie im Bild unten hübsch dar. Doch hier beginnt bereits das Problem. Während der WYSIWIG-Ansatz bei Textverarbeitung (vielleicht) sinnvoll ist, führt er bei Kalkulationen zur Verschleierung der Kernaufgabe: “What you do is what I hide” ist das eigentliche Motto jeder Tabellenkalkulation.

What you see is what you get, WYSIWYG. Formeln werden automatisch ausgeführt, Ergebnisse hübsch dargestellt. Meiner Ansicht nicht Segen, sondern Fluch.

Komplexe Verschleierung

Excel versteckt demnach das, was es tut und präsentiert lediglich ein Endergebnis. Gerade wenn man über einen längeren Zeitraum oder gemeinsam mit anderen an so einem Tabellen-Moloch arbeitet, ist aber genau dieses Verhalten fatal: Die Sache wird bestenfalls unübersichtlich, in der Regel unüberschaubar.

Anders als bei Textdokumenten gibt es bei Tabellen nämlich keine “natürliche” Richtung in der sich der Inhalt ausbreitet. Zellenwerte, Formeln, Verweise, Fomatierungs-Einstellungen sowie Makros sind über das gesamte Dokument verstreut. Dabei ist das Dokumnt selbst ein Sammelsurium aus Tabellenblättern, eingebetteten Objekten oder Verlinkungen zu anderen Sheets auf SharePoint. Ich kann mich an Arbeitstage während des DWH-Projekts erinnern, da hätte man unsere Arbeit bestenfalls als Excel-Forensik bezeichnet.

Dazu kommt – der Goldstandard beim “Herumexceln” -, dass laut meinen empirischen Erhebungen rund 112% der Benutzer liebend gerne Informationen mit Hilfe der Formatierung codieren. Da werden also Farben, Schriftschnitte und insbesondere Hintergrundfarben zur Daten-Anreicherung verwendet. Beim Ausdrucken wird das Problem kritisch; die Lösung ist aber schnell gefunden: Man druckt künftig in Farbe.

Kurzum: Der hohe Grad an Flexibilität wird so zum Fluch – betriebliche Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen:

“The most popular software for writing fiction isn’t Word. It’s Excel.” @brianalvey

Ein besserer Ansatz

Arrogant, wie ich eben bin, behaupte ich nun, eine bessere Lösung zu haben: Die strikte Trennung von Content und Design. Dieser Ansatz ist leider aber zu genial, als dass er von mir käme – es ist der rote Faden sämtlicher Softwareentwicklung und Datenhaltung seit ungefähr 1843.

Eine Tabellenkalkulation gehört demnach aufgeteilt in

  1. Daten,
  2. Berechnung,
  3. Design und
  4. Layout

Schematische Darstellung eines Kalkulationstools - theoretisch lässt sich aber auch Excel dahingehend verwenden.

Nun, meine Darstellung oberhalb umfasst mit Versionierung und Synopse zwar Konzepte, die in Excel nicht machbar sind, aber aus der Trennung von Daten, Berechnung, Design und Layout lassen sich einige hilfreiche Tipps – sogar für Excel – ableiten.

Sieben Excel-Tipps

… von jemand, der Excel hasst – von mir.

“It is tempting, if the only tool you have is a hammer, to treat everything as if it were a nail.”

  1. Rohdaten und Formeln trennen.
  2. Richtung beibehalten: von oben nach unten, von links nach rechts arbeiten.
  3. Niemals Formatierung zur Codierung von Informationen verwenden.
  4. Sofern ein druckbares Ergebnis gewünscht ist, dies in einem eigenen Tabellenblatt “designen”. Dort aber nichts mehr berechnen, sondern nur noch mit Referenzen arbeiten.
  5. Weniger ist mehr und simple is better than complex.
  6. Sinnvolle, sortierbare Dateinamen ohne Sonderzeichen usw. vergeben. (Das Suffix “_neu” lässt sich durch “_neuneu” nicht besonders gut steigern.)
  7. Nach Alternativen (zB Python oder R) Ausschau halten.

Zur Krise

Ich habe lange nachgedacht, ob ich ein paar Zeilen zur (Finanz-)Krise schreiben soll. Das Thema ist ohnehin ausgelaugt, alles scheint gesagt. Und das leider lange bevor das ganze Debakel zu Ende sein wird…

Vorweg will ich bemerken, dass ich in wirtschaftspolitischen Dingen ein Hardliner bin. Wenn Zeitung und TV meine beiden Landeshauptmänner beim Geldverteilen abbilden, krampft es grundsätzlich in mir. Ich freue mich dann nicht über die vielen geschaffenen Arbeitsplätze. Ich denke reflexartig an die von der Allgemeinheit dafür aufgebrachten Steuern. Das ist meine Natur. Ich bitte daher, diesen Beitrag auch so zu lesen.

2007, oder eigentlich viel früher, nahm in den USA eine Immobilien-Finanzierungs-Krise ihren Lauf, die sich zu einer Banken- und Börsenkrise auswuchs. Auf Europa übergeschwappt ist eine Staatsschuldenkrise mit dem Endergebnis einer globalen (Real-)Wirtschaftskrise. Ziemlich viel Krise, ziemlich wenig Ausweg.

Krise ist Griechisch

Krise kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich Beurteilung, Entscheidung oder Zuspitzung. Eine Krise bezeichnet demnach einen problematischen Wendepunkt, eine Zeit der Entscheidung. Meinem Empfinden nach geht es Medien und Politik vorrangig aber um etwas anderes: Schuld (welche man gerne jetzt den Griechen gibt).

Schuld

Wer trägt Schuld an einer Lawinenkatastrophe in den Alpen? Ist es der Schneefall, der erfahrungsgemäß doch recht regelmäßig passiert? Ist es die Politik, die die Flächenwidmung verantwortet? Oder sind es doch die Häuslbauer, die ihre fertigteilernen Lebensträume in unsicheres Gebiet platziert haben? Die Bauordnung? Der Klimawandel? Der Ski-Tourismus? Kapitalismus?

Es ist müßig, die Schuldfrage in einem derart komplexen System zu klären. Und es hilft auch nicht weiter.

Medien und Politik beschäftigen sich allerdings sehr gerne mit der Schuld. Der Boulevard schafft so Feindbilder und damit billige Zustimmung, die Politik kann von eigenen Versäumnissen ablenken. Die Ouvertüre zum kommenden Sparpaket ist schließlich schon jetzt das beliebte “Wir da unten, die da oben”-Spiel. Ein Akt der Hilflosigkeit.

Spätestens seit dem Entzug unseres Triple A hat das Niveau der Wirtschaftsmeldungen die der Sportberichterstattung erreicht.

Ich bin also äußerst unzufrieden damit, wie Medien und Politik die Krise aufarbeiten. Und mit dieser Unzufriedenheit bin ich nicht alleine. Was etwa Bundeskanzler Faymann in packenden 3:28 Minuten auf Youtube erklärt ist Folgendes:

  1. Bis vor zwei Wochen habe ich noch nie was von Anleihen gehört.
  2. Wir brauchen (ich brauche) Europa, weil die Kollegin aus Deutschland kennt sich da besser aus als ich.
  3. Ich hab’ die bösen Spekulanten auch nicht gern.

Dementsprechend strategisch überlegt sind auch die Aktionen der Politik: Wir haben einen Euro-Rettungsschirm, der nichts anderes ist, als das, was uns die Immobilienkrise eigentlich erst eingebrockt hat: Ein Müll-Papier bei dem zu viele Risiken bis hin zur Unüberschaubarkeit gebündelt und anschließend mit Gütesiegel verhökert werden. Dazu bekommen wir eine europäische Rating-Agentur, der bösartige Herabstufungen einfach verboten werden können. (“Sie wird doch unabhängig sein!” Das wird genauso der Fall sein, wie die Europäische Zentralbank laut Art. 123 AEUV keine Staatsschulden kauft.)

99%

Auch ich bin Teil der einkommensschwächeren 99%. Dennoch bin ich Aktionär, Gläubiger und Rohstoffspekulant, ich besitze Gold und sogar eine Immobilie. Ich lebe in materiellem Überfluss gemessen am Lebensstandard meiner Eltern, als diese so alt waren, wie ich heute bin. (Eine Tatsache, die wahrscheinlich auch für beinahe 99% der Österreicher gilt, und dennoch wird alles immer schlechter… Oder konnte deine/Ihre Mutter für die Durchschnittsentlohung von fünf Minuten Arbeit ein abendfüllendes Ferngespräch mit Brasilien führen? Konnte man 1986 für sechs Stunden Arbeit nach Bulgarien und zurück fliegen?)

Goldmünze 1.000 Schilling; aktueller Wert rund 500 Euro. Ende 2008 gab ich in meinem letzten Beitrag auf meiner damaligen Webseite den Tipp, Gold und/oder ETFs in Rohstoffen zu kaufen. Ergebnis: Gold +100%; Rohstoffe +25%. Macht mich das zu einem Mitschuldigen an der Finanzkrise?

Ich stelle fest:

  1. Wir leben in der besten Welt, die es je gab. Es gab nachweislich noch nie so wenig Hunger, Armut oder Krankheit wie heute. Diese Feststellung soll keinesfalls missverstanden werden: Es ist nur nicht alles so schlecht, wie die Menschheit denkt, was sie tut.
  2. Zwingend aus Punkt 1 ergibt sich für mich, dass Das System so grundlegend falsch nicht sein kann. Ich bin zwar der festen Überzeugung, dass wir dringend Verbesserungen benötigen, ich kann das Gerede vom alternativen Wirtschaften usw. aber nicht mehr hören.
  3. Ein Lebensstil auf Pump führt in Abhängigkeit. Dies gilt für Private ebenso wie für Staaten.
  4. Kurzfristiges Sparen ist dennoch kontraproduktiv, weil es tendenziell die Konjunktur abwürgt, und zu falschen Maßnahmen verleitet. Maßnahmen, die etwa der Jugend Chancen nehmen oder langfristig teuer sind. (Beispiel: Beamten-Stopp; weil hier etwa einem angehenden Richter nach zwanzig Jahren Ausbildung(!) die Karriere unter den Füßen weggezogen wird. Gleichzeitig verdienen Personal-Leasingfirmen an der Auslagerung von Arbeit an Dritte – aber das sind ja dann keine Personalkosten mehr.)
  5. Eine gemeinsame Währung gepaart mit autonomer Wirtschaftspolitik ist eine Zerreißprobe für jeden Wirtschaftsraum. Selbst wenn Griechenland heute schuldenfrei wäre, hätte Europa das Problem in ein, zwei Jahrzehnten erneut. Der Grund ist das Produktivitätsgefälle. Die Griechen machen weniger aus ihren Ressourcen. Sie müssen allerdings ihre (für sie selbst) teureren Waren mit unserem starkem Euro verkaufen.
  6. Ich fürchte politische Umbrüche aus falschen Schlüssen oder Motiven. Wir können unsere Staatsschulden nicht auf Basis “unten gegen oben”, “wir gegen die Banker” oder “Nord gegen Süd” sanieren.
  7. Ich hoffe darauf, dass die Krise als Chance gesehen wird.

Krise als Chance

Es ist an der Zeit sich der Bedeutung des Wortes Krise bewusst zu werden: Zeit für neue Ideen.

Wohnen, Energie und Verkehr

Österreich ist ein zersiedeltes Land. Die schier endlosen Batterien von Einfamilienhäusern nehmen enorme Flächen in Anspruch. Das hat mit der Idylle vom Haus im Grünen wenig zu tun. Die Häuser müssen alle einzeln beheizt werden bei Maximierung der Außenfläche. In der typischen Reihenhaussiedlung am Wiener Stadtrand, im Tullner Feld oder neben dem Gewerbepark einer typischen Gemeinde fehlen außerdem Nahversorgung sowie Arbeitsplätze. Dadurch entsteht Verkehr. Der Führerschein ist also der einzige Weg in die soziale Freiheit, und gleichzeitig der beste in die finanzielle Abhängigkeit.

Trotz vieler Autofahrer leistet sich Österreich aber dennoch einen hohen Grad an Infrastruktur außerhalb der Ballungszentren. Post oder Bahn sind gezwungen Filialen und Verkehrsverbindungen aufrecht zu erhalten, während die private Konkurrenz die lukrativen Geschäftsbereiche streitig macht.

Der Wahnsinn an der Sache ist, dass diese Entwicklung durch Subventionen (Wohnbau) und steuerliche Begünstigungen (Pendlerpauschale) gefördert wird. Abseits von der herrschenden Neiddebatte ist dieses System schlicht ineffizient. Die Volkswirtschaft verliert einen zu großen Teil ihrer Ressourcen durch Fehler der Raumplanung.

Das bedeutet Förderungen und Begünstigungen sofort zurückfahren (oder allermindest einfrieren). Gleichzeitig müssen auch die Städte lebenswerter werden. Die Stadt als Lebensraum muss für eine Jungfamilie finanziell aber vor allem qualitativ attraktiv sein. Dazu gehören Maßnahmen von Kinderbetreuung bis hin zu menschenfreundlicher Stadtplanung.

Kurzum: Nicht über die Krise schimpfen, sondern in die Stadt ziehen! (Hatten wir nicht 2009 eine staatlich subventionierte Auto-Verkaufsaktion, ähem Schrottprämie als allererste sinnvolle Krisenintervention?)

Unternehmensbesteuerung reformieren

Ein besonders unangenehmer Trend der vergangenen Jahre ist der Rückgang des unternehmensseitigen Steueraufkommens. Das bedeutet, dass Unselbständige einen immer größeren Anteil der Steuerlast in Österreich zu tragen haben. (Die Statistik Austria gibt mir hier allerdings gar nicht recht; vielleicht handelt es sich mehr um ein “Wir gegen sie”-Argument der Arbeiterkammern und Politiker.)

Sollte es stimmen, hat dies einerseits mit steuerlichen Erleichterungen für Unternehmen zu tun. Dazu zählt etwa die Gruppenbesteuerung (eingeführt 2005) oder Senkung der Körperschaftssteuer von 34% auf 25% (eingeführt 2005).

Andererseits hat der vermeintliche Trend womöglich auch Ursachen im Wandel unserer Wirtschaft, von der Produktion hin zur Dienstleistung, von materiellen Werten hin zu immateriellem Vermögen. Unternehmen besitzen dadurch immer mehr Flexibilität was etwa abgeschrieben oder wie und wo verbucht werden kann. (Lesetipp: Sind so schöne Zahlen, brandeins 11/2011)

Unternehmen tragen ebenso wie die Finanzämter enorm hohen Aufwand, um korrekt zu versteuern. KMUs können sich viel Bürokratie und Optimierungspotenzial gar nicht leisten; es profitieren die Großen.

Daher mein Vorschlag: Gleichzeitige Abschaffung jeglicher Art von Gewinnbesteuerung (KÖST) und Vorsteuerabzugsberechtigung. Ein Unternehmen würde am Ende des Tages nicht mehr den übrig gebliebenen Gewinn – nach viel Verwaltungsaufwand und Trickserei – versteuern, sondern ganz normal mit Umsatzsteuer einkaufen. Österreich hätte damit die einfachste Unternehmensbesteuerung weltweit, was nicht nur Anreiz für den Schritt in die Selbständigkeit wäre. Als Abfallprodukt fiele darüber hinaus enormes Missbrauchspotential weg: “Auf Firmenkosten ohne USt kaufen, privat nutzen” würde es dann nicht mehr spielen.

Wer nun argumentiert, dass dadurch alle Produkte teurer würden, dem sei gesagt, dass ja andere Steuern und enorme (tote!) Kosten wegfielen. Arbeit wird übrigens seit jeher so besteuert: Mit Dienstgeberanteil, einer Art Umsatzsteuer weit jenseits der 20%.

Politische Umsetzung

Krise der Demokratie – in letzter Zeit auch oft gehört. Ich wünsche mir eine politische Vereinigung, die sich per Ankündigung nach spätestens zwei Wahlen selbst auflöst. Damit wäre ein Verankern im Sattel der Macht von vornherein ausgeschlossen. Gleichzeitig könnten auch unpopuläre Maßnahmen – wie etwa meine Phantastereien – getroffen werden, weil man den Blick auf die nächste Wahl gar nicht machen müsste. Ich glaube, das Wahlvolk ist bereit für Politiker, die unpopulär und ehrlich sind. In der Schweiz stimmt das Volk für Steuererhöhungen, geht so etwas auch bei uns?

Ausblick

Ich weiß ebensowenig wie jeder andere auch, ob der Euro langfristig bestehen wird, oder nicht. Mit den genannten Vorschlägen ist das aber egal. Wir würden künftig weniger Euro, Yuan, Schilling_neu.docx oder Internet-Coins für Säulen unseres Wirtschaftssystems ausgeben müssen. Und das wäre gut so – egal was kommt.

Interactive Digital Signage (part 2)

Although our signage solution using Microsoft’s Kinect has been out in the field for a few months now we’ve decided to beat the big drum for it. My earlier blog post explains all the details, so here’s the buzz:

Im Wilden Osten: Eine Nacht in Sofia

Sofia, Bulgarien. Es ist Jänner und saukalt. Die Stadt ist in Schnee versunken, oder eher in dem, was nach schmelzen, erneut zufrieren, vermengen mit Abgasen und Bauschutt vom Schnee übrig bleibt.

Das schönste an Sofia ist zunächst jedes Ostblock-Klischee, das sich auf Anhieb erfüllt: Verrauchte Lokale, Maggie Entenfellners Hunde, Frauen in “Sommerkleidung” trotz eisiger Temperaturen, die Architektur des Kommunismus gepaart mit der sozialen Härte des neuen Systems.

Unser Hotel (Anel) ist ein morbider, aber dennoch empfehlenswerter Stützpunkt für erste Erkundungen. Nach drei Kirchen, einer Moschee, rund zehn österreichischen, demnächst wohl insolventen Banken ist der Rundgang aber auch schon wieder vorbei. Sofia hat bei Tageslicht wenig zu bieten.

Draußen kalt, gute Stimmung drinnen

Doch auch in Sofia gibt es Sehens- und Erlebenswertes. Selten habe ich an einem Wochenende durchgehend so gut (und preiswert) gegessen. Das Tempo in den Restaurants ist zwar gemächlich, das Essen schmeckt dennoch hervorragend. Die Brasserie serviert Steak, Tapas und kühle Drinks, in der Swinging Hall erleben wir anschließend Live-Musik vom Feinsten. Beim schüchternen Besuch im Striplokal trinke ich den teuersten Gin Tonic meines Lebens – auch eine Art Erlebnis.

Unsere östlichen Nachbarn haben also also viel zu bieten. Unser nächster Trip ist daher bereits in Planung.

 

Vom Zynismus der IT-Leute

Jahresbeginn ist die Zeit der guten Vorsätze. Ich habe mir vorgenommen, etwas für die Verständigung zwischen “normalen” Menschen und Nerds zu tun, bzw. selbst ein wenig verständnisvoller zu sein. Aber alles der Reihe nach:

Ich höre immer wieder Beschwerden, ITler seien wahre Unmenschen, die den Büroalltag vieler Unternehmen mit Sarkasmus und Ironie überschwemmen. Von der gegnerischen Seite – gleichsam egal aus welcher Branche oder Position – höre ich, die jeweiligen DAUs seien besonders schlimm und grundsätzlich verständnislos gegenüber der IT.

Wie ich es erlebe, führt die geschilderte Situation zu Subkulturen innerhalb der Unternehmen. IT Profis fühlen sich dann dort grundsätzlich mehr ihren Projekten oder technischen Religionsbekenntnissen als ihren Arbeitgebern zugehörig. Ergebnis sind einerseits zwar Meilensteine des Humors, andererseits aber auch viel Konflikt- und Frustrationspotential.

Zynismus, wörtlich Hündigkeit, bezeichnet eine Lebensanschauung, die durch Spott und Missachtung von Konventionen geprägt ist. Dabei ist oft der einzige Hund, mit dem ITler zu tun haben, der Höllenhund Kerberos, ein Protokoll zur Authentifizierung über Netzwerke. Der Großteil von uns ist nämlich nett und beißt nicht;-) Foto: Mathias, Mosambik 2011.

Nun, viele Vorurteile mögen stimmen, das Pauschalurteil Unmensch will ich aber zurückweisen. Die IT-Leute, die ich kenne, zeigen soziales Engagement durch Freiwilligenarbeit oder überdurchschnittliches Spendeverhalten. Der Referenz-Nerd ist Pazifist, an tausenden Dingen außerhalb der IT interessiert, reist viel und ist grundsätzlich eher freundlich. Die komplette Industrie fußt dank Open Source auf dem Grundsatz gemeinschaftlichen, unentgeltlichen Teilens – in allen anderen Wirtschaftsbereichen wäre das eine reine Utopie.

Kurzum: Es gibt definitiv das oben geschilderte Problem, aber es ist kein charakterliches.

Ein Problem zweier Welten

Vielmehr bin ich der Überzeugung, dass es ein Problem zweier, stark unterschiedlicher Realitäten ist. Dies erzeugt ein Spannungsfeld, mit dem ITler tagtäglich konfrontiert sind. Auf Dauer ist so etwas aufreibend – die (verzweifelte) Reaktion ist dann oft sarkastisch.

Auf der einen Seite befindet sich die Welt des Unternehmens und des Managements; es ist die Bürowelt hierarchischer Ordnung mit (anscheinender) Beliebigkeit der Verwaltungsentscheidungen.

Im krassen Gegensatz dazu steht die technik-getriebene Welt der IT; hier sind gute Mitarbeiter unerreichte (aber auch unüberprüfbare) Experten auf ihren Gebieten – Entscheidungen basieren deutlich öfter auf Fakten oder, zumindest, technischer Notwendigkeit.

 +++ Spannungsfeld zwischen non-IT und IT +++
                  Bürowelt                IT
--------------------------------------------------------------------------
Entscheidungen    Fingerspitzengefühl     README.txt
der Weg dahin     Meetings                Konkurrenz und Evolution
Motivation        mission statements      das beste System bauen
Organisation      hierarchisch            (latent) in Task Forces
Qualität          langfristig nebulös     automatisiert überprüfbar
Fehler            Ausnahmen einführen     Totalabsturz
Fehlerbehebung    schwer                  STRG-Z
ArbeitsINPUT      skaliert mit Zeit       skaliert mit Konzentration
ArbeitsOUTPUT     linear zur Fallzahl     Zahl unterschiedlicher Fallarten
Projektmanagment  schwerfällig, genau     agil, trial & error
Planbarkeit       Excel                   Glaskugel
Umsetzung         Papier                  Code
Wartungsaufwand   Wartung?                hoch

Vielleicht hilft ein Beispiel zur Verdeutlichung meiner Gedanken.

Als ich 2002 “richtig” zu arbeiten begonnen habe, wurde mein Mitarbeiter-Account in die Unix-Gruppe “edvz” gesteckt. Das EDV-Zentrum war zwar zu dieser Zeit bereits Geschichte, das zugrunde liegende IT-System ließ sich aber nicht mehr so leicht umbiegen. (Wozu auch?) Inzwischen gab es eine neuerliche Umbenennung von ZID in IT-S. Accounts sowie aber vor allem auch deutlich wichtigere Systeme machen solche Aktionen aber selten mit. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen “Realität” und dem, wie sie in Systemen abgebildet wird.

Als IT-Mitarbeiter ist man also täglich mit diesen zwei Welten konfrontiert. Einerseits hört man, wie etwas laut Management, Verkauf oder Gesetzgeber zu sein hat oder angeblich ohnehin bereits so ist, andererseits liegt vor einem das tatsächliche Regelwerk gegossen in Programmcode. Und dieser kennt keine Ausnahmen und duldet keinerlei Fehler oder Mehrdeutigkeiten. Das Problem zieht such durch alle betrieblichen Sphären (und erreicht bei HR seinen traurigen Höhepunkt).

Ich bin überzeugt, dass bei meiner Hausbank (zurzeit heißt sie übrigens gerade Bank Austria Unicredit AG) auch heute noch im Hintergrund die Abrechnungsprogramme, Clearing-Skripts und automatisierten Risikoanalysen der Zentralsparkasse mit denen der Creditanstalt konkurrieren. Die Hausbank, die sich – seit sie mich als Kunden hat - drei Mal umstrukturiert hat, besitzt mit Sicherheit auch zynische IT-Mitarbeiter. IT-Mitarbeiter, die ganz genau wissen, dass der Logotausch auf der Homepage noch keine andere Bank aus ihrem Unternehmen macht.

Klar, man könnte nun mit Kernprozessen und der reinen Hilfsfunktion von IT kontern. Aber wenn ich mir am Beispiel der Banken ansehe, woher die Konkurrenz kommt (Direktbanken, Mobilfunker und NFC, peer to peer finance), würde ich sehr schnell Information als Kernressource meines Unternehmens ansehen. Und damit wäre die IT wissensintensiver Unternehmen auf Augenhöhe mit dem Controlling – zugegeben, das ist nun wirklich eine Utopie…

Versöhnliches

Kommen wir zum versöhnlichen Abschluss, immerhin ist’s ja mein Neujahrs-Blog.

Ich stelle fest, Nicht-ITler haben oft keine Vorstellung davon, welche Tätigkeiten viel und welche wenig Aufwand auf meiner Seite bedeuten. Mit größter Selbstverständlichkeit wird da oft ein komplettes Datenbank-Redesign eine Woche vor dem Produktivtermin gefordert, beinahe ängstlich wird manchmal gefragt, ob man die Schriftfarbe jetzt überhaupt noch anpassen könnte.

In Zukunft werde ich die Komplexitäten meiner Arbeit besser darlegen. Vielleicht wird dann klar, dass auch ich kein so unguter Hund bin.

Service Terminal Plus, oder wie ich lernte, Automaten zu bauen

Das für Außenstehende wohl spannendste, weil greifbarste, Projekt meiner Tätigkeit ist das Service Terminal Plus. Mit beinahe 500.000 Euro Budget geht am Campus WU der Nachfolger der heutigen Selbstbedienungsterminals in Betrieb. Zeit für einen Erlebnisbericht, der sich für mich wie eine Hintergrundgeschichte zur (zweiten) Mondlandung schreibt…

Beim Service Terminal Plus handelt es sich um einen interaktiven Terminal, der RFID-Leser, Kartendrucker, Touchscreen, Webcam, Bezahlfunktion für Bankomat und Kreditkarte, Ausdruck auf Normal- und Zeugnispapier im A4-Format, zusätzlich Rechnungsdruck auf Thermopapier sowie Lichtsteuerung vereint. Kein Wunder also, dass der interne Codename des Projekts Riesenkrake lautet, besitzt der Automat wie sein tierisches Vorbild (mindestens) acht Arme und neun Gehirne…

Aktuelle Version der SB-Terminals an der WU Wirtschaftsuniversität Wien: Foto für den Ausweis, Rückmelden inkl. Bezahlen, Ausdruck von Zeugnissen und Bestätigungen.

Die aktuellen SB-Terminals wurden 2001 von Siemens geliefert, zwischenzeitlich mussten einige Hardwarekomponenten getauscht werden. Die Software wurde 2006 aufgrund vieler Ändeurngswünsche komplett neu in-house entwickelt.

Dank der in zehn  Jahren Betrieb gesammelten Erfahrung wollen wir nun einen Automaten bauen, der in seiner Wartbarkeit deutlich verbessert wird. Die spannendsten Änderungen spielen sich allerdings auf Seiten der Benutzungstauglichkeit ab, wo wir in den vergangenen Monaten einige interessante Ideen geboren, aber vor allem auch zur Reife gebracht haben.

Künftiger Standort ist das LLC am Campus WU. Wir nehmen Anleihe an der Architektur und holen den "Geist des Gebäudes" ins Projekt.

Eine der ersten Studien zum Service Terminal Plus.

Barrierefreiheit: Einer für Alle!

Ein Thema, das keinesfalls zu kurz kommen darf, lautet Barrierefreiheit. Die bisherige Lösung bot zehn Terminals für normale Menschen und einen für Behinderte.

Wem sich beim vorigen Satz auch der Magen umdreht, mir geht’s genau so.

Wir wollen weg vom Separieren von Menschen mit Behinderungen hin zu Gleichbehandlung. Das heißt im konkreten Fall, alle Terminals werden (mit Kompromissen) barrierefrei sein. Das bedeutet aber auch, dass viele Studierende sich werden bücken, Rollstuhlfahrer eben auch strecken müssen. Mir gefällt der Ansatz, etwas fundierter nennt sich das Inklusion.

Die Bedienelemente werden auf einem Kragarm platziert, der für Rollstühle unterfahrbar ist.

Zielsetzung mit dem nächsten Protoypen wird unter anderem sein, Rollstuhlfahrer testen zu lassen, um so zu verwertbarem Feedback abseits abstrakter Gesetzesnormen zu kommen.

Technische Neuerungen

Doch auch technisch wird sich viel tun. Seit Smartphones und Tabs will niemand mehr einen resistiven Touchschirm bedienen – die neue Generation ist kapazitiv und bietet deutlich erhöhten Bedienkomfort. Teure, weil vandalismussichere Tastaturen sind dank dieser Technologie ebenso Geschichte – das erledigt neuerdings die Software.

Die größte Innovation scheint uns aber im Bereich des Druckens zu gelingen: Während in der aktuellen Version immer wieder Papierstaus auftreten, glauben wir, das Problem nun endgültig geknackt zu haben. Dank Modifikation des Beförderungsmechanismus wird der Drucker rückwärts verbaut. Das bedeutet, dass künftig sämtliche Wartungsarbeiten von hinten durchgeführt werden, während vorne das User Interface keine Ladeklappen benötigt, also “clean” bleibt. Gemäß dem alles beherrschenden Motto “Was nicht existiert, geht nicht kaputt”, kann Papier nirgends mehr stecken bleiben. Es fällt einfach nach unten in eine Lade.

Das Innenleben eines Lexmark T652dn: Wir ändern die Richtung des Papierauswurfs und erreichen: Drucken vorne - Nachfüllen hinten.

Einheitliches User Interface (UI)

Als Softwareentwickler denke ich bei UI vorrangig an das, was sich letztlich am Bildschirm tut. Doch beim Service Terminal Plus ergeben sich durch den Möbelbau ungeahnte Möglichkeiten: Wie am Foto der aktuellen Generation erkennbar, ist das physische UI zurzeit stark zerklüftet. Drucker, Bankomatkassa und Kartenleser befinden sich in einem separaten Möbelstück rechts des Bildschirms. Der Zahlungsbeleg hingegen wird unterhalb des Bildschirms gedruckt, weit weg also vom eigentlichen Bezahlvorgang. Zumindest ich finde so etwas verwirrend.

Am Mockup des Möbelbauers werden die Komponenten verortet. Zusammengehöriges wird mittels Fräsung umrandet und dadurch zusammengefasst. Eine Lichtsteuerung leitet schließlich den Benutzer von Bedienfeld zu Bedienfeld.

Agil versus legal, oder: Grenzen des Outsourcings

Wie auf den Bildern erkennbar haben wir Spezialmöbelbauer im Team, mit denen die Zusammenarbeit auf Basis von Mock-ups abläuft. Es ist unglaublich hilfreich und effizient, ein Projekt anhand eines an-greifbar-en Prototypen zu be-greifen, anstatt detailliert zu planen. Das Gesamtprojekt ist schlicht zu komplex, als dass man es abschließend spezifizieren könnte. Trial and Error ist hier der richtige Weg.

Eine der größten Herausforderungen des Projekts liegt daher weitab aller technischen Sphären: im Vergaberecht, an das sich öffentliche Auftraggeber halten müssen. Beschaffungen ab gewissen Schwellenwerten haben über Ausschreibungen zu erfolgen. Was etwa bei Standardmöbeln zu transparenter und effizienter Haushaltsführung führt, stößt bei derartigen Spezialthemen an Grenzen. Die Aufgabe lautet daher, gemeinsam mit einem vertrauenswürdigen Partner ein Produkt zu entwerfen, dass später als Referenz für eine Ausschreibung an einen unbekannten Bieterkreis dienen soll. Im Regelfall stellt sich diese Schwierigkeit nicht, da oft so genannte Integratoren wie IBM oder eben Siemens eine Gesamtleistung anbieten. Die Erfahrung lehrt uns aber, dass es viele Themen gibt, die besser in-house gelöst werden, da ein komplexes Projekt nicht beliebig auf Externe verteilbar ist.

Getting real!

Wer sich von den Entwicklungen aus nächster Nähe überzeugen will: Bereits im Sommer 2012 soll “Nummer 1″ noch am Altstandort in Betrieb gehen. Dann wird sich zeigen, ob sich die vielen, vielen Arbeitsstunden hinter Monitoren, Mock-ups und Kaffeemaschinen rechnen…

Machen wir unsere eigenen Schulden!

Als Kind war eine meiner liebsten Beschäftigungen zusammen mit meiner Oma Geld zu zählen. Jeden Abend musste im Kaffeehaus der Tagesabschluss gemacht werden, und da konnte ich ganze Türme aus Münzen bauen. Später dann galt meine Faszination mehr den handlicheren Scheinen, inzwischen tut’s auch das Online-Banking. Hochgerechnet muss ich in meinen dreißig Jahren in Summe etwa 2.5 Millionen Euro in Händen gehalten und von hier nach dort verschoben haben. Seltsamerweise habe mich die längste Zeit nicht gefragt, was ich da zu Türmen schlichte, aus Automaten hole oder dem GIS überweise.

Geld. Es gibt vermutlich kein zweites Thema, dem ebenso so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, während man gleichzeitig so wenig darüber weiß.

Seit Immobilienblase, Finanz- und Schuldenkrise interessiert mich das Thema brennend. Als Softwareentwickler mit Naheverhältnis zu den Wirtschaftswissenschaften schreibe ich hier allerdings keinen Wikipedia-Artikel über Geld.

Vielleicht ist es die logische Konsequenz des technischen Voranschreitens, vielleicht ist es aber auch die herrschende Unzufriedenheit mit dem Finanzsystem: Im Internet finden sich jedenfalls zahlreiche Experimente rund um neue Formen von Geld.

Ich glaube, das Internet wird in naher Zukunft Alternativen zum uns bekannten Geld bieten.

Neue Formen des Bezahlens

Dwolla etwa ist ein Technologie-Unternehmen, das Bargeld online überweisen lässt. Die Disagio-Sätze liegen deutlich unter jenen arrivierter Kreditkartenunternehmen, was das Selling Argument des Produkts ist. Man benötigt dafür ein mit dem Dwolla-Netzwerk verbundenes, konventionelles Bankkonto.

Damit passt Dwolla in die Reihe von Angeboten, die unsere alltägliche Welt des Bezahlens nach und nach verändern, aber wahrscheinlich nicht grundlegend revolutionieren werden. Ebenso interessant ist Jumio (eigentlich nur weil aus Österreich), oder das, was rund um NFC im Kommen ist.

Bitcoin: Nerds drucken ihr eigenes Geld

Disruptiver ist da schon Bitcoin, eine digitale Währung, die dezentral auf den Rechnern der Teilnehmer geschöpft wird. Diese müssen dazu ihre Stromrechnung in die Höhe treiben, wenn ihre Rechner an einer kryptographischen Aufgabe heiß laufen (Bitcoin number crunching auf Wikipedia). Als Ergebnis erhält man einen digital signierten, fälschungssicheren Bitcoin, der – analog zu Edelmetallen – nicht beliebig vervielfältigbar ist. Die Währung ist daher inflationssicher, was politisch motivierte Anwender als Gegenentwurf zum vorherrschenden Geldsystem anpreisen.

Man stelle sich nur vor, wir hätten alle unsere eigenen Notenpressen zuhause stehen, die mit jedem gedruckten Schein jeweils ein wenig länger zum Produzieren benötigen, um schließlich im Jahr 2033 endgültig stehen zu bleiben. Unglaublich? Bitcoin ist real und wird gegen ebenso (ir)reale Währungen gehandelt.

Was will man eigentlich vom Geld?

Ein Bezahlsystem ist meines Erachtens nach elegant, wenn es

  • anonym und
  • günstig

ist. In Österreich gibt es zwei Systeme, die diesen Ansprüchen genügen: Bargeld und Quick. In der Online-Welt gibt es keine Bezahlart, die diese Anforderungen auch nur annäherungsweise erfüllt. E-Cash wäre anonym gewesen, hätte aber ein Referenzkonto bei einer Bank benötigt. Das System ist außerdem gescheitert.

Gehen wir also zur Frage zurück, was Geld wirklich ist. Das uns heute bekannte (wertlose) Fiatgeld entstand in Europa, als der Handel am Transport zu großer Summen in Münzen scheiterte. Vertrauenswürdige Gebietskörperschaften oder Banken begannen, Geld auf Papier zu drucken, was auch für die Emittenten den Vorteil hatte, Geld aus Nichts erfinden zu können. (Das führte wiederum zu  Episoden gallopierender Inflation.) Der Wert des Gelds war ab diesem Zeitpunkt die Schuld eines anderen. Anders formuliert: Geld ist Vertrauen in die Bonität des Emittenten.

Es ist eine Versprechen auf Papier, sonst nichts. (Sehenswert: Der 10 Millionen-Schein Simbabwes rechts unten.)

Heute entsteht Geld, entgegen dem Wissen vieler Menschen, nicht ausschließlich bei den Notenbanken; ein Großteil des Geldes wird bei normalen Geschäftsbanken im Rahmen der Kreditvergabe geschöpft. Somit ist die Aufgabe der Banken folgende: Überführung einer speziellen Schuld eines Einzelnen (Wohnbaukredit von Mathias Frey) in ein global gültiges, handelbares Versprechen der Zentralbank an alle (100.000 Euro).

Dies ist die – wenn auch äußerst verkürzt wieder gegebene – Funktionsweise unseres Geldsystems seit ein paar hundert Jahren.

Zeit für ein Gedankenexperiment

In einer Welt zunehmend voller Software sind uns keine Grenzen gesetzt. Was pathetisch klingen mag, stimmt nirgendwo so sehr, wie beim Geld, da es eine ebenso modellhafte Erfindung der Menschen wie Software ist.

Und nun kommt die moderne Welt ins Spiel: Was wäre, wenn wir die Rechenleistung sowie die Datenbasis hätten, die Bonität der Schuldner online zu überprüfen? Wir müssten bei Transaktionen keine abstrakten Euros oder Dollars der Banken handeln. Wir könnten diesen Zwischenschritt auslassen und unsere eigenen Schulden handeln.

Mit Systemen wie dem Web of Trust ist die Infrastruktur dafür vorhanden.

Wenn also Raiffeisen Rudolf Taschner von den Vorzügen kleiner Einheiten sprechen lässt, dann denken wir diesen Gedanken konsequent zu Ende: Die kleinste Einheit sind wirtschaftliche Individuen wie Privatpersonen oder Unternehmen. Könnten diese ihre eigenen Schulden handeln, wäre es zumindest eine interessante Idee.

Ich muss mir dann eben ein paar Münzen aufheben, damit ich auch im Alter noch Türme stapeln kann. Alles geht eben nicht digital.

Afrika entwickeln!

Wie ich diese Zeilen schreibe, sitze ich nach zweiwöchigem Abenteuer in einer schicken Lounge am Flughafen von Johannesburg. Hinter mir retten Merkel und Sarkozy parallel auf BBC und Al Jazeera den Euro – zum wievielten Mal dieses Jahr eigentlich? Mein Handy findet ein offenes WLAN, ich hole mir noch Tonic und Sandwiches, Boarding für den Rückflug startet erst in einer guten Stunde. Zeit also für einen kleinen Reisebericht.

Gut ich war in Afrika. Wieder einmal. Beeindruckend, Sternenhimmel, Menschen in Hütten, wilde Tiere, Armut, blablabla.

Ich könnte nun von Highlights schreiben und ein paar nette Bilder hochladen. Doch das will ich diesmal nicht tun.

Während der Reise habe ich Matt Ridleys faszinierendes Buch The Rational Optimist: How Prosperity Evolves gelesen, das mich einerseits in bisherigen Meinungen bestätigt, andererseits überrascht oder gar schockiert hat. Was hier folgt ist daher weniger ein Reisebericht, sondern vielmehr eine angewandte Buch-Rezension.

Das Ende der “Dritten Welt”

Meine erste Fernreise ging 1987 nach Thailand. Ich erinnere mich nur verschwommen an schreckliche Bedingungen wie Armut und Krankheit. Ich habe das Bild bettelnder Leprakranker an jeder Straßenecke nie vergessen, ein prägender Eindruck für mich mit fünf Jahren.

Inzwischen war ich noch drei Mal im Land des Lächelns, und es ist wie seine Nachbarn kaum wieder zu erkennen. Der wirtschaftliche Aufschwung hat in den vergangenen 25 Jahren Südostasien radikal verändert, wie man am Energieverbrauch erkennen kann.

Kochen mit Gas anstatt Regenwald. (Malaysia/Borneo 2010)

Die Daten erzählen, aus meiner Sicht, erfreuliche Geschichten von Mobilität, Heizungen, Kommunikation, industrieller Produktion (Arbeitsplätze), Konsum und sogar Entlastung natürlicher Lebensräume dank Verbrennung fossiler Brennstoffe anstatt von Holz. In anderen Worten, das ist gewonnener Wohlstand.

Seit dem Beginn der weltweiten Finanzkrise 2008 ist immer öfter zu hören, dass unser kapitalistisches System nicht funktioniere, dass der freie Markt ausgedient hätte. Ich finde diese Aussagen nur noch menschenverachtend und gefährlich (weil sie in millionenfacher Auflage nicht folgenlos bleiben werden).

Die Armut hat sich weltweit sowohl in absoluter als auch relativer Zahl reduziert, wobei ein starker Zusammenhang zwischen Marktwirtschaft und eben dieser Entwicklung zu erkennen ist. Ja, es gibt Schattenseiten, aber letztlich sollte sich jeder Teilzeit-Utopist folgende Frage stellen: “Würde ich lieber in einem Land mit großer politischer und wirtschaftlicher Freiheit geboren werden, oder beispielsweise in Simbabwe, Kuba, Nordkorea oder Burma?” (China lasse ich als Ausnahme nicht gelten, da es aus wirtschaftlicher Perspektive nicht mehr kommunistisch ist. Im Gegenteil, interessant ist der Zusammenhang zwischen den Reformen ab 1978 und dem Wirtschaftsaufschwung.)

"Now everyone can fly!" Mit dem Billigflieger Air Asia quer durch Asien. (Brunei 2010)

Der Energieverbrauch ausgewählter afrikanischer Länder sieht im selben Zeitraum leider anders aus (die Auswahl beruht lediglich auf bisherigen Reisezielen). Außerhalb afrikanischer Städte herrscht nach wie vor großteils Subsistenzwirtschaft. Die Menschen sind also auf das angewiesen, was sie selbst produzieren. Was in Bobo-Träumen romantisch und noch dazu “bio” klingen mag, bedeutet in der Realität schlicht folgendes: Keine Versorgungssicherheit, kaum Ressourcen für Bildung oder Freizeit bei gleichzeitig enormem Flächen- und Wasserbedarf der ineffizienten Landwirtschaft.

Kochen/Backen mit Holz zerstört Lebensräume und führt zu Erkrankungen der Atemwege, einer unterschätzten (weil unspektakulären) Todesursache in der Dritten Welt. (Ägypten 2004)

Noch erschreckender als der stagnierende Energieverbrauch liest sich der Vergleich der Lebenserwartung derselben Länder: Ein Österreicher wird beinahe doppelt so alt wie ein Swasiländer. (Der Einbruch der Länder des südlichen Afrika ab etwa 1990 hat mit HIV/Aids zu tun.)

Das andere Afrika

Doch genug der schlechten Nachrichten. Afrika passt dennoch nicht ausschließlich ins Bild, das Entwicklungshilfe-Organisationen jetzt zur Weihnachtszeit wohl wieder gerne zeichnen.

Der Kontinent hat eine weitgehende Abdeckung mit GSM-Mobilfunk. Mangels Bankkonten für Jedermann blüht Bezahlen via SMS, was Afrika wohl zum Vorreiter in Sachen mobile paymentmacht.

Busstation mit share taxis, DEM Transportmittel Afrikas (Südafrika 2005)

Die Menschen sind unternehmerisch tätig. Ob Lebensmittel, Kleidung, Kunsthandwerk oder Handy-Wertkarte; man kann alles überall erstehen. Mit einer Flotte an Minibussen (share taxis) wird der de facto nicht existente öffentliche Transport ersetzt – leider mangelt es hier stark an Sicherheit.

Piri Piri aus Eigenproduktion entlang der Straße. (Mosambik 2011)

Länder wie Botswana oder Mauritius sind heimliche Wirtschaftswunder. Südafrika ist in urbanen Regionen wie Durban, Jo’burg oder Kapstadt entwickelt wie Europa oder Nordamerika. Das dort angesiedelte Human- und Finanzkapital sorgt in ganz Afrika für Investitionen; noch zahlreicher sind diese Kapitaltransfers inzwischen aus China.

Auch das ist Afrika: Wirtschaftsmetropole Kapstadt mit Bürotürmen, Hafen, Shopping-Meilen, Touristen, usw. (Südafrika 2005)

Was also tun?

Wenn man selbst miterlebt hat, wie eine hungernde Mutter ihr Baby gegen ein paar Dollar verkaufen will, dann muss man etwas tun. Isabella und ich haben damals 2008 an der namibisch-angolanischen Grenze unsere Essensvorräte und nicht mehr benötigte Kleidung verschenkt. Doch das diente natürlich vielmehr zur Beruhigung unseres eigenen Entsetzens, als es nachhaltige Hilfe darstellte.

Ich bin inzwischen der Überzeugung, dass klassische Entwicklungshilfe lediglich gut gemeint aber wenig effektiv ist. Hier also ein paar Ansätze zur echten Hebung des Wohlstands. Teilweise mögen sie radikal klingen; aber ich bin streitbar.

Tourismus

Tourismus schafft Jobs (Tansania 2006)

Tourismus ist ein Wohlstandsbringer für Hotelkonzerne ebenso wie für die lokale Bevölkerung. Tourismus ist ein Dienstleistungs-intensiver Wirtschaftszweig, was bedeutet, dass viele Personen ausgebildet und bezahlt werden. Rund um Flughäfen und Hotels entstehen Straßen, Kraftwerke und Wasserversorgung. Sofern es etwas gibt, was wirklich jeder Einzelne tun kann, dann bedeutet es hinfahren und Geld ausgeben. Aber bitte nicht so einen Schwachsinn fürs gute Gewissen machen.

Landwirtschaft – Subventionen

Die europäische Agrarpolitik ist ein Verbrechen an der Dritten Welt. Die EU predigt zwar den freien Handel, sperrt mit Subventionen in die eigene Wirtschaft aber geschickt die Entwicklungsländer aus. Ich habe an den Grenzen zwischen Namibia und Sambia bzw. Simbabwe tausende Menschen Schlange stehen sehen, die sich Brot im Nachbarland kaufen mussten. Brot auf europäischem Preisniveau wohlgemerkt, bei deutlich niedrigerem Medianeinkommen der Bevölkerung.

Transport und CO2-Emissionen könnte man der Forderung nach verstärktem Handel mit Lebensmitteln nun entgegenwerfen. Aber das Konzept der food miles ist ohnehin sehr schwach, um eine Vergleichbarkeit hinsichtlich Umweltschädigung zu erreichen. (Das Lammsteak braucht vom Supermarkt auf den Teller doppelt so viel Energie, wie von Neuseeland nach Österreich. Wer sich wirklich Sorgen um CO2 macht, sollte aber ohnehin gar kein Fleisch essen…)

Landwirtschaft – “Bio”-Treibstoffe

Kein Themenwechsel. Wer fragt, warum die Lebensmittelpreise 2008 auf Rekordhöhe geklettert sind, dem werden Schauermärchen von üblen Spekulanten erzählt. Doch die gab es zuvor auch schon. Vielmehr ist die Preisexplosion Ergebnis mehrerer Einflüsse, wie etwa der gesteigerten Nachfrage aus Asien (warum, siehe oben), Zunahme an Fleischkonsum, leidigen aber natürlichen Ernteausfällen und der gesetzlich verordneten Verwendung landwirtschaftlicher Produktionskapazitäten zur Erzeugung von “Bio”-Treibstoffen.

“Spiel nicht mit dem Essen, in Afrika verhungern die Kinder”, hörte ich früher häufig. Inzwischen betanken wir unsere SUVs mit dem Essen dieser Kinder. Die EU – aber auch andere Staaten – hat in ihrer Biokrafstoff-Richtlinie eine schrittweise Erhöhung des Anteils von Kraftstoffen aus landwirtschaftlicher Produktion vorgeschrieben. Nun werden auf europäischen Feldern Raps, in den USA Mais und Soja, in Brasilien Zuckerrohr oder in Malaysia Palmöl zur Kraftstoffgewinnung gepflanzt. Eine objektive (CO2-)Gesamtbilanz ist schwer zu bekommen, die Flächenkonkurrenz mit üblicher Landwirtschaft ist jedenfalls ein Faktum. Bio, juhu!

Pharmaforschung

Survival Kit für die Tropen. Leider für viele Leute in der Dritten Welt nicht zu bezahlen. (Brasilien 2003, nicht Afrika)

Die Forschung nach neuen Wirkstoffen ist wenig überraschend ein extrem kostspieliges Abenteuer, das im freien Markt nicht zum gewünschten Ergebnis führt. (Ich habe nicht umsonst oben von Schattenseiten gesprochen, aber wer hat schon bis hierher gelesen?) Die Politik hilft mit Patenten, Forschungsförderung und großzügigen Subventionen zwar nach, doch ein Mittel gegen Haarausfall kann letztlich in Industrieländern gewinnbringender verkauft werden, als ein noch so wirksamer Impfstoff gegen einen tropischen Parasitäten. Die Pharmaforschung gehorcht dem Markt, Spenden wäre sinnvoll.

Regierungen und Bürokratie anstatt moderner Rechtsordnung und funktionierendem Geldwesen

Bleiben wir bei Parasiten: Ich habe nicht umsonst meine Reisepassnummer in Afrika auswendig gelernt. Eine Straßenkontrolle hier, ein kleiner Permit dort. Drei Stunden für einen Grenzübergang, lächerliche Stempel und Vorschriften, Formulare, usw. Der Korruption wird somit Tür und Tor geöffnet – der wohlstandserzeugende Teil der Bevölkerung wird an seiner Arbeit gehindert.

Pendler am Weg zur Arbeit; ein paar Stunden jeden Tag an der Grenze. (Niemandsland zwischen Südafrika und Mosambik, 2011)

Selbes Bild beim Geld- und Rechtswesen: In Tansania herrscht ein alternatives Rechtssystem, weil der Staat nicht effizient genug ist. Das macht aber überregional und international Probleme. In Mosambik habe ich Euros teuer verkauft, da auch via Banken nicht an ausländische Währungen zu kommen ist. Dies alles hindert die Wirtschaft am Entstehen.

Hoffen wir auf Besserung – es kann wahrscheinlich wenig von außen getan werden.

Zum Abschluss

Ich habe diese Zeilen geschrieben, weil mich viele Erlebnisse auf meinen bisherigen Reisen nach Afrika (immerhin zehn) tief geprägt und überrascht haben. Und weil ich die stereotypen Bilder und Meinungen so sehr hasse. Meinungen von Leuten, die off the beaten track mit dem Lonely Planet bewaffnet im “echten” Afrika waren, wo das auch immer sein mag. Leute,  die von CO2-Reduktion, Biolandwirtschaft und mehr Staat statt Konzernen reden, aber SUV wegen der Sicherheit fürs Kind fahren. Wie heißt es so schön?

The road to hell is paved with good intentions.

Ich hoffe, dass ein großer Teil Afrikas in den nächsten 25 Jahren dem Vorbild Südostasiens gefolgt sein wird – ich bin sogar sehr zuversichtlich.

Wer’s bis hierher ausgehalten hat, hat sich ein paar Fotos verdient.

Schluss mit den Apps!

UPDATE: WUdoo x5 gibt’s inzwischen unter short.wu.ac.at/wudoo - plattformunabhängig und frei verfügbar.

Bevor ich meinen digitalen Rundumschlag gegen Office-Dokumente oder SharePoint beende, um endlich wieder über Dinge, die ich kreiere anstatt nur kritisiere, zu schreiben, muss ich mich hier noch einem Übel annehmen: dem Hype um Apps.

 

Vergangene Woche sprach Sir Tim Berners-Lee in der Spanischen Hofreitschule anlässlich des future.talk 2011  über die Freiheit des World Wide Web. (Dazu: “Das WWW war ein Erfolg, weil es keine Patente gab” auf derStandard.at)

Das Internet ist nicht erst seit dem Arabischen Frühling politische Bühne: Information kann nur dort frei fließen, wo Telekom-Provider und deren Gesetzgeber Netzneutralität garantieren. Abseits der Frage der wertneutralen Datenübertragung ist auch die Datenspeicherung ein brisantes Thema: Immer mehr Content wandert von dezentralen Servern in Richtung Facebook; ein beängstigendes Phänomen, das mich übrigens zur Wiederbelebung dieses Blogs brachte. Die dritte Komponente schwindender Informationsfreiheit ist schließlich der Trend weg vom plattformunabhängigen WWW hin zu (mobilen) Apps. Denn diese sind an Betriebssysteme gebunden und unterliegen der Zensur der Marktplatzbetreiber.

Doch Apps sind gerade modern und somit cool. Und daher beginnt meine Geschichte der Abneigung gegenüber Apps auch ganz anders, und zwar als Erfolgsgeschichte:

WUdoo: (m)eine Success-Story

Als spätestens 2009 Apple’s iPhone seinen Siegeszug durch Österreichs Mobilfunklandschaft begonnen hatte, wurde uns an der WU Wirtschaftsuniversität Wien eines klar: die Zukunft der Nutzung unserer Services liegt (auch) am Smartphone. Genug dieser Erkenntnis, es war Zeit für Nägel mit Köpfen:

Mit der persönlichen Kursübersicht war jedenfalls schnell ein sinnvoller, mobiler Anwendungsfall gefunden. Für die Entwicklung der App holten wir uns Martin Kahr ins Boot, ein absoluter Profi auf der Apple-Plattform – die Zusammenarbeit war unkompliziert, erfolgreich und inspirierend zugleich! Das Backend wie Datenbankabfragen, Authentisierung, etc. hatte ich zwischenzeitlich mit viel Vorfreude in den Fingern programmiert.

WUdoo, Jänner 2010 - die erste universitäre App Österreichs.

Meine Frau Isabella stiftete den Namen WUdoo für das Projekt, das bis dahin holprig als WU iPhone App firmierte.

Die App ging in den Review-Prozess, darauf folgte ungeduldiges Warten über Weihnachten und schließlich, kurz nach Neujahr, war Apple mit deren Voodoo fertig und WUdoo konnte aus dem App Store heruntergeladen werden:

Und es war ein voller Erfolg;-)

Innerhalb kürzester Zeit hatten wir rund 3.500 Installationen. Ein erstaunlicher Marktanteil bei knapp 30.000 Studierenden und Mitarbeiter/inne/n und einem iPhone-Anteil von (damals) schätzungsweise 15%.

Das Feedback per E-Mail oder App Store war atemberaubend, werden IT-Abteilungen ansonsten doch eher als reiner Hygienefaktor im Universitätsbetrieb gesehen. Als vermeintlicher Innovator schafften wir’s schließlich sogar in die Presse; eine Fan-Seite auf Facebook folgte.

Schönheitsfehler im goldenen Käfig

Mit dem Erfolg kamen verständlicherweise sehr bald Ideen und Wünsche für weitere Features von WUdoo. Auf Entwickler-Seite musste ich aber schnell feststellen, dass das Hinzufügen neuer Funktionalität, Testen oder Logging immer aufwendiger wurden. Besonders ärgerlich waren die Updates auf iOS4 und iOS5, die beide Male mit neuartigen Crashes der App überraschten. Mein Punkt: Entwicklung und Betrieb einer Webseite sind deutlich wirtschaftlicher.

Währenddessen regte sich bei den Benutzer/inne/n von Android, Blackberry und Co. Unbehangen, warum wir als Universität nur Apples Betriebssystem unterstützten. Gute Frage eigentlich, ich wusste jedenfalls nur eine enttäuschende Antwort: Das Multiplizieren der oben geschilderten Probleme auf die jeweils nächste Plattform wollten wir uns nicht antun. (Christoph Weber entwickelte dann doch noch den schlanken WUdoo-Klon WUdroid, aber für mich war die Sache mit den Apps bereits gelaufen.)

Optimierte Webseiten sind besser!

Unser Ansatz: Webseiten sowohl für Desktops als auch für Smartphones erstellen - einmal entwickeln und warten, überall verwenden!

Im Laufe des Jahres 2010 setzte ich mich immer stärker dafür ein, den Irrweg mit den Apps nicht mehr zu beschreiten. Die Kolleg/inn/en vom CMS-Team taten dann auch einen tollen Job, als die WU Anfang diesen Jahres eine mobile Webseite (m.wu.ac.at) anstatt einer WU-App präsentierte.

Meine eigenen Projekte waren ähnlich gestrickt: Mit dem WU Directory ging eine Webseite in Betrieb, die sowohl für Desktop und Smartphone konzipiert war.

Für Neugierige: Detailseite am Desktop öffnen und die Elemente wie Menü, Spalten, Schriften usw. beim Verkleinern des Browserfensters beobachten. Die gut lesbare Anzeige am iPhone ist im Screenshot dargestellt.

Was passiert mit WUdoo?

Nun, die Entwicklungen an einem Nachfolger in Form einer mobil nutzbaren Webseite laufen. Damit wird die Anwendung für alle Smartphones, aber natürlich genauso für Desktops zur Verfügung stehen. Wir ersparen uns aufwendiges Programmieren für iOS, Android usw. Diesen Vorteil wollen wir in ein vielleicht umfangreicheres, vielleicht auch “nur” fehlerfreieres Produkt stecken.

Ob wir WUdoo (mutwillig) abdrehen, oder einfach nur auslaufen lassen, muss ich mir noch überlegen. Im Internet herrschte von Anfang an befruchtende Konkurrenz. Wenn schließlich die Studierenden meinen, das neue, webbasierte WUdoo sei viel besser, als das alte aus dem App Store, dann kann ich zufrieden sein.